In der vergangenen Woche wurde der chinesische MSCI-Index relativ zum MSCI-Weltindex auf dem niedrigsten Stand seit den unmittelbaren Folgen der Anschläge vom 11. September 2001 gehandelt – damals waren die US-Märkte vier Tage geschlossen. Die beiden grössten Positionen – die Tech-Konzerne Tencent und Alibaba – sind um mehr als 29 Prozent gefallen und haben gemeinsam 337 Milliarden US-Dollar an Börsenwert vernichtet. Auch der Hang-Seng-Index erreichte zuletzt seinen tiefsten Stand im Verhältnis zum MSCI All-Country World Index seit 1990 – damals war Chinas Wirtschaft nur ein Bruchteil ihrer heutigen Grösse.

Zum Vergleich: Die heimischen Märkte in Shenzhen und Shanghai zeigen sich stabiler – zumindest teilweise. Der CSI-300-Index liegt rund 6 Prozent im Plus, angetrieben von einer starken Rally bei Technologie-Hardware-Herstellern. Ausserhalb des Technologiesektors sind Gewinne jedoch rar: Acht von zehn Branchen verzeichnen Verluste, Konsumwerte sind um mehr als 20 Prozent gefallen.

Diese schwache Entwicklung überrascht viele. Zu Jahresbeginn hatte Goldman Sachs einen Anstieg des MSCI China um 20 Prozent prognostiziert, nachdem der Index gerade seinen besten Jahresauftakt seit 2017 verzeichnet hatte. Lombard Odier stufte chinesische Aktien sogar auf «bevorzugt» hoch, in Erwartung steigender Unternehmensgewinne. Unter Investoren wuchs die Zuversicht, dass der Markt – mit etwas Unterstützung aus Peking – seinen Ruf als Boom-und-Bust-Markt ablegen und stabilere Gewinne liefern könnte.

Diese Hoffnungen haben sich jedoch in Enttäuschung verwandelt, insbesondere vor dem Hintergrund der starken Kursgewinne in Südkorea, Taiwan und Japan, wo die Leitindizes zwischen 17 Prozent und 99 Prozent zugelegt haben. «Chinesische Aktien waren ein wesentlicher Belastungsfaktor für unser Portfolio im bisherigen Jahresverlauf», sagte Gerald Gan, Chief Investment Officer bei Reed Capital. «Wir haben Unternehmen wie Tencent und Alibaba, aber sie entwickeln sich sehr schlecht. Die Performance-Unterschiede zwischen den grossen Volkswirtschaften sind extrem und völlig enttäuschend.»

Drohende Verschlechterung

Die Gründe für den Rückgang sind vielfältig und anhaltend: Der schwache chinesische Konsum drückt die Gewinne von Internetunternehmen und Autobauern. Anleger bevorzugen im KI-Boom zunehmend Chip-Hersteller gegenüber grossen Plattform- und Cloud-Anbietern, was China benachteiligt, da es kaum bedeutende Hardware-Champions in diesem Bereich hat. Pekings jüngstes Vorgehen gegen Kapitalabflüsse über Grenzen hinweg sorgt zudem für strengere Kontrollen von Hongkong-Investitionen und erhöht die regulatorischen Risiken erneut.

Besonders irritierend ist die Entwicklung vor dem Hintergrund, dass gerade Chinas Fortschritte bei Künstlicher Intelligenz – insbesondere DeepSeek – im vergangenen Jahr ausländische Investoren zurück an die Aktienmärkte gelockt hatten und dem Markt das Stigma der «Nicht-Investierbarkeit» genommen schien.

Der Abschwung könnte das Vertrauen globaler Investoren weiter schwächen, gerade jetzt, da grosse chinesische Tech-Konzerne ihre KI-Investitionen ausweiten. Tencent plant, seine Investitionsausgaben 2026 mindestens zu verdoppeln und über 36 Milliarden Yuan (zirka 5,3 Milliarden US-Dollar) zu erreichen, während Alibaba über mehrere Jahre 380 Milliarden Yuan investieren will. Gleichzeitig drohen die Kursverluste den IPO-Boom in Hongkong zu bremsen. 

Auch andere frühere Gewinner haben in diesem Jahr schlecht abgeschnitten, da Investoren stark auf KI setzen und Kapital in Chipwerte umschichten. Bitcoin ist um mehr als 50 Prozent vom Vorjahreshoch gefallen und liegt unter 60'000 Dollar, Gold hat etwa 25 Prozent seit dem Januar-Hoch verloren. Die «Magnificent Seven» der grossen US-Tech-Konzerne (wie Apple und Alphabet) liegen 6 Prozent im Minus.

Kevin Net, Leiter für asiatische Aktien bei Financière de l’Echiquier in Paris, bevorzugt seit Jahresbeginn chinesische Onshore-Aktien: «Die meisten Themen, die wir mögen, sind in Shanghai oder Shenzhen gelistet, etwa KI, Industrie und Metalle», sagte er. «Im Offshore-Bereich findet man dagegen Konsum, Internet und Nicht-KI-Technologie – also genau das, was wir eher meiden.»

Verschlechterung der Konjunktur

Belastet werden chinesische Aktien durch Anzeichen einer Verschlechterung der Binnenwirtschaft. Die Einzelhandelsumsätze fielen zuletzt erstmals seit der Pandemie, die Immobilienpreise sinken schneller, und die Investitionen in Anlagevermögen gehen zurück. Exporte bleiben zwar stark, vor allem dank Chips und Computern, doch ohne grössere Konjunkturpakete könnte sich die Abschwächung fortsetzen. 

«Wir erwarten, dass das BIP-Wachstum im zweiten Quartal auf etwa 4,4 Prozent fällt und damit unter dem offiziellen Jahresziel liegt», sagte Larry Hu von Macquarie. «Wenn der globale KI-Boom die Exporte weiter antreibt, wird die Regierung wahrscheinlich keine grossen Stimulusmassnahmen für den Binnenkonsum ergreifen – die Inlandsnachfrage bleibt dann schwach.» 

Diese schwache Nachfrage belastet die Unternehmensgewinne. Tencent meldete zuletzt das langsamste Umsatzwachstum seit sechs Quartalen, Alibaba verzeichnete sogar den ersten operativen Quartalsverlust seit 2021.

Zusätzliche geopolitische Risiken verschärfen die Lage. So warf das KI-Unternehmen Anthropic Alibaba vor, unrechtmässig auf sein Claude-Modell zuzugreifen, und bat die US-Regierung um Unterstützung. Zudem stufte das US-Verteidigungsministerium mehrere chinesische Tech-Unternehmen als sicherheitsrelevant im Kontext des Militärs ein.

Die Risiken geopolitischer Natur seien weiterhin präsent, sagte Sam Konrad von Jupiter Asset Management. Zudem habe der chinesische Aktienmarkt im Gegensatz zu Südkorea oder Taiwan keine klaren Hauptprofiteure des KI-Investitionsbooms.

Neue Strafmassnahmen

Gleichzeitig geht China verstärkt gegen illegale Kapitalabflüsse vor. Neue Massnahmen beinhalten Strafen von rund 330 Millionen Dollar gegen Broker, die von chinesischen Anlegern für Auslandsinvestitionen genutzt werden.

Das könnte insbesondere Hongkong treffen, da diese Plattformen bisher eine wichtige Kapitalquelle für den Markt waren. Ohne Beteiligung von Anlegern aus dem chinesischen Festland könnte sich die Liquidität an künftigen IPOs deutlich verschlechtern.

Trotzdem bleibt das Emissionsgeschäft bislang robust: In Hongkong wurden 2026 bereits rund 44 Milliarden Dollar durch IPOs, Platzierungen und Block Trades eingesammelt – ein Plus von 29 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Das Risiko besteht darin, dass das Interesse an chinesischen Aktien dauerhaft nachlässt und der starke Boom des Vorjahres verblasst – trotz der Rolle Chinas als globaler Produktions- und Technologiestandort.

«Wir werden weiterhin aktiv nach Chancen in China suchen», sagte Elfreda Jonker von Alphinity. «Aber bisher haben wir keine wirklich überzeugende Gelegenheit gefunden.»

(Bloomberg/cash)