Die chinesische Exportwirtschaft hat trotz des Iran-Kriegs und der Handelsstreitigkeiten mit den USA überraschend deutlich an ⁠Fahrt gewonnen. Die Ausfuhren stiegen im April im Jahresvergleich um 14,1 Prozent, wie die Zollbehörde in Peking am Samstag mitteilte. Die Exporteure ‌profitierten von einer hohen Nachfrage nach Technologie für Künstliche Intelligenz (KI) sowie von Käufern, ‌die aus Sorge vor weiter steigenden Kosten durch ​den Nahost-Konflikt Aufträge vorzogen und Bauteile horteten. Ökonomen hatten lediglich mit einem Plus von 7,9 Prozent gerechnet, nachdem die Exporte im März um 2,5 Prozent gewachsen waren.

Der Konflikt im Nahen Osten habe die weltweite Nachfrage nach einer Aufstockung der Lagerbestände in der Industrie angetrieben, sagte Xing Zhaopeng, Chefanalyst für China bei der Bank ANZ. ‌Aber auch die chinesischen Importe legten mit einem Zuwachs von 25,3 Prozent deutlich stärker zu als erwartet. Der Handelsbilanzüberschuss der Volksrepublik kletterte damit im vergangenen Monat auf 84,8 Milliarden Dollar.

Experten warnen jedoch vor Risiken für ​die chinesische Wirtschaft: Sollte der Konflikt im Nahen Osten andauern und die Energiepreise weiter ​hoch halten, könnte die Auslandsnachfrage nachlassen. Eine schwache Binnennachfrage wäre dann ​kaum in der Lage, diese Lücke zu schliessen. Zudem stieg die Arbeitslosigkeit zuletzt leicht an, und auch die chinesischen Hersteller spüren die ‌höheren Kosten für Treibstoff und Transport. Die Einkaufspreise blieben insbesondere für Erdöl, Kohle und Chemikalien auf einem hohen Niveau. Die chinesische Wirtschaft wuchs im ersten Quartal zwar mit fünf Prozent am oberen Ende der Zielvorgabe der ​Regierung, die ​Einzelhandelsumsätze blieben jedoch hinter der Industrieproduktion zurück.

Das starke Exportgeschäft ⁠dürfte auch Chinas Position bei dem anstehenden Besuch von US-Präsident ​Donald Trump in Peking am 14. ⁠und 15. Mai stärken. Der Handelsüberschuss Chinas mit den USA summierte sich in diesem Jahr bislang ‌auf 87,7 Milliarden Dollar. Beide Länder bemühen sich um eine Stabilisierung ihrer Beziehungen, die durch Spannungen beim Handel wie die US-Zölle, den Status von Taiwan und den Iran-Krieg belastet sind. ‌China betrachtet das von den USA unterstützte Taiwan als abtrünnige Provinz und ist ein ​grosser Abnehmer iranischer Öllieferungen, die derzeit von den USA blockiert werden. Trump dürfte vor den US-Zwischenwahlen im November auf Zugeständnisse Pekings drängen. Analysten und Unternehmensvertreter erwarten jedoch keine grossen Durchbrüche.

(Reuters)