In den spartanischen Büroräumen des Chemieunternehmens Gechem in der Pfalz gehen der Inhaberin und Geschäftsführerin Martina Nighswonger die Optionen aus. Nach Jahren des Kampfes gegen die Folgen der Corona-Pandemie, der Energiekrise nach dem russischen Überfall auf die Ukraine und ‌der US-Zölle ⁠treibt nun ein neuer Konflikt im Nahen Osten die Preise für ihre wichtigsten Rohstoffe in die Höhe. Die Angriffe der USA und Israels auf ⁠den Iran haben Öllieferungen aus der Golfregion behindert und den Rohölpreis auf über 100 Dollar pro Barrel getrieben. Für viele europäische Unternehmen ist dies ein weiterer schwerer Schlag in einer langen Kette ‌von Krisen. «Es lässt halt nicht nach», sagte Nighswonger der Nachrichtenagentur Reuters. «Jedes Jahr ist der Überschuss ein bisschen geringer, ‌und irgendwann ist er weg.»

Der 165 Jahre alte Traditionsbetrieb, ein typischer Vertreter ​des deutschen Mittelstands, kämpft mit enormen Kostensteigerungen. Der Preis für Sulfaminsäure, die für die Herstellung von Toiletten- und Geschirrspülertabs benötigt wird, ist um ein Fünftel in die Höhe geschnellt. Dies bedeutet für Gechem in diesem Jahr Mehrkosten von 300'000 bis 400'000 Euro. Die Frachtraten steigen fast täglich, manchmal um bis zu fünf Prozent. Als Reaktion darauf hat das Unternehmen Neueinstellungen und Investitionen auf Eis gelegt und erwägt zum ersten Mal seit zwei Jahrzehnten einen Stellenabbau. «Wir haben schon oft ‌gekämpft», sagte Nighswonger. «Erst kam Corona, dann der Ukraine-Krieg und die Energiekrise, letztes Jahr die Zölle von Herrn Trump und jetzt kommt wieder was obendrauf. Da wird man müde und weiss sich nicht mehr zu helfen», beklagte sie.

Folgen für die Konjunktur

Der Konflikt weckt Erinnerungen an den Energieschock von 2022 und schürt die Zweifel, ​ob energieintensive Sektoren wie die Chemie- und Stahlindustrie in Europa überhaupt noch eine Zukunft haben. Der deutschen Wirtschaft allein ​drohen den IW-Ökonomen zufolge bei einem Ölpreis von 100 Dollar pro Barrel Einbussen von 40 Milliarden ​Euro. Peter Voser, Verwaltungsratspräsident des Schweizer Industriekonzerns ABB, warnte vor schweren Folgen für die Weltwirtschaft. Kurzfristig könnten Unternehmen, die Gas als primäre Energiequelle nutzten, sogar ihre Montagelinien stilllegen. «Aber die wirklichen globalen Auswirkungen ‌werden erst später eintreten», sagte er. «Je länger der Krieg andauert, desto tiefer wird der Einschnitt auf der Nachfrageseite sein.»

In der gesamten europäischen Industrie arbeiten Unternehmen im Krisenmodus. Der Chemiekonzern Lanxess kündigte den Abbau von 550 Stellen an. Der Spezialchemieriese Evonik erklärte, er könne wohl nur teilweise gestiegene Kosten an die Kunden weiterreichen. Der französische ​Kunststoffrohrhersteller Elydan berichtete, ​dass asiatische Lieferanten wegen der Ölknappheit höhere Gewalt («Force Majeure») anmeldeten und Verträge neu ⁠verhandelten. Der Druck ist in der gesamten Wertschöpfungskette spürbar. Branchenriesen wie BASF und Wacker Chemie haben ​bereits die Preise erhöht. Das konstatiert auch ⁠der Chemikalienhändler Brenntag. Die grössere Sorge sei, was diese Entwicklung - sollte sie anhalten - für die Nachfrage bedeuten könnte, sagte Vorstandschef Jens Birgersson.

Anfälligkeit Europas

Die Krise trifft Europa ‌härter als andere Regionen, da die Energiekosten hier bereits zuvor deutlich höher waren als in den USA oder Asien. «Die Wettbewerbsfähigkeit Europas hängt davon ab, seine Versorgung mit sicherer und erschwinglicher Energie zu verbessern», sagte Karl Pettersen von der Ratingagentur Scope. Diese sieht ein deutlich ‌erhöhtes Ausfallrisiko für Branchen wie Metalle und Chemie, sollte der Ölpreis in Richtung 130 Dollar steigen. Die deutsche Stahlindustrie ​mahnte weitere politische Unterstützung zur Stabilisierung der Gas- und Strompreise an. Der Krieg habe die «enorme Anfälligkeit» Europas offengelegt, hiess es vom Verband WVS. Anders als bei der Energiekrise 2022 haben die europäischen Regierungen jedoch weniger finanziellen Spielraum, um die Industrie mit massiven Subventionen zu schützen.

(Reuters)