Die Schweizerische Nationalbank (SNB) hält den Leitzins wie erwartet stabil. Der Leitzins wurde an der geldpolitischen Sitzung am Donnerstag zum dritten Mal in Folge nicht angetastet.

Philipp Burckhardt, Fixed Income Stratege und Portfolio Manager bei Lombard Odier IM

«Wie erwartet hat die SNB die bedingte Inflationsprognose auf kurze Sicht nach oben angepasst, jedoch das Wachstum leicht nach unten korrigiert, da die Konsumenten aufgrund der vor allem von Öl- und Gaspreis getriebenen Preiserhöhungen am Ende weniger in der Tasche haben werden. Der Schweizer Franken hat seit Jahresanfang handelsgewichtet zwar um etwa 2 Prozent aufgewertet, dies sollte für die SNB unserer Ansicht nach aber noch tolerierbar sein. Wir bleiben der Meinung, dass die SNB weiterhin primär die Volatilität am Devisenmarkt dämpfen wird, statt Zinsveränderungen in Betracht zu ziehen. Sie kann mit der vorherrschenden Unsicherheit argumentieren und somit abwarten.»

Alexander Koch, Ökonom Raiffeisen: 

«Der SNB-Leitzins bleibt ganz ​wie erwartet bei Null. ⁠Anders als die Fed und die EZB sieht die SNB allerdings erst einmal mittelfristig mehr das Risiko ‌einer etwas geringeren Inflation. Die kurzfristige Inflationsprognose wurde wegen des Energiepreisschubs zwar angehoben. Am Ende des Prognosezeitraums zeigt die Projektion neu aber ein Niveau von 0,7 Prozent gegenüber 0,8 ‌Prozent noch im Dezember. Entsprechend waren höhere Zinsen in der Lagebeurteilung ​kein Thema. Vielmehr betont die Nationalbank eine erhöhte Bereitschaft, einer raschen und übermässigen Frankenaufwertung am Devisenmarkt entgegenzutreten, da dies die Preisstabilität gefährden würde, und zwar in Richtung zu niedriger Inflation.»

Karsten Junius, Chefökonom J. Safra Sarasin: 

«Die SNB hat ihr Inflationsziel leicht von 0,8  auf 0,7 Prozent pro Jahr gesenkt. Im Durchschnitt erwartet sie für 2028 lediglich eine Inflation von 0,6 Prozent. Dies deutet darauf hin, dass sie im Vergleich zum Dezember mehr Abwärts- als Aufwärtsrisiken für die Inflation sieht. Die SNB hat ihre Formulierung zu Devisenmarktinterventionen angepasst. Sie warnt nun deutlicher vor ihrer Bereitschaft, aufgrund des Konflikts im Nahen Osten gegen einen stärkeren Schweizer Franken vorzugehen. Ich gehe davon aus, dass sie bereits in den vergangenen Wochen am Devisenmarkt interveniert hat. Der Hauptgrund für die Nichtsenkung der Zinsen in dieser Woche dürfte das weiterhin moderate Wachstum der Binnenwirtschaft sowie die damit einhergehenden Löhne und Preise sein. Der geldpolitische Kurs ist ausreichend expansiv, um die Binnenwirtschaft zu stützen. Die wirtschaftlichen Probleme konzentrieren sich auf den Exportsektor. Devisenmarktinterventionen sind die am besten geeignete Massnahme, um weiteren Schaden im Exportsektor zu verhindern, und sollten daher derzeit das Mittel der Wahl sein. Wir gehen davon aus, dass die Leitzinsen der SNB in ​​diesem Jahr unverändert bleiben, selbst wenn die EZB im Laufe des Jahres eine Zinserhöhung beschliessen sollte, und erwarten einen Wechselkurs zum Euro von 0,91 Franken zum Jahresende.»

Julien Savioz, Devisenexperte bei Alpinex: 

«Die SNB hält Kurs, das überrascht nicht. Aufschlussreicher ist, wie sie über den Devisenmarkt spricht: Im Dezember war sie «bei Bedarf bereit» zu intervenieren, heute ist die Bereitschaft «erhöht», explizit mit Verweis auf den Konflikt im Nahen Osten. Ein unmissverständliches Signal, dass die Schmerzgrenze erreicht ist, zumal der Franken gegenüber dem Euro seit Jahresbeginn bereits rund 2.5% zugelegt hat. Die Marke von 0.90 wird zur psychologischen Verteidigungslinie. Eine interessante Ironie der aktuellen Marktlage: Ausgerechnet die steigenden Ölpreise spielen der SNB in die Karten, was sich auch an den für 2026 nach oben angepassten Inflationsprognosen zeigt. Damit bleibt die Schublade Negativzinsen im Werkzeugkasten der SNB vorerst zu. Bei starkem Aufwertungsdruck rücken Interventionen wieder stärker in den Fokus, um die Frankenstärke im Zaum zu halten.»

Thomas Rühl, CIO Schwyzer Kantonalbank:

«Die SNB hat den Leitzins -wie vom Markt erwartet- unverändert bei null belassen. Das Deflationsrisiko hat sich zuletzt etwas abgeschwächt. Die SNB hat die bedingte Inflationsprognose über die nächsten Quartale nach oben angepasst wegen des Anstiegs der Energiepreise. Dennoch sehen wir das Risiko einer erneuten Abschwächung der Inflation als wahrscheinlich. Erstens bleibt die bedingte Inflationsprognose der SNB auf mittlere Sicht unverändert. Zweitens verweist die Notenbank sowohl auf weltweit als auch in der Schweiz eingetrübte Wachstumsperspektiven. Die SNB zeigt sich zunehmend besorgt über die Aufwertung des Schweizer Frankens. Sollte sich die geopolitische Lage weiter zuspitzen, dürfte sie sämtliche verfügbaren Instrumente -von Negativzinsen bis zu verstärkten Deviseninterventionen- einsetzen.»

Thomas Gitzel, Chefökonom VP Bank: 

«Eigentlich könnten die eidgenössischen Währungshüter zufrieden sein. Die Inflationsrate hält sich über der Nullmarke und gleichzeitig werden derzeit auch die Franken-Kurse keine akuten Kopfschmerzen bei der SNB verursachen. Doch der Iran-Krieg bringt auch für die Schweizer Wirtschaft und die Geldpolitik so manche Herausforderungen. Würde der Konflikt in Nahost anhalten und die Inflationsrate in Anbetracht noch höherer Energiepreise deutlicher zulegen und gleichzeitig der Franken in seiner Funktion als sicherer Hafen aufwerten, wäre die Situation komplexer. Angemerkt sein, dass der Franken wohl gegenüber dem Euro aufwerten würde, nicht aber im Verhältnis zum Dollar - der Greenback hat bei geopolitischen Krisen die Nase vorn. Die SNB könnte in solch einer Situation die Zinsen erhöhen, etwaige Devisenmarktinterventionen müssten mittels Repo-Geschäften und T-Bills sterilisiert werden. Richtig entspannt kann man deshalb bei der SNB dennoch nicht sein.»

Bekim Laski, CFA, Chief Investment Officer smzh:

«Der heutige Zinsentscheid der SNB ist folgerichtig. Die Schweiz befindet sich in einer fundamental anderen Ausgangslage als 2022: Die Inflation liegt nahe null, die Kerninflation bleibt niedrig, und der aktuelle Energiepreisschock ist angebotsseitig getrieben. Solange sich Zweitrundeneffekte nicht spürbar auf die Kerninflation auswirken, besteht für die SNB kein Handlungsdruck. Die Markterwartung einer Leitzinsanhebung bis Jahresende halten wir aus aktueller Sicht für eine Überreaktion – wir erwarten einen stabilen Leitzins bis Ende 2026.»

Valentino Guggia, Ökonom der Migros Bank:

«An der heutigen geldpolitischen Lagebeurteilung änderte die Schweizerische Nationalbank (SNB) den Leitzins nicht. Angesichts der erwarteten Zunahme der Energiepreise wurde die Inflationsprognose zwar nach oben angepasst, bleibt aber im unteren Teil des Bereichs der Preisstabilität. Im weiteren Jahresverlauf zeichnet sich keine Anpassung der Geldpolitik ab.»

Brian Mandt, Chefökonom Luzerner Kantonalbank:

«Die Botschaft der SNB ist im Grunde: Ruhe bewahren und Kurs halten – ‘keep calm and carry on’. Ich erwarte, dass sie durch den vorübergehenden, energiegetriebenen Inflationsanstieg infolge des Iran‑Konflikts hindurchblickt und den Leitzins auch im weiteren Jahresverlauf bei 0 Prozent hält. Dass sie einen temporären Inflationsanstieg erwartet, spiegelt sich auch in ihren Inflationsprognosen wider, die sie für dieses Jahr angehoben hat. Für die mittlere und längere Frist bleiben sie dagegen fast unverändert. Einen Kurswechsel würde sie aus meiner Sicht erst bei dauerhaft höheren Inflationserwartungen oder einem deutlichen Konjunktureinbruch in Betracht ziehen. Hierbei nimmt die Wahrscheinlichkeit für Letzteres zu. Zugleich unterstreicht die SNB ihre Bereitschaft, bei übermässiger Frankenstärke am Devisenmarkt zu intervenieren.»

(cash)