Der Nahost-Krieg bremst die Wirtschaft in der Euro-Zone und sorgt erstmals seit Ende 2024 für ein Schrumpfen der Geschäftsaktivitäten. Der Einkaufsmanagerindex für Industrie und Dienstleister zusammen sank im April zum Vormonat überraschend deutlich um 2,1 auf 48,6 Punkte, wie der Finanzdienstleister S&P Global am Donnerstag zu seiner monatlichen Umfrage unter rund 4200 Unternehmen mitteilte. Fachleute hingegen hatten nur einen Rückgang auf 50,1 Zähler erwartet. Das Barometer fiel damit unter die Marke von 50, ab der es Wachstum signalisiert. Das Barometer für die deutsche Privatwirtschaft sank im April ebenfalls – auf 48,3 Punkte, nach 51,9 Zählern im März.
Analysten sagten zu den Daten in ersten Reaktionen:
Thomas Gitzel, Chefökonom VP Bank:
«Eindrücklich ist, dass die Unternehmen mit einem enorm gestiegenen Kostendruck infolge des Nahost-Krieges konfrontiert sind. Dies betrifft sowohl den Dienstleistungssektor als auch das verarbeitende Gewerbe. In der deutschen Industrie waren die Unternehmen sogar mit dem stärksten Kostenanstieg seit über dreieinhalb Jahren konfrontiert. Die Entwicklung der Einkaufspreise ähnelt derjenigen während der Corona-Pandemie und dem sich anschliessenden russischen Angriffskrieges auf die Ukraine sehr stark.
Der Iran-Konflikt wird zu einer deutlichen konjunkturellen Belastung. Herrschte noch bis März Aufbruchstimmung, kann davon überhaupt keine Rede mehr sein. Die höheren Energiepreise werden nicht nur die wirtschaftliche Entwicklung in der Euro-Zone erheblich dämpfen, sondern die gesamte Weltwirtschaft ist davon betroffen. In der kommenden Woche stehen damit die Notenbanken vor einem schwierigen Spagat. Einerseits steigen die Inflationsraten, andererseits kommt es zu einer spürbaren konjunkturellen Belastung.»
Michael Herzum Leiter Volkswirtschaft Union Investment:
«Mögliche Störungen der Lieferketten belasten die Stimmung zunehmend, je länger die wichtige Strasse von Hormus geschlossen bleibt. Allerdings stehen die Chancen gut, dass sich die Stimmung rasch wieder verbessert. Die USA und der Iran haben kein Interesse an einer erneuten militärischen Eskalation. Die derzeit hohen Benzin- und Dieselpreise in den USA sind 'Gift' für Donald Trumps Republikaner sechs Monate vor den Midterm-Wahlen im November. Und der militärisch und wirtschaftlich erheblich geschwächte Iran kann nicht lange auf seine Öleinnahmen verzichten. Endet der Konflikt im Nahen Osten zeitnah, werden die positiveren Faktoren wieder überwiegen. Denn aktuell wird die Wirtschaft in Deutschland vor allem durch die Binnennachfrage gestützt, weil die höheren Infrastrukturausgaben der Regierung der Konjunktur Rückenwind geben. Ab dem Sommer sollte sich die Lage wieder verbessern und die deutsche und europäische Wirtschaft auf den Wachstumspfad zurückkehren.»
Jörg Krämer, Chefökonom Commerzbank:
«Der Einbruch des deutschen Einkaufsmanagerindex für das verarbeitende Gewerbe und den Dienstleistungssektor macht deutlich, dass die deutsche Wirtschaft vom Energiepreisschock getroffen ist. Selbst wenn die Strasse von Hormus nach insgesamt drei Monaten Ende Mai wieder öffnete, würde der Ölpreisanstieg das Wachstum schätzungsweise um beträchtliche 0,4 Prozentpunkte senken. Jeder weitere Tag, an dem kein Öl aus der Golfregion an den Weltmarkt gelangt, verschärft die Konjunkturrisiken. Hinzu kommt, dass die Frühindikatoren bis zum Ausbruch des Kriegs trotz des grossen Fiskalimpuls wegen fehlender breitbasierter Reformen keinerlei Aufschwungssignale gegeben hatten. Bereinigt man die niedrigen Wachstumsprognosen um die ungewöhnlich hohe Zahl von Arbeitstagen, dürfte es in diesem Jahr faktisch wieder auf eine Stagnation hinauslaufen.»
(Reuters)

