Pensionskassen arbeiten mit klaren Regeln. Jedes Anlagegremium legt schriftlich fest, welche Ziele es verfolgt, wie das Vermögen auf Anlageklassen verteilt, wann angepasst und wie kontrolliert wird. Da müssen Aktienanteile auch mal reduziert werden, auch wenn die Märkte weiter steigen. Weil der Aktienanteil am Gesamtportfolio den per Strategie definierten Bereich überschritten hat.

Viele private Anlegerinnen und Anleger investieren hingegen nach Bauchgefühl: Sie kaufen, wenn die Börse oder einzelne Sektoren boomen, sie verkaufen in der Krise - und wundern sich dann, dass die Rendite enttäuscht.

Wer langfristigen Vermögensaufbau für die Vorsorge ernst nimmt, braucht einen Kompass. Ein privates Anlagekonzept - aufgebaut wie dasjenige einer Pensionskasse, nur persönlich und weniger komplex - bietet genau das.

Der Nutzen liegt auf der Hand: Das Regelwerk schützt vor emotionalen Fehlentscheidungen. Es schafft klare Verantwortlichkeiten, gegebenenfalls innerhalb des Paares. Und es macht die Anlagestrategie über Jahre nachvollziehbar. Erst so wird echtes Controlling möglich: Fehler lassen sich erkennen und korrigieren, die Rendite zielgerichtet verbessern. Ein gutes Anlagereglement beantwortet fünf Fragen:

Wie lange muss das Vermögen reichen?

Die zentrale Vorfrage lautet: Wie lange soll das Vermögen reichen? Bis zum statistischen Lebensende, bis zum selbst geschätzten oder darüber hinaus, um auch den Erbinnen und Erben etwas zu hinterlassen? 

Die Unterscheidung ist entscheidend, denn von der Zeitdauer hängt das (realistische) Anlageziel ab. Beim Vermögenserhalt geht es darum, die Kaufkraftverluste durch die Inflation abzufedern und den Lebensstandard möglichst lange zu sichern.

Wer allerdings deutlich länger lebt als die statistische Lebenserwartung oder das in der Planung angenommene Referenzalter, dem drohen wegen der Langlebigkeit erhebliche Kapitaldefizite. Wer dieses finanzielle Risiko minimieren will, plant einen Puffer ein. Tritt das Langlebigkeitsrisiko nicht ein, fliesst dieser Puffer als Erbe an die nächste Generation.

Eine bewusste Alternative ist das gezielte Entsparen: Vermögensaufbau bis zur Rente, anschliessend planmässiger Verzehr, sodass das Vermögen zum rechnerischen Todeszeitpunkt gegen null tendiert. Diese Variante erlaubt einen höheren Lebensstandard im Alter - doch bleibt dann nichts zu vererben. Und wer länger lebt als erwartet, muss im hohen Alter mit erheblichen Einschränkungen des Lebensstandards rechnen.

Von der Zeitdauer und dem Anlageziel lassen sich anschliessend die benötigte Zielrendite und das Alterskapital ableiten. Ein Beispiel: Ein Ehepaar rechnet mit Mehrkosten über der AHV-Rente von 70’000 Franken pro Jahr, um den Lebensstandard halten zu können. Es will das Langlebigkeitsrisiko minimieren und rechnet deshalb mit einem Puffer. Bei einer konservativ angenommenen Inflationsrate von 2 Prozent pro Jahr und einer verbleibenden Berufstätigkeit von 15 Jahren ergibt sich ein Kapitalbedarf von 3 Millionen Franken bis zum 90. Altersjahr - unter der Annahme einer Realrendite von 0 Prozent während der Pension. Die Realrendite bezeichnet den Ertrag aus den Anlagen nach Abzug der Inflation.

Wieso 90 Jahre? Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt für Männer und Frauen mit rund 82 respektive 86 Jahren deutlich tiefer. Doch wer das 65. Altersjahr erreicht hat, lebt statistisch länger: Im 80. Lebensjahr liegt die Lebenserwartung bei rund 90 respektive 91 Jahren. Das Langlebigkeitsrisiko wächst also mit jedem zusätzlichen Altersjahr. Wer konservativ rechnen will, geht deshalb von einer höheren Inflation und einem sehr späten Todeszeitpunkt aus.

Legt das Paar während der verbleibenden 15 Berufsjahre jeweils zu Jahresbeginn 60’000 Franken auf die Seite, müsste es eine Rendite von rund 14 Prozent pro Jahr erzielen, um das nötige Vorsorgekapital zu erreichen. Das ist äusserst ambitioniert.

Realistischer ist die langfristige Durchschnittsrendite von Schweizer Aktien von etwa 7,5 Prozent pro Jahr. In der verbleibenden Zeit erreichen sie damit allerdings nur ein Kapital von 1,7 Millionen Franken. Hätte das Paar nur fünf Jahre früher begonnen, wäre die Rechnung dagegen fast aufgegangen. Zeit ist damit der wichtigste Faktor bei der Vorsorgeplanung: Wer früher beginnt, muss tiefere jährliche Sparraten leisten - oder häuft ein grösseres Vermögen an.

Dem Paar bleiben nun vier Stellschrauben: länger arbeiten, mehr sparen, Lebensstandard reduzieren oder Anlagerisiko erhöhen. Das Abwägen dieser vier Eckpunkte dürfte indes am besten auf die Realität der meisten Personen zutreffen: Nur wenige haben den Fünfer und s’Weggli gleichzeitig.

In die Berechnung der Zielrendite gehört zwingend auch das Pensionskassenvermögen. Bezieht das Paar eine Rente aus der zweiten Säule, sinkt der jährliche Mehrbedarf von 70’000 Franken für den gleichen Lebensstandard. Beim Kapitalbezug wiederum ist ein massgeblicher Teil des Vorsorgevermögens bereits vorhanden - die nötigen jährlichen Investitionsbeiträge fallen entsprechend tiefer aus.

Welche Anlageklassen kommen in Frage?

Das Kernelement des Anlagereglements ist die strategische Allokation: die langfristige Verteilung des Vermögens auf Anlageklassen wie Aktien, Obligationen, Immobilienanlagen, Rohstoffe, Gold, Krypto und Liquidität.

Die Begründung ist in der Forschung gut dokumentiert: Die Allokation prägt den Anlageerfolg weit stärker als die Auswahl einzelner Titel oder das «Market-Timing». Ein Beispiel aus der Praxis: Laut einer Analyse von Vanguard hätte ein Investor, der während 25 Jahren alle positiven und negativen Wirtschaftsschocks korrekt antizipierte, nur eine Überrendite von 0,2 Prozent pro Jahr gegenüber einem klassischen 60-40-Portfolio (d.h. 60 Prozent in Aktien, 40 Prozent in Obligationen) erzielt. Bei einer Trefferquote von etwa der Hälfte hätte er das 60-40-Portfolio nicht geschlagen.

Bei der Auswahl der Anlageklassen helfen derweil fünf Kriterien:

- Verständlichkeit (nur anlegen, was man sich selbst erklären kann)

- Diversifikation (breite Streuung über Regionen und Industrien und Anlageklassen)

- Kosten (hohe laufende Kosten sind der sicherste Renditekiller)

- Liquidität (das Vermögen sollte ohne grosse Abschläge verfügbar bleiben - besonders wichtig bei Private Equity (PE) und Private Credit (PC))

- Risikoprofil (das Portfolio muss zur eigenen Risikofähigkeit passen, finanziell wie psychologisch).

Die strategische Allokation folgt idealerweise einem Lebenszyklus-Ansatz: Je länger der Anlagehorizont, desto mehr Risiko - sprich Aktienquote oder illiquide alternative Anlagen - ist tragbar. Je näher die Pensionierung rückt, desto defensiver wird die Strategie, denn kurz vor der Rente fehlt die Zeit, einen Crash auszusitzen. Nachfolgend eine beispielhafte Porfoliozusammensetzung je nach Alterskategorie:

  45 Jahre 55 Jahre 65 Jahre
Aktien 70% 60% 40%
Obligationen 10% 20% 40%
Illiquide Anlagen (z.B. Immobilien, PE, PC) 10% 10% Immobilien 10%
PE/PC 0%
Rohstoffe, Krypto 5% 5% 0% (allenfalls Gold)
Liquidität 5% 5% 10%

Quelle: cash.ch. Maximale Richtwerte je Kategorie. Diese sind wiederum abhängig von der Risikofähigkeit der Investierenden, dem Lebensstil und der Vorsorgesituation. So kann etwa bei einem sehr grossen Vermögen und bescheidenem Lebensstil eine deutlich höhere Aktienquote gefahren werden. Bei sehr jungen Anlegerinnen und Anlegern sollte wiederum die Obligationenquote 0 Prozent betragen. Die Liquidität und die frei werdenden Mittel fliessen hier üblicherweise in Aktien oder risikoreichere Anlageklassen.

Wann und was passe ich an? 

Neben der strategischen Allokation kennt das Regelwerk allenfalls eine taktische Allokation: einen eng begrenzten Spielraum, um auf Marktentwicklungen zu reagieren – allerdings nur wenige Prozent des Portfoliowerts. Dafür ist auch ein Teil der Liquidität da.

Weiter müssen Anlegerinnen und Anleger regelmässige Portfolioanpassungen vornehmen - das sogenannte Rebalancing. Hier wird die Ist-Allokation auf die Soll-Allokation korrigiert. Entweder in festen Intervallen, etwa einmal pro Jahr, oder nach Schwellenwerten, etwa wenn die Aktienquote mit 75 Prozent den Zielwert von 70 Prozent überschreitet.

Ein Toleranzkorridor von beispielsweise 5 Prozent verhindert das sogenannte «Overtrading». Denn Transaktionsgebühren können ebenfalls die langfristige Rendite spürbar schmälern - übermässiges Handeln ist deshalb zu vermeiden. 

Der grösste Vorteil von Rebalancing: Es ersetzt Emotion durch Disziplin. Wer neu gewichtet, verkauft automatisch, was teuer geworden ist, und kauft, was gefallen ist - genau das Gegenteil dessen, was das Bauchgefühl vielfach nahelegt. Und wenn alles gleichzeitig steigt, ist nichts zu tun. Auch gut.

Wie überprüfe ich das Portfolio?

Ein Anlagereglement ohne Kontrolle ist Makulatur. Empfehlenswert ist deshalb ein zweistufiger Rhythmus: kurze Checks, etwa halbjährlich, und eine ausführliche Jahresrevue an einem fixen Termin.

Die Jahreskontrolle prüft vier Kriterien: Performance, Allokation, Kosten und Risiko. Bei Paaren lohnt sich eine klare Rollenverteilung: Eine Person bereitet die Überprüfung vor, die andere verifiziert und entscheidet mit - oder umgekehrt. Wichtig ist die schriftliche Dokumentation aller Entscheide: Datum, Entscheid, Begründung. 

Das Prozedere wirkt nüchtern, ist aber Gold wert: Es macht die Strategie über Jahre nachvollziehbar, verhindert nachträgliche Schönfärberei und legt den Grundstein für echtes Controlling und eine laufende Renditeverbesserung. Das Anlagereglement ist dabei kein starres Korsett. Es verändert sich - so wie das Leben selbst. Nur eben nicht dann, wenn sich die Finanzmärkte in die eine oder andere Richtung bewegen.

Und was sind die Regeln in der Entnahmephase?

Auch die Entnahme gehört ins Reglement - sonst wird auch sie zum Bauchgefühl-Entscheid. Drei Modelle haben sich bewährt: die fixe Summe, der dynamische Bezug (ein fester Prozentsatz des jeweils aktuellen Portfoliowerts) und die zeitgestaffelte Reserve. Hier liegen die Ausgaben der rollenden nächsten zwei bis drei Jahre in Liquidität, der Rest bleibt investiert. Nach guten Börsenjahren wird die Reserve wieder aufgefüllt, nach Crashjahren lebt man aus der Reserve.

Das Sequenzrisiko gehört an diesem Punkt ebenfalls angesprochen. Wer noch spart, dem ist die Reihenfolge der Jahresrenditen egal: Ob der Crash am Anfang oder am Ende des Anlagehorizonts kommt, ändert am Endvermögen wenig. Sobald Geld entnommen wird, dreht sich die Lage allerdings dramatisch. Ein Crash von beispielsweise 20 Prozent zu Beginn der Bezugsphase trifft viel härter als einer am Ende. Der Grund: Wer nach einem Einbruch weiter denselben Betrag entnimmt, verkauft mehr Titel zu Tiefstpreisen. Diese Titel fehlen bei der Erholung - der Weg zurück zum Vorkrisenwert wird deutlich schwerer.

Immer mehr Vorsorgeexpertinnen und -experten argumentieren deshalb, dass Pensionierte zu Beginn der Pensionierung am verletzlichsten sind. Mit zunehmendem Alter sinkt dieses Risiko wieder. Theoretisch kann der Aktienanteil dann wieder steigen und so dem Langlebigkeitsrisiko entgegenwirken.

In den meisten Fällen gilt allerdings: Bei Bezugsdauern von 25 Jahren und mehr ist eine niedrige Aktienquote keine Sicherheitsstrategie, sondern ein schleichender Kaufkraftverlust. Entscheidend ist daher eher die Zweckbindung: Das für den Lebensunterhalt benötigte Kapital wird zum Grossteil defensiv geführt - etwa in Form einer Rente -, der darüber hinausgehende Puffer kann als Kapital bezogen werden und risikoreicher investiert bleiben.

Das Anlagereglement ist allerdings keine Garantie für eine höhere Rendite. Es schützt vielmehr vor dem teuersten Fehler der privaten Vorsorge: dem eigenen Bauchgefühl. 

Luca_Niederkofler
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