Mit einem Allzeithoch von 16'427 Punkten hat er sich rund zwei Wochen vor seinem "Ehrentag" am 1. Juli quasi selbst beschenkt. So werden kommende Woche die Gratulanten auf dem Frankfurter Börsenparkett parat stehen und wohl die eine oder andere Lobeshymne anstimmen.

"Seit seiner Auflage 1988 hat sich die Punktzahl des Börsenbarometers mehr als versechzehnfacht, was einer durchschnittlichen jährlichen Rendite von mehr als acht Prozent entspricht", rechnet Joachim Schallmayer, Leiter Kapitalmärkte und Strategie bei der DekaBank, vor. Tatsächlich lag das Börsenbarometer bei seiner Taufe mit 1163 Punkten nur knapp im vierstelligen Bereich. Doch nicht immer hatten Anleger Freude an ihrem Investment: auch heftige Abstürze mussten überstanden werden, wie zu Zeiten der Lehman-Pleite und der globalen Finanzkrise, des Ausbruchs der Corona-Pandemie oder des Russland-Ukraine-Krieges.

Angst vor einem abrupten Ende der Gewinnbilanz dieses Jahres mit einem Plus von momentan rund 15 Prozent hat Schallmayer nicht. Die Rekord-Indexstände fussten auf einer hohen Gewinndynamik der Unternehmen in der ersten Börsenliga, sagt der Experte. "Gemessen an fundamentalen Werten liegt der Dax sogar unterhalb seiner historischen Durchschnittsbewertung."

Wichtige Orientierung für Anleger

Für Fondsmanager und Anleger ist der Index jedenfalls eine wichtige Richtschnur. Viele gestalten ihre Depots entsprechend und kaufen Titel, die darin enthalten sind. Unternehmen drängen deswegen in einen Index - vor allem in den Dax. Im September 2021 setzte der Börsenbetreiber Deutsche Börse die grösste Dax-Reform seiner Geschichte um und erweiterte den Kreis der Auserwählten um zehn auf 40.

Die technischen Voraussetzungen für den Siegeszug des Dax schaffte die Frankfurter Börse mit der Einführung des elektronischen Handels. Anfang der 1990er Jahre stand er noch in Konkurrenz zur Parkettbörse. Erst die Einführung des Xetra-Handels im November 1997 änderte das.

Eine wichtige Zäsur für den Dax gab es kurz zuvor mit dem Börsengang der Deutschen Telekom - dem bislang grössten in der Dax-Geschichte. Über 710 Millionen Papiere spülten umgerechnet 13 Milliarden Euro in die Kassen des ehemaligen Staatskonzerns. Plötzlich war der Dax in aller Munde. Börsenberichte schafften es in die "Tagesschau" oder in die "Bild"-Zeitung. Den Dax trieb die Euphorie in nie gekannte Gipfelhöhen: Er stieg von rund 2768 Punkten am Tag des Telekom-Börsendebüts auf 8136 Zähler am 7. März 2000. In drei Jahren und drei Monaten hatte er sich fast verdreifacht.

T-Aktie und neuer Markt

Der Start des Neuen Marktes am 10. März 1997 im Zuge der weltweiten Internet-Euphorie tat das seine. Eine Flut von Börsengängen folgte, 1999 trauten sich 132 Firmen aufs Parkett. Angesichts verfehlter Prognosen und ausufernder Verluste verpuffte die Euphorie nicht nur für Tech-Aktien kurz nach der Jahrtausendwende. Die Deutsche Börse schloss das Segment für junge, wachstumsorientierte Unternehmen im März 2003.

Mit dem Dax ging es danach in den Keller: Die Anschläge vom 11. September 2001 und der Einmarsch amerikanischer Truppen in den Irak im März 2003 machten die Anleger mürbe. Der Dax fiel unter 2200 Punkte und damit auf das Niveau vom November 1995. Der rapide Absturz der als Volksaktie beworbenen T-Aktie brachte auch viele Kleinanleger um ihr Erspartes und hinterliess verbrannte Erde in der noch jungen deutschen Aktienkultur.

Geldflut der Notenbanken war lange Motor für den Dax

Das Comeback liess auf sich warten. Zu viele Anleger hatten sich die Finger verbrannt. Es dauerte bis zum Sommer 2007, ehe der Dax den Rekord von über 8000 Punkten aus dem Jahr 2000 einstellte. Doch der Gipfelsturm endete in einem jähen Absturz, ausgelöst durch die Finanzkrise mit der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers und dem Untergang der damals im Dax gelisteten Münchener Immobilienbank Hypo Real Estate. Bis zum März 2009 halbierte sich die Punktzahl des Dax.

Als Retter in der Not für Banken und Börsen taten sich die Zentralbanken hervor, die um jeden Preis einen Sturm der Verbraucher auf einzelne Geldhäuser verhindern wollten. Die US-Notenbank Fed warf als erste die Notenpresse an, die EZB einige Jahre später. Die Euro-Schuldenkrise bremste zwar hin und wieder die Kauflaune. Doch die niedrigen Zinsen weltweit waren lange der Schmierstoff für die Börsen. So knackte der deutsche Leitindex im Juni 2014 erstmals die 10'000-Punkte-Marke.

Rekordjagd oder Korrektur - Wie geht es weiter?

Nach elf Jahren historisch niedriger Zinsen läutete die US-Notenbank Fed im März 2022 wegen der rekordhohen Inflation die Wende ein, die anderen grossen Notenbanken folgten. Wegen der wieder steigenden Zinsen machten sich die Investoren Sorgen um die Konjunkturentwicklung. Im März 2023 löste die Pleite der kalifornischen Silicon Valley Bank teils Panik im Finanzsektor aus. Doch die befürchtete Finanzkrise 2.0 blieb aus.

Seither hat sich der Dax wieder rund sieben Prozent nach oben gearbeitet. Meinungen, wo die Reise bis zum Jahresende noch hingeht, gibt es wie immer viele. "Die panischen Gefühle während eines Abwärtstrends und die euphorischen Gefühle während eines Aufwärtstrends sind immer gleich, aber keine Hausse oder Baisse sind jemals völlig gleich", bilanziert Konstantin Oldenburger, Marktanalyst von CMC Markets. "Das macht die Vorhersage ja auch so schwierig."

(Reuters)