Die Valoren von Tesla haben seit Jahresbeginn 10 Prozent an Wert verloren und notieren damit 20 Prozent unter dem im Dezember 2025 erreichten Allzeithoch. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis liegt immer noch bei «astronomischen» 89. Aus dieser Perspektive sind die anderen sechs Titel der «Magnificent Seven» schon fast ein Schnäppchen, die es auf ein durchschnittliches KGV von 27 bringen.
Dieses hohe KGV von Tesla könnte weniger spektakulär als gedacht sein, wenn der von Elon Musk angestrebte Wandel vom Automobilhersteller zum Robotik-Konzern gelingt. Humanoide Roboter - sprich Maschinen mit menschenähnlicher Gestalt, Sensorik und Autonomie - entwickeln sich rasant vom Forschungsprojekt zur potenziell milliardenschweren Industrie, meint Audun Wickstrand-Iversen, Portfoliomanager beim DNB Fund Disruptive Opportunities, in einer Einschätzung.
Ein Markt mit enormem Hebel
Der globale Markt für humanoide Roboter steckt noch in den Anfängen, doch die Wachstumserwartungen sind aussergewöhnlich. Analysten von Goldman Sachs schätzen, dass der Markt bis 2035 ein Volumen von 150 bis 200 Milliarden US-Dollar erreichen könnte, bei jährlichen Wachstumsraten von über 40 Prozent. Bis 2030 könnten weltweit über eine Million humanoide Roboter im Einsatz sein – zunächst in Industrie, Logistik und Pflege, später auch im Dienstleistungssektor. Zum Vergleich: Der heutige Markt für Industrieroboter umfasst rund 16 Milliarden US-Dollar jährlich. Humanoide Roboter würden diese Kategorie strukturell erweitern.
Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht Tesla. Mit dem humanoiden Roboter Optimus verfolgt der Konzern einen radikal anderen Ansatz als klassische Robotik-Hersteller, erläutert der Experte von DNB. Während Wettbewerber auf spezialisierte Aufgaben setzen, wolle Tesla eine universell einsetzbare Arbeitskraft entwickeln. Der Roboter ist rund 1,73 Meter gross, wiegt etwa 70 Kilogramm, kann laut Tesla bis zu 20 Kilogramm tragen und wird von denselben KI-Systemen gesteuert wie Teslas Fahrzeuge. Elon Musk beziffert die langfristigen Produktionskosten pro Einheit auf unter 20'000 US-Dollar – ein Wert, der bei Erreichen industrieller Skalierung disruptive Wirkung hätte. Zum Vergleich: Humanoide Prototypen kosten heute oft noch über 100'000 Dollar.
Teslas entscheidender Vorteil liegt weniger in der Mechanik als in der Software- und Datenbasis. Kein anderer Anbieter verfügt über vergleichbare Erfahrung mit Echtzeit-Sensorfusion, visueller KI in komplexen Umgebungen oder der Serienproduktion in Millionenstückzahlen. Musk argumentiert, dass Optimus langfristig wertvoller als das Autogeschäft werden könnte. Bei weltweit mehreren hundert Millionen Arbeitsplätzen in einfachen, repetitiven Tätigkeiten ist der adressierbare Markt enorm.
Für Investoren hätte selbst eine geringe Marktdurchdringung massive Auswirkungen auf Teslas Bewertung, so Wickstrand-Iversen von DNB. Tesla sei jedoch nicht allein. In den USA treibt Boston Dynamics die Entwicklung mit seinem humanoiden Atlas voran, der heute in Hyundai-Fabriken autonom neben Menschen arbeitet. Figure AI, unterstützt von Microsoft, OpenAI und Nvidia, hatte im Jahr 2025 eine Bewertung von rund 40 Milliarden US-Dollar erreicht und testet bereits humanoide Roboter in Fabriken von UPS und BMW.
In China investieren Konzerne wie Xiaomi, Unitree Robotics und staatlich geförderte Forschungseinrichtungen massiv in humanoide Systeme. China sieht Robotik als strategische Schlüsselindustrie, insbesondere vor dem Hintergrund des demografischen Wandels.
Die stillen Profiteure: Chips, Aktuatoren, KI
Wie bei früheren Technologiezyklen entstehen attraktive Chancen jenseits der Endprodukte. Nvidia liefert mit seinen KI-Beschleunigern die Rechenleistung für Training und Simulation humanoider Bewegungen. Qualcomm arbeitet an energieeffizienten Edge-Chips für autonome Robotik. Hersteller von Elektromotoren, Aktuatoren und Sensorik profitieren zudem vom steigenden Bedarf an Präzision und Zuverlässigkeit. Der DBN-Portfoliomanager sieht hier etwa Harmonic Drive, Nabtesco oder Bosch gut positioniert.
Trotz aller Euphorie bleibt Vorsicht geboten. Humanoide Roboter sind technisch extrem komplex. Autonomie, Sicherheit, Energieeffizienz und regulatorische Fragen sind ungelöst. Kurzfristig werden humanoide Roboter keine menschlichen Arbeitskräfte ersetzen, sondern zunächst unterstützen - etwa in Fabriken, Lagern oder Pflegeeinrichtungen.
Optimus von Tesla werde im kommenden Jahr keine signifikanten Umsätze generieren, so der DNB-Experte. «Die Bewertung von Tesla basiert weiterhin primär auf dem Automobilgeschäft. Doch langfristig eröffnet sich eine asymmetrische Option. Wenn das Projekt scheitert, wird der Schaden begrenzt sein. Gelingt auf der anderen Seite der Durchbruch, könnte Tesla eine gänzlich neue Branche dominieren, die die grösste Branche sein könnte, die jemals geschaffen wurde. Und wie so oft gilt bei Technologien: Wer die Plattform kontrolliert, kontrolliert den Markt.»

