Die Schweizerische Nationalbank (SNB) hält an der bestehenden Geldpolitik fest. Sie beliess am Donnerstag den Leitzins bei null Prozent. Der Zins wurde damit zum vierten Mal in Folge nicht angetastet. Hir die Reaktion von Ökonomen und Anlagestrategen.

Brian Mandt, Chefökonom Luzerner Kantonalbank: 

«Stabil statt spektakulär: Die Schweizerische Nationalbank (SNB) setzt mit ihrer Entscheidung, den Leitzins bei 0 Prozent zu belassen, ein klares Zeichen der Kontinuität. Dort dürfte er auch noch die nächsten Monate bleiben, denn die Inflationsaussichten sind gut. So erwarten wir, dass die Teuerungsrate in den nächsten Monaten etwa auf dem Niveau von 0,6 Prozent bleiben wird. Zudem zeichnet sich ab, dass die Strasse von Hormus bald wieder geöffnet werden könnte. Das dürfte den Aufwärtsdruck auf die Energiepreise dämpfen. Gleichzeitig stehen die Chancen damit gut, dass die Schweizer Wirtschaft im kommenden Jahr wieder an Fahrt gewinnt. Vor diesem Hintergrund halten wir es für realistisch, dass die SNB den Leitzins 2027 auf 0,25 Prozent anheben wird, zumal sie ihre Geldpolitik in ihrer letzten geldpolitischen Zusammenfassung als expansiv bezeichnete.»

Karsten Junius, Chefökonom J. Safra Sarasin:

«Die SNB hat zudem ihre Inflationsprognose angehoben. Insbesondere die Anhebung der Inflationsrate für 2028 auf 0,8 Prozent im Jahresvergleich deutet darauf hin, dass sie erwartet, dass eine expansive Geldpolitik zur Ankurbelung der Wirtschaft beitragen wird, wodurch künftige Zinserhöhungen wahrscheinlicher als Zinssenkungen werden. Da die erwartete Inflation weiterhin relativ niedrig ist, sehen wir uns in unserer Annahme bestätigt, dass die SNB ihren Leitzins vor Ende 2027 nicht anheben muss. Infolgedessen könnte sich der Zinsunterschied zum Euroraum weiter vergrössern und dadurch der Bedarf an künftigen Devisenmarktinterventionen sinken. Wir erwarten einen Wechselkurs von Schweizer Franken zu Euro von 0,91 Ende 2026.»

Marc Brütsch, Chefökonom Swiss Life Asset Managers: 

«Die SNB signalisiert weiterhin eine erhöhte Bereitschaft, am Devisenmarkt zu intervenieren und den Schweizer Franken zu schwächen – die tatsächlichen Interventionen blieben Schätzungen zufolge in den letzten Monaten jedoch begrenzt. Seit Januar 2016 hat sich der Schweizer Franken (handelsgewichtet gemäss SNB-Methode) um rund 35 Prozent aufgewertet. Für den Aussenhandel ist jedoch nicht der nominale, sondern der inflationsbereinigte und damit reale Wechselkurs entscheidend: Dieser ist im selben Zeitraum lediglich um etwa 4 Prozent gestiegen. Zwar lässt sich eine Aufwertung des Schweizer Frankens nicht leugnen, ihr Ausmass ist jedoch deutlich geringer, als es auf den ersten, nominalen Blick erscheint. Dies begrenzt sowohl den potenziellen Umfang als auch die Wahrscheinlichkeit allfälliger Interventionen. Ausserdem wurde mit der jüngsten Leitzinserhöhung der EZB auch hier etwas Druck von der SNB genommen.»

Valentino Guggia, Ökonom Migros Bank:

«Der heutige Zinsentscheid stellt keine Überraschung dar. In der Vergangenheit kam es vermehrt vor, dass die SNB bei der Geldpolitik der EZB folgte. Dieses Mal ist das nicht der Fall. Trotz der EZB-Zinserhöhung vom 11. Juni und der damit einhergehenden Ausweitung des Zinsdifferentials zwischen Euro und Franken hat sich das Bild am Devisenmarkt kaum geändert. Die Entwicklung des Wechselkurspaars EUR/CHF wird hauptsächlich bestimmt von den hiesigen besseren konjunkturellen Aussichten und gesünderen Staatsfinanzen.»

Thomas Rühl, Anlagechef Schwyzer Kantonalbank:

«Das Deflationsrisiko hat an Schärfe verloren. Die SNB hat die bedingte Inflationsprognose für die nächsten Quartale wegen höherer Energiepreise nach oben revidiert. In der mittleren Frist hat sie die Inflationsaussichten unverändert gelassen. Die SNB zeigt sich weiterhin besorgt über die Aufwertung des Schweizer Frankens. Sollte sich die geopolitische Lage erneut zuspitzen, dürfte sie sämtliche verfügbaren Instrumente - von Negativzinsen bis zu verstärkten Deviseninterventionen - einsetzen.»

Thomas Gitzel, Chefökonom VP Bank: 

«Akuter Handlungsdruck besteht für die SNB nicht. Die Inflationsrate ist noch immer verhältnismässig tief. Allerdings mag in Anbetracht einer Teuerungsrate, die nun klar über der Nullprozent-Marke liegt, der gegenwärtige negative kurzfristige Geldmarktsatz (Saron) nicht recht passen. Gerade deshalb könnte auf Sicht des zweiten Halbjahres ein zinspolitischer Anpassungsbedarf bestehen. Eine Zinsanhebung im laufenden Jahr ist deshalb keineswegs abwegig.»

Philipp Burckhardt, Stratege Fixed Income Lombard Odier:

«Im Gegensatz zur EZB belässt die SNB den Leitzins unverändert und weiterhin bei 0 Prozent. Zwei Faktoren treiben diesen Entscheid. Mit einer sich entspannenden Lage im Mittleren Osten verbessern sich die Wachstumsprognosen, da negative Risiken weniger stark gewichtet werden. Ausserdem zollt zwar die Schliessung der Strasse von Hormus ihren Tribut, indem die Energiepreise die Inflation in der Schweiz seit mehreren Monaten ansteigen lassen. Da die Inflation aber von einem tiefen Niveau anzieht und immer noch im unteren Mittelfeld der Preisstabilitätsdefinition der SNB zu liegen kommt, kann die SNB im Gegensatz zur EZB mit Zinserhöhungen abwarten. Dies wird auch mit einer im Vergleich zur letzten Lagebeurteilung leicht höheren bedingten Inflationsprognose der SNB ausgedrückt. Weniger Unsicherheit und ein höheres Zinsdifferenzial zur EZB sollten die Nachfrage nach einem sicheren Hafen in Form des Schweizer Frankens abschwächen lassen.»

Julien Savioz, Devisenexperte bei Alpinex: 

«Die SNB fliegt weiterhin auf Autopilot, während andere Notenbanken im Zinsdilemma schwitzen. Sie kann es sich erlauben: Bei einer Inflation von gerade einmal 0,6 Prozent hat SNB-Chef Martin Schlegel keinen Grund zur Eile. Zwar bleibt die im März eingeführte «erhöhte Bereitschaft» für Deviseninterventionen aktiv, doch der Stress hat spürbar nachgelassen. Entspannung bringt auch die Devisenseite: EUR/CHF hat sich von den Tiefständen um 0,90 Anfang März erholt und sich um 0,92 eingependelt. Dass die kurzfristigen Inflationsprognosen minimal nach oben korrigiert wurden, ist angesichts der komfortablen Ausgangslage reine Kosmetik. Die geldpolitische Marschrichtung für 2026 ist damit zementiert: Sowohl eine Zinserhöhung als auch das Schreckgespenst der Negativzinsen scheinen für dieses Jahr vom Tisch.»

Bekim Laski, CFA, Anlagechef smzh:

«Der Entscheid bestätigt ein vorerst stabiles Umfeld tiefer Zinsen. Solange die SNB den Leitzins bei null hält und ihre Kommunikation nicht erkennbar restriktiver wird, bleibt die Wahrscheinlichkeit eines baldigen Zinsschritts nach oben aus unserer Sicht gering, auch wenn die Markterwartungen gemessen an den Swap-Sätzen bis Ende Jahr weiterhin ein latentes Risiko einer Zinserhöhung einpreisen.»

Fredy Hasenmaile, Chefökonom Raiffeisen:

«Mit dem unveränderten Leitzins bleibt auch der darüber gesteuerte Tagesgeldsatz Saron unverändert. Entsprechend wird es bei den Konditionen für Saron-Hypotheken kaum Bewegung geben. Für langfristige Hypotheken sind die Zinsen zuletzt leicht gestiegen. Die Märkte erwarten jedoch erst später im nächsten Jahr eine Abkehr der SNB von ihrer Nullzinspolitik. Ohne Aussicht auf einen kräftigen Zinserhöhungszyklus sollte das Aufwärtspotenzial in den nächsten Monaten aber begrenzt bleiben. Insgesamt bewegen sich die Hypothekarzinsen weiterhin auf einem moderaten Niveau.»

Philipp Merkt, Anlagechef PostFinance:

«Für die SNB entsteht in den nächsten Monaten ein Spielraum, sobald andere Notenbanken ihre Geldpolitik straffen und die Zinsen weiter anheben. Sie könnte sich dann schrittweise vom Nullzins lösen, ohne dass die Zinsdifferenz zu den grossen Notenbanken zu erhöhen und damit den Franken unter kurzfristigen Aufwertungsdruck zu setzen. Auch die Erholung der Schweizer Wirtschaft spricht dafür, dass die SNB einen ersten vorsichtigen Schritt in Richtung Zinsanhebung wagen könnte. Mit einem deutlichen Zinsanstieg ist jedoch auch mittelfristig nicht zu rechnen.»

Thomas Daniel Marti
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