Die Europäische Zentralbank (EZB) tastet ihren Leitzins erneut nicht an. Der EZB-Rat um Präsidentin Christine Lagarde beliess den Einlagensatz am Donnerstag bei 2,0 Prozent. Über ihn steuert die EZB massgeblich ihre Geldpolitik. Es ist bereits die fünfte Zinspause in Folge. Ökonomen sagten in ersten Reaktionen:
Jörg Krämer, Chefökonom Commerzbank:
«Ich lobe die EZB ja selten. Aber die EZB tut recht daran, ihren Einlagensatz bei 2,0 Prozent zu belassen. Auf der einen Seite wächst die Wirtschaft ganz ordentlich, was für sich genommen für etwas höhere Leitzinsen spricht. Auf der anderen Seite sind die Verbraucherpreise ohne die schwankungsanfälligen Preise für Energie und Nahrungsmittel zuletzt auf Jahresrate hochgerechnet um weniger als zwei Prozent gestiegen, was für niedrigere Zinsen spricht. Die EZB bekommt die Balance zur Zeit ganz gut hin.»
Lena Dräger, Institut für Weltwirtschaft:
«Insbesondere die exportorientierte deutsche Wirtschaft leidet unter einem starken Euro, während gleichzeitig günstigere Importe die Inflationsrate in der Euro-Zone insgesamt unter das Inflationsziel drücken könnten. In dieser Situation sollte die EZB eine Devisenmarktintervention in Betracht ziehen, um die Marke von 1,20 US-Dollar pro Euro als Obergrenze zu halten. Um keinen weiteren Effekt auf die Liquidität in der Euro-Zone zu entfalten, sollten die Geschäfte mit gegenläufigen Wertpapiertransaktionen ausgeglichen werden. Gegebenenfalls wäre eine Koordination mit der Schweizer Nationalbank sinnvoll, da der Schweizer Franken ebenfalls zum US-Dollar aufgewertet hat. Dies würde verhindern, dass es zu Verwerfungen im Euro-Franken-Wechselkurs kommt.»
Alexander Krüger, Chefökonom Hauck Aufhäuser Lampe:
«Die EZB übt ihr Mandat weiter mit grosser Ruhe aus. Zwar ist die Inflationsrate im Januar auf 1,7 Prozent gesunken. Handlungsbedarf resultiert daraus aber nicht, zumal die Inflationsrate bald wieder etwas steigen dürfte. In dem bestehenden preisstabilen Umfeld wird es für die EZB weiter nichts zu tun geben. Die Dienstleistungspreise spielen zwar noch nicht richtig mit. Die Inflationsprojektion der EZB von 1,9 Prozent für 2026 ist bislang aber nicht in Gefahr. Es sieht weiterhin nach länger unveränderten Leitzinsen aus.»
Stefan Gerlach, Chefökonom EFG:
Angesichts einer Inflation nahe dem Zielwert und ohne Anzeichen für eine Fehlausrichtung der Politik aufgrund der Finanzlage oder der Kreditvergabe war die Entscheidung, die Zinsen unverändert zu lassen, leicht zu rechtfertigen. Wie der ehemalige Gouverneur der Bank of England, Mervyn King, einmal bemerkte, ist die Geldpolitik dann gut aufgestellt, wenn sie langweilig ist – und die heutige Entscheidung passt zu dieser Beschreibung.»
Carsten Brzeski, Global Head of Macro ING Bank:
«Mit Blick auf die Zukunft wäre, sollte die EZB ihre bisherige positive Haltung aufgeben, ein erster Schritt - zumindest kurzfristig - eine Zinssenkung und keine Zinserhöhung. Unabhängig davon, ob es sich um allgemeine Marktunsicherheit oder, genauer gesagt, um die Stärkung des Euro handelt, besteht in den kommenden Monaten weiterhin das Risiko einer zu geringen Inflation. Solange sich die konjunkturelle Erholung der Eurozone fortsetzt, sollte eine zu geringe Inflation nicht mit Deflationsrisiken verwechselt werden. Sie könnte jedoch die eher taubenhaften EZB-Mitglieder dazu bewegen, auf eine Zinssenkung als Versicherung zu drängen.»
(Reuters/cash)

