Das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) dürfte die jährliche Zielmarke von rund fünf Prozent erreichen, sagte Li am Dienstag vor Delegierten des Weltwirtschaftsforums im nordostchinesischen Tianjin. Im ersten Quartal hatte es nur zu einem Plus von 4,5 Prozent gereicht. Angesichts einer verlangsamten Industrieproduktion infolge der schwächeren Auslands- und Inlandsnachfrage will die Regierung gegensteuern. "Wir werden mehr praktische und wirksame Massnahmen ergreifen", kündigte Li an.

Der Regierungschef, der gerade von Besuchen in Deutschland und Frankreich zurückgekehrt ist, forderte Europa zur Zusammenarbeit auf. "Die unsichtbaren Barrieren, die einige Leute in den vergangenen Jahren errichtet haben, machen sich breit und treiben die Welt in die Zersplitterung und sogar in die Konfrontation", sagte Li in Anspielung auf Pläne der EU, sich wirtschaftlich und politisch unabhängiger von China zu machen. "Wir lehnen die künstliche Politisierung von Wirtschafts- und Handelsfragen entschieden ab", sagte Li.

Grosse westliche Banken haben zuletzt ihre Prognosen für das Wachstum der chinesischen Wirtschaft nach enttäuschenden Konjunkturdaten gesenkt. Das BIP der nach den USA zweitgrössten Volkswirtschaft der Welt dürfte nach den Vorhersagen von UBS, Standard Chartered, Bank of America und JPMorgan in diesem Jahr zwischen 5,2 und 5,7 Prozent zulegen. Bislang lag die Spanne bei 5,7 bis 6,3 Prozent. Das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) rechnet mit einem Wachstum von 5,6 Prozent. "Die Erholung der chinesischen Wirtschaft nach der Abkehr von der Null-Covid-Politik fällt moderat aus", so die Kieler Ökonomen. "Fallende Immobilienpreise und die finanziellen Probleme zahlreicher Immobilienentwickler haben nicht nur die Bautätigkeit gedämpft, sondern sich wohl auch negativ auf die Konsumbereitschaft ausgewirkt."

(Reuters)