DIW-Energieexpertin Claudia Kemfert befürchtet angesichts leerer Gasspeicher höhere Kosten für deren Befüllung als Folge des Nahost-Kriegs. «Die Speicher sind formal im Rahmen der Vorgaben, aber ‌auf ⁠vergleichsweise niedrigem Niveau», sagte die Expertin des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) am Dienstag der Nachrichtenagentur Reuters. ⁠Aktuell sind sie zu knapp 21 Prozent gefüllt - deutlich unter dem EU-Schnitt von 30 Prozent. «Das ist kein ‌akuter Notstand, zeigt jedoch eine strukturelle Verwundbarkeit», sagte Kemfert.

Die Iran-Krise ‌erhöhe nun das Risiko zusätzlich: Ein erheblicher ​Teil des weltweiten Handels mit Flüssigerdgas (LNG) laufe durch die Strasse von Hormus. «Kommt es dort zu Störungen, steigen Preise schnell und damit auch die Kosten für die Befüllung unserer Speicher», betonte die DIW-Expertin. «Energieunsicherheit entsteht dort, wo wir auf fossile Importe angewiesen bleiben, geopolitische Krisen ‌treiben die Preise binnen Tagen.»

Mit steigenden Öl- und Gaspreisen wachse auch hierzulande der Preisdruck, da die Märkte sensibel auf geopolitische Eskalationen reagierten. «Solange wir fossile Energien importieren, importieren wir auch deren Krisenanfälligkeit», sagte ​Kemfert. «Wer fossile Energien einkauft, kauft immer auch das nächste Preisschock-Risiko mit.»

Kritik ​äusserte Kemfert am Umgang der Politik mit ​dem Ausbau erneuerbarer Energien. «Der Ausbau kommt voran, wird aber politisch ausgebremst.» Vorschläge zur Reform des Erneuerbare-Energie-Gesetz, Abschwächungen im Gebäudemodernisierungsgesetz und ‌Unsicherheiten im Netzpaket setzten die falschen Signale. Gleichzeitig liege der Fokus stark auf dem Ausbau neuer Gaskraftwerke. «Das verlängert fossile Abhängigkeiten, statt sie zu überwinden», sagte Kemfert. «Das ist energiepolitisch ein gefährlicher Kurzschluss: ​Statt ​die Krise als Signal für mehr Unabhängigkeit ⁠zu nutzen, verstetigen wir fossile Strukturen.» Wer Erneuerbare bremse ​und Gaskraftwerke forciere, begehe einen ⁠energiepolitischen Kurzschluss und verlängere die fossile Abhängigkeit.

Der europäische Gaspreis-Future stieg allein am Dienstag um mehr ‌als 30 Prozent auf 56,50 Euro je Megawattstunde, da sich kein schnelles Ende des Kriegs von Israel und den USA gegen Iran abzeichnet. «Insbesondere Europa hat ‌sich durch die Energiepolitik der vergangenen Jahre ins Aus manövriert», ​sagte Andreas Lipkow, Chef-Marktanalyst beim Broker CMC Markets. «Die hohe Abhängigkeit von Öl und Gas aus den USA und Ländern aus dem Nahen Osten wird mit der aktuellen Entwicklung zu einem ‌grossen Problem.»

(Reuters)