Die europäische Chemiebranche steuert nach Einschätzung von Top-Managern wegen anhaltender Überkapazitäten auf eine Konsolidierungswelle zu. «Wir sind in Europa unter Druck», sagte Evonik-Chef Christian Kullmann kürzlich auf der «Handelsblatt»-Jahrestagung Chemie in Berlin. «Steht uns eine Konsolidierung der europäischen Chemie ins Haus? Ja.»
Besonders betroffen dürfte die Basischemie sein, während Unternehmen mit Spitzentechnologien und grösserer Preissetzungsmacht robuster aufgestellt seien. Die Konsolidierung werde dabei weit über Europa hinausreichen. «Wird die nur im eigenen Saft stattfinden, Europäer zwischen Europäern? Nein», sagte Kullmann. «Die wird sehr viel offener sein.»
Eine aktive Rolle nimmt dabei der staatliche Ölkonzern Adnoc aus Abu Dhabi ein, der den deutschen Kunststoffkonzern Covestro übernommen hat. Rainer Seele, Leiter des Chemiegeschäfts der Adnoc-Investmentgesellschaft XRG, verteidigte derartige Einstiege: Kein Unternehmen lasse sich auf eine Kooperation ein, wenn es darin keine eigenen Vorteile sehe. XRG bringe vor allem Kapitalkraft mit, an der es vielen Chemieunternehmen im derzeitigen Abschwung mangele.
Damit liessen sich Wachstum, Internationalisierung und Innovationen finanzieren. Mit Blick auf weitere Zukäufe in Europa dämpfte Seele die Erwartungen: «Wir denken an eine Diversifizierung des Portfolios.» XRG sei nicht rein europäisch ausgerichtet, auch wenn man hier bereits stark positioniert sei.
Trotz eines kurzfristigen Aufwinds im Geschäft vieler europäischer Chemieunternehmen warnten beide Manager vor überzogenem Optimismus. Das erste Quartal sei besser ausgefallen als erwartet, was vor allem am Krieg im Nahen Osten liege, erklärte Kullmann. Wegen der gestörten Lieferketten und Ausfällen aus Asien müssten viele Kunden derzeit verstärkt in Europa und den USA einkaufen.
«Wir werden ein starkes zweites Quartal sehen, das im Wesentlichen durch Hamsterkäufe und die Notwendigkeit zu produzieren getrieben ist.» Dieser Effekt sei jedoch nicht von Dauer, da asiatische Konkurrenten bald aggressiv in den Markt zurückkehren würden. «Ein Aufschwung ist nicht absehbar.» Auch Seele sprach von einer kurzen Verschnaufpause. «Ich glaube nicht, dass das zweite Halbjahr so wird wie der Jahresstart», sagte er. «Es wird schwieriger werden.»
Angesichts der geopolitischen Umbrüche müssten sich die Unternehmen strategisch neu aufstellen, sagte Kullmann. Der regelbasierte Welthandel gehöre der Vergangenheit an. Da Märkte zunehmend durch Protektionismus abgeschottet würden, müssten Firmen ihren geostrategischen Fussabdruck anpassen und direkt in den jeweiligen Regionen präsent sein, um Handelsbarrieren zu umgehen.
Sein Konzern strebe daher eine gleichmässige Verteilung des Geschäfts an: Jeweils rund ein Drittel solle künftig auf Europa, Asien sowie Nord- und Südamerika entfallen. Nur wer sich in diesen neuen Schutzzonen erfolgreich positioniere, könne von der Regionalisierung der Weltwirtschaft profitieren.
Von der Politik forderte der Evonik-Chef drastische Schritte, um die Wirtschaft aus der Umklammerung der Bürokratie zu befreien. «Wir raten dieser Bundesregierung, komplett, vollständig, sämtliche Regulierung für die nächsten Jahre aufzuheben», sagte Kullmann.
Der Europäischen Union warf er vor, sich auf neue Vorschriften statt auf die Förderung von Wirtschaftswachstum zu konzentrieren. Auch Seele mahnte ein politisches Umdenken an. Die aktuelle Subventionspolitik sei der falsche Ansatz. Ebenso wenig reichten zögerliche Steuersenkungen aus, stattdessen brauche es Reformen nach dem Vorbild der Agenda 2010.
(Reuters)

