cash.ch: Herr Kinsella, wieso ist der Euro gegenüber dem Schweizer Franken so schwach?

Peter Kinsella: Die neuesten Wirtschaftsdaten der Eurozone wie die Einkaufsmanagerindizes (PMI) sind wirklich schlecht. Ebenso machen sich die Auswirkungen der höheren Energiepreise nicht nur im verarbeitenden Gewerbe, sondern vor allem im Dienstleistungssektor bemerkbar. Das hat den PMI-Gesamtindex in Richtung einer Kontraktion der Wirtschaftsaktivität gezogen. Dies korreliert stark mit den nachfolgenden BIP-Zahlen. Daher ist es sehr wahrscheinlich, dass die BIP-Daten des zweiten Quartals in der Eurozone enttäuschend ausfallen werden.

Deutet das auf eine Stagflation in Europa hin?

Die Daten des ersten Quartals sind völlig in Ordnung, die Daten des zweiten Quartals werden miserabel sein. Im dritten und vierten Quartal 2026 dürften wir dann ein stagnierendes, vielleicht sogar leicht positives Wachstum bekommen. Ich würde also nicht von Stagflation sprechen, sondern von einem niedrigen Wachstum mit moderater Inflation. Also auch keine Inflation wie in den 1970er Jahren oder Ähnlichem, aber sicherlich eine höhere Inflation von etwa 3 bis 3,5 Prozent. Das ist höher, als wir zu Jahresbeginn erwartet hatten. 

Eine Zinserhöhung durch die Europäische Zentralbank (EZB) ist für Juni eingepreist.

Betrachtet man die eingepreisten Daten, so ist der Juni meiner Meinung nach ein optimaler Termin. Sollte es jedoch zu einer Lösung des Konflikts in der Strasse von Hormus kommen, könnte die EZB die Auswirkungen einer zweiten Inflationswelle abwarten. Dabei geht es konkret um das Lohnwachstum. Erst dann, wenn dieses moderat bleibt, besteht die Möglichkeit, dass der Markt die Erwartungen an eine mögliche Zinserhöhung der EZB reduziert. Dies dürfte den Euro belasten und ihn insgesamt schwächen.

Zieht die Schweizerische Nationalbank (SNB) bei einer Zinserhöhung durch die EZB im Juni mit?

Wenn ich mir die bedingte Inflationsprognose ansehe, die von einem Leitzins von 0 Prozent ausgeht, erwarten die SNB für dieses Jahr eine Inflation von 0,6 Prozent und für nächstes Jahr von 0,7 Prozent. Das würde also nicht unbedingt zu einer Zinserhöhung führen. Aber ich denke, dass jegliche Diskussion über eine Senkung zu negativen Leitzinsen jetzt unwahrscheinlich ist.

In den USA, der Eurozone und der Schweiz liegt die Inflation über dem Leitzins. Geht die Rechnung auf?

Ich denke schon. In den Vereinigten Staaten sind 3 Prozent Inflation das neue 2 Prozent als Inflationsziel. Die US-Notenbank Fed wird zwar optisch am Ziel von 2 Prozent festhalten, aber in Wirklichkeit liegt die Inflation eher bei 3 Prozent. Der Grund dafür ist ganz einfach: Die Verschuldung ist einfach enorm hoch. Und wenn man einen positiven Realzins hat, erhöht das in hoch verschuldeten Volkswirtschaften die Kosten des Schuldenüberschusses real erheblich. Daher würde ich sagen, dass eine notwendige Voraussetzung für eine Schuldenstabilisierung die Beibehaltung stabiler oder leicht negativer Realzinsen ist.

Also wird der Franken immer weiter steigen, weil die Inflation in den USA und der Eurozone höher ist als in der Schweiz?

Wenn die Inflation in der Schweiz nachhaltig niedriger ist als bei den wichtigsten Handelspartnern, bedeutet das im Normalfall, dass der Euro zum Schweizer Franken niedriger sein sollte. Das wird wahrscheinlich auch weiterhin so bleiben, denn wir haben es mit einem gewissen Reflexionsmechanismus zu tun. Eine niedrigere Inflation führt zu einem stärkeren Franken, was wiederum die Auswirkungen importierter Inflation verringert. Dieser Reflexionsprozess setzt sich fort und spricht meiner Meinung nach insgesamt für einen etwas stärkeren Schweizer Franken.

Devisenmarktinterventionen scheinen bei der SNB trotz Aufwertung derzeit keine Option zu sein?

Zentralbanken achten stets mehr auf das Ausmass und die Geschwindigkeit der Veränderung als auf den Währungskurs selbst. Die Veränderungsrate hat einfach einen viel grösseren und tiefgreifenderen Einfluss auf die Inflation als das Währungskursniveau selbst. Das Währungskursniveau wäre nur dann ein Problem, wenn eine schwere Zahlungsbilanzkrise bestünde. Aber grösstenteils konzentrieren wir uns eher auf die Änderungsrate als auf das absolute Niveau.

Wegen der geringen Volatilität am Devisenmarkt ist also keine Intervention der SNB absehbar?

Wir müssen die verschiedenen Interventionsarten unterscheiden. Nach dem Jahr 2014 respektive 2015, als die SNB den Franken an den Euro band, war das ein konstanter Faktor. Seither hat die Schweizerische Nationalbank ihre Interventionsmethoden jedoch drastisch verändert. So intervenierte sie beispielsweise im Zuge des «Liberation Day» im April 2025 und tätigte Interventionen im Umfang von rund 5 Milliarden Dollar. Die hiesigen Währungshüter greifen also lediglich ein, um einen starken Kursanstieg innerhalb kurzer Zeit zu verhindern. Es handelt sich aber nicht um eine fortlaufende Intervention. Der Grund dafür ist, dass die Bilanz von SNB die Schwankungen der Devisenreserven widerspiegelt, die mittlerweile grösser sind als das Eigenkapital von SNB. Daher sind sie sehr zurückhaltend.

Die Rendite der Bundesobligationen ist von 0,3 zeitweise auf 0,6 Prozent gestiegen, was den Franken stützt. Bleiben die so hoch?

Wir befinden uns in einem neuen Bereich. Betrachtet man die globale Zinsentwicklung, so zeigt sich zwischen dem 10- und dem 30-jährigen Teil der Zinskurve eine Versteilung. Und das passiert in den USA, in der Eurozone, in Japan, praktisch überall. Das spiegelt sich mehr oder weniger stark in der steigenden Inflationsrisikoprämie und auch in der steigenden Fiskalrisikoprämie wider, und das in vielen Ländern, insbesondere in Grossbritannien - und das aus gutem Grund (lacht). Die Schweiz widerspiegelt also die globalen Faktoren. Das ergibt durchaus Sinn. Die Renditen längerfristiger Anleihen waren zu lange zu niedrig und normalisieren sich nun wieder. Es handelt sich um eine neue Bandbreite, nicht um eine Ausnahmeerscheinung.

Wie werden sich diese Währungen in den nächsten zwölf Monaten entwickeln?

Der amerikanische Dollar wird ziemlich stabil bleiben, weil die Zinssenkungen der US-Notenbank Fed bereits eingepreist waren. Auf der anderen Seite sind die US-Wirtschaftsdaten recht gut. Es gibt also keinen Grund für die Fed, die Zinsen in irgendeiner Weise aggressiv zu senken. Vielmehr spricht die Zinsdynamik eindeutig für den Dollar. Der Dollar zum Franken wird in einer sehr engen Spanne bleiben, während der Euro sich zum Dollar leicht abwertet und sich für den Rest des Jahres irgendwo zwischen 1,12 und 1,16 bewegen wird.

Damit dürfte sich der Franken zum Euro weiter aufwerten.

Ja, leicht bis seitwärts. Ich würde sagen, unter 0,91 Franken scheint angemessen.

Bei den Konjunkturperspektiven könnte sich die Talfahrt des Euro beschleunigen. 

Europa muss zwingend deregulieren. Punkt. Es wurde in der Vergangenheit alles überreguliert. Das erstickt die Unternehmen, die Innovationsfähigkeit und die Wettbewerbsfähigkeit. So hart es klingen mag, die Europäer haben sich bis zur Nichtexistenz reguliert.

In Deutschland soll es der Staat mit seinen Infrastrukturausgaben richten. 

Wir sehen in Deutschland nach 15 Jahren, in denen kein Cent ausgegeben wurde, nun wieder erhöhte Staatsausgaben. Der Kapitalstock der Wirtschaft hat sich in der Zwischenzeit massiv verschlechtert, die Infrastruktur verfällt rapide. Höhere Ausgaben dürften die marode Infrastruktur in Deutschland verbessern und zudem positive Ausstrahlungseffekte durch die steigenden Verteidigungsausgaben mit sich bringen.

Kann sich Europa überhaupt aus der Krise befreien?

Ja, das kann es. Es bedarf einer Kombination aus Staatsausgaben, vor allem aber einer massiven Deregulierung. Es braucht eine echte Union, nicht nur für Waren, sondern auch für Dienstleistungen. Wir benötigen eine Bewegung hin zu einer Kapitalmarktunion. Das wissen wir alle seit 15 Jahren. Ich wusste es, Sie wussten es, alle wussten es. Nur die Brüsseler Behörden haben leider nichts dagegen unternommen.

Peter Kinsella kam 2018 als Global Head of Forex Strategy zur Genfer Privatbabnk UBP. Er ist Mitglied im Asset Allocation Committee und im Global Investment Committee (GIC). Kinsella hat nahezu 20 Jahre Erfahrung in den Devisen- und Anleihemärkten, Derivaten und strukturierten Produkten. Er wechselte zu UBP von der Commonwealth Bank of Australia in London, wo er als Director of International Rates & FX Strategy tätig war. Peter Kinsella verfügt über einen Bachelor des University College Dublin und zwei Master, in Wirtschaftswissenschaften der London School of Economics sowie in Recht und Wirtschaft der Universität Bologna.

Thomas Daniel Marti
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