«Unsere Unternehmen berichten von Signalen für erste extreme Engpässe und dem Abbrechen von Lieferketten», sagte der Hauptgeschäftsführer des Branchenverbands VCI, Wolfgang Grosse Entrup, am Donnerstagabend. Diese gingen über die Öl- und Gasversorgung hinaus. Betroffen seien Rohstoffe, die nicht mehr durch die für die Schifffahrt wichtige Strasse von Hormus gelangten, die der Iran blockiert. Es gehe auch um Produkte, die China nicht mehr exportiere, sondern wegen der angespannten Lage für den Eigenbedarf zurückhalte. «Bei wichtigen Rohstoffen ist die Lieferfähigkeit reduziert und perspektivisch auch abgestellt.» Das bereite der Branche grosse Sorgen. «Unsere Unternehmen arbeiten im absoluten Krisenmodus.»
Betroffen von der Blockade der Meerenge zwischen dem Iran und dem Oman sind etwa Düngemittel. Denn grosse Mengen an Ammoniak, Phosphor, Harnstoff (Urea) und Schwefel werden in der Golfregion produziert. «Die Ureapreise sind deswegen in den letzten Wochen bereits deutlich gestiegen - und das zu einer Zeit, in der in der nördlichen Hemisphäre gerade Pflanzzeit ist», schreibt die Commerzbank in einem Marktkommentar. Auch der Transport von Helium, das bei der Chipproduktion und in der Raumfahrtindustrie eingesetzt wird, ist gestoppt. Die Folgen eines Ausfalls der Helium-Lieferungen seien dramatisch, warnte Consorsbank-Analyst Jochen Stanzl. «Die Chipproduktion müsste heruntergefahren werden, die Preise würden steigen.» Das könne den Ausbau von KI-Rechenzentren beeinträchtigen.
Je länger der Krieg im Nahen Osten dauere, desto kritischer würden die Störungen im Welthandel, sagte Verbandschef Grosse Entrup. «Erste Produkte fliessen nicht mehr und was fliesst, fliesst zu extrem volatilen Preisen.» Die Unternehmen steuerten gegen, etwa wenn möglich durch Lagerhaltung, durch die Kürzung von Produktionskapazitäten oder Kostensenkungen. Evonik-Chef Christian Kullmann warnte, dass die Chemieproduktion nach und nach ins Ausland abwandern werde. «Dieser Prozess läuft schon und wird sich durch den Krieg noch beschleunigen», sagte er dem «Spiegel».
Keine Prognose wegen Nahost-Krieg
Die Krise trifft die deutsche Chemieindustrie in einer schwierigen Lage. Im vergangenen Jahr sank die Produktion um 3,3 Prozent, der Umsatz ging um 3,8 Prozent zurück. Die Kapazitäten waren im vierten Quartal nur zu 72,5 Prozent ausgelastet, deutlich unter der Rentabilitätsgrenze. Die Auftragslage ist weiter mau. Die Branche macht dafür die nicht wettbewerbsfähigen Produktionskosten in Deutschland verantwortlich, aber auch Überkapazitäten in China, die die Preise drücken, sowie die US-Zölle. «Die Krise ist nicht mehr ein Ereignis, sie ist der Betriebsmodus», beschrieb Grosse Entrup die Lage. Eine Prognose für das laufende Jahr traute er sich nicht zu. Die Unsicherheit durch den Nahost-Krieg, der die Ölpreise Achterbahn fahren lässt, sei einfach zu gross. Im Dezember hatte der VCI in der Chemiebranche einen Produktionsrückgang von einem Prozent für 2026 prognostiziert.
Die Gewerkschaft IGBCE warnte ebenfalls vor einem Kahlschlag in der chemischen Grundstoffindustrie. «Es droht der Verlust kompletter Industriecluster mit Monopolisierungstendenz, mindestens aber eine chaotische Deindustrialisierung», sagte der IGBCE-Vorsitzende Michael Vassiliadis. Er forderte einen politisch moderierten Prozess für eine Konsolidierung der Grundstoffchemie: «Wir appellieren an den Bundeskanzler, sich dafür in Europa stark zu machen und ihn gleichzeitig im eigenen Land anzuschieben.» Vorbilder für ein solch abgestimmtes Vorgehen gebe es bereits in Japan und Südkorea.
Die Arbeitgeber stehen aktuell mitten in einer neuen Tarifrunde für die 585.000 Beschäftigten der chemisch-pharmazeutischen Industrie mit der IGBCE. Diese fordert Kaufkraftsteigerung und Jobsicherheit.

