Aus dem Schneider ist die Spezialchemiefirma aber noch nicht. Clariant sieht sich mit einem Berg an Schadensersatzklagen konfrontiert, nachdem es in früheren Jahren zusammen mit anderen Unternehmen beim Einkauf von Ethylen getrickst hatte. Nun hat erstmals ein Gericht die Klage eines geschädigten Unternehmens abgewiesen.
Den Schlamassel hatte sich Clariant mit Verstössen auf dem Ethylen-Einkaufsmarkt eingebrockt. Clariant, Orbia, Celanese und Westlake hatten sich in früheren Jahren beim Kauf von Ethylen abgesprochen, um den tiefstmöglichen Preis zu erzielen.
Das Kartell wurde aufgedeckt und von der EU-Kommission bestraft. Alle vier Unternehmen gestanden im Sommer 2020 ihre Rolle in dem Kartell ein und stimmten einem Vergleich zu. Clariant bezahlte dabei eine Busse von 155,8 Millionen Euro.
Klagewelle rollte 2023 an
Mit der Busse war die Angelegenheit allerdings nicht erledigt. Im Herbst 2023 reichte Shell als erstes Unternehmen eine Schadenersatzklage gegen Clariant und die drei Mitbeklagten ein. Verlangt wurden bis zu eine Milliarde Euro. Der Mineralölkonzern machte geltend, durch das Kartell finanziell geschädigt worden zu sein.
Das war der Startschuss zu einer regelrechten Klagewelle: Am Ende standen insgesamt acht Firmen Schlange, die Forderungen in Milliardenhöhe stellten. Darunter sind neben Shell Firmen wie BASF, TotalEnergies, Dow oder OMV.
Clariant wehrte sich stets gegen die Vorwürfe. Das beanstandete Verhalten habe keine Auswirkungen auf den Ethylen-Markt gehabt - das würden auch wirtschaftliche Analysen belegen. Es wurden auch keine Rückstellungen für die Klagen gebildet.
Erstes Verdikt liegt vor
Mit dem Urteil des Bezirksgerichts Amsterdam liegt nun erstmals ein gerichtlicher Entscheid vor. Das Gericht wies die Schadenersatzklage von Shell gegen Clariant und die Mitbeklagten vollständig ab. Die vom Mineralölkonzern vorgelegten Beweise seien nach Auffassung des Gerichts nicht zuverlässig und nicht plausibel.
Zwar kann Shell gegen das Urteil Berufung einlegen, und auch die übrigen Verfahren sind noch hängig. Nach Einschätzung von Analysten stärkt der Entscheid jedoch die Position von Clariant, wonach bislang kein auf das Verhalten der Beklagten zurückzuführender Schaden nachgewiesen werden konnte.
Analysten sprechen denn auch von einem ersten bedeutenden juristischen Erfolg für Clariant. Die ausführliche Begründung des Gerichts könnte den anderen Gerichten bei der Beurteilung vergleichbarer Klagen als Orientierung dienen.
Aktie profitiert vom Urteil
Analysten rieten in der Vergangenheit stets, die Aktien von Clariant wegen des Unsicherheitsfaktors «Ethylen-Klagen» mit einem Abschlag von 30 Prozent zu ihrem eigentlichen Wert zu handeln. Dieser Malus wird nun nach und nach wieder «eingepreist», wie das im Börsenjargon heisst.
Am Donnerstag notieren die Aktien von Clariant zur Mittagsstunde um 17,7 Prozent höher. Die Erleichterung der Investoren ist also deutlich sichtbar.
(AWP)

