cash.ch: Herr Krämer, wie letzten April nach den Folgen des ‘Liberation Day’ machte Donald Trump am Montag im Iran-Krieg einen Rückzieher, als es an den Märkten zu heftig bergab ging…
Jörg Krämer: Ja, ‘Trump always chickens out’, wie man so sagt. Wobei ich daran zweifle, dass es diesmal vor allem an den Märkten lag.
Siemens-CEO Roland Bush sagte ebenfalls zu Wochenbeginn, man merke bereits, dass Kunden als Folge des Iran-Krieges und der hohen Energiepreise ihre Investitionen zurückstellen. Muss uns das aus konjunktureller Sicht schon zu denken geben?
Wir haben grundsätzlich eine Investitionsschwäche in Deutschland. Das war schon lange vor dem Iran-Krieg so. Die Unternehmen sind enttäuscht, weil die neue Bundesregierung die Rahmenbedingungen für die Unternehmen nicht wesentlich verbessert hat - obwohl das wirklich wichtig wäre. Jetzt kommt der Iran-Krieg hinzu, der zu einer weiteren Investitionsschwäche führen dürfte. Denn eine steigende Inflation nimmt den Unternehmen und Konsumenten Geld weg. Je länger die Strasse von Hormus gesperrt bleibt, desto kritischer wird dies für die Konjunktur.
Was sagt Ihr Gefühl: Stecken die Leute im Alltag bereits mit den Ausgaben zurück?
Der Krieg ist erst vor gut drei Wochen ausgebrochen, es gibt noch keine Zahlen zu den Einzelhandelsumsätzen. Aber vermutlich wird der Krieg den Konsum belasten. Schliesslich haben die Benzin- und Dieselpreise massiv angezogen. Viele Menschen sind besorgt darüber.
Die Internationale Energieagentur schlägt bereits Tempolimits auf Autobahnen oder mehr Home Office vor. Macht das aus konjunktureller Sicht Sinn?
Wir leben in einer Marktwirtschaft. Da sollte man den Leuten nicht alles vorschreiben, sondern auf die Wirkung der Preise setzen. Bei höheren Spritpreisen verzichten einige Leute auf das Auto und nehmen die Bahn, sie sparen Energie. Gleichzeitig sind mit den höheren Preisen für Rohwaren die Anreize gestiegen, mehr Öl zu fördern. Denken Sie an die Fracking-Industrie in den USA. Hohe Preise, so unangenehm sie sind, sorgen mittelfristig für eine Entknappung. Das darf man nicht vergessen.
Wie meinen Sie das?
Wenn der Preis steigt, zum Beispiel von Öl, dann sparen Leute Öl. Und gleichzeitig gibt es einen Anreiz, weltweit mehr Öl zu produzieren, sodass die Knappheit an Energie wegen des hohen Preises wieder zurückgeht.
Angenommen, der Iran-Krieg endet schnell. Wie lange würden wir die Konsequenzen dieser Krise auf wirtschaftlicher Ebene spüren?
Es ist viel Infrastruktur zerstört worden im Krieg. Es dauert, bis das wieder aufgebaut ist. Selbst wenn der Krieg heute endete, würden wir beim Ölpreis nicht einfach auf das niedrige Ausgangsniveau zurückfallen. Der Preis würde dauerhaft höher bleiben, auch nach einem kürzeren Krieg.
Wie lange denken Sie?
Es gibt verschiedene Meldungen darüber, wie lange eine Wiederherstellung der Anlagen dauert. Einige rechnen mit einem Jahr, andere sehen eine kürzere Wiederaufbaudauer. Wie auch immer - der Ölpreis dürfte sich nach einem Ende des Krieges oberhalb des Vorkriegsniveaus einpendeln.
Was ist Ihr Szenario, wie lange der Krieg dauert?
Unser Hauptszenario ist, dass der Krieg insgesamt drei Monate dauert. Das reicht schon aus, um das Wirtschaftswachstum um Dreizehntel oder Vierzehntel Prozentpunkte zu senken. Aber am Ende würde die Wirtschaft noch immer wachsen.
Und was wäre das Worst-Case-Szenario?
In solch einem Szenario könnte der Krieg zwölf Monate andauern und der Ölpreis auf 150 Dollar steigen. Dann käme es wohl zu einer Rezession.
Die Situation für Donald Trump wird im Hinblick auf die Zwischenwahlen im Herbst ungemütlich…
Trump hatte den Wählern niedrigere Inflation versprochen, und keine höhere.
Wie wird die US-Notenbank auf die anziehende Inflation reagieren? Sind Zinssenkungen vom Tisch?
Ich glaube nicht, dass die Federal Reserve die Zinsen erhöhen wird, zumal der US-Leitzins höher ist als im Euroraum. Stattdessen dürfte die Fed noch in diesem Jahr beginnen, ihre Zinsen zu senken. Wir dürfen nicht vergessen: Die US-Notenbank steht unter massivem politischen Druck von Trump. Davon ist keine Notenbank unbeeindruckt, da muss man sich nichts vormachen. Hinzu kommt, dass Trump bereits ihm nahestehendes Personal in die Notenbank entsendet hat. Und der von ihm vorgeschlagene, neue Fed-Chef Kevin Warsh nennt bereits Argumente wie künstliche Intelligenz, die angeblich rechtfertigen, die Leitzinsen zu senken.
Wie unabhängig wird die Fed unter Warsh noch sein?
Niemand stellt die fachliche Kompetenz von Warsh in Frage. Stattdessen geht es um seine persönliche Unabhängigkeit. Trump hätte Warsh kaum ausgewählt, wenn er nicht ein offenes Ohr für seinen Wunsch nach niedrigeren Leitzinsen hätte. Im gegenwärtigen politischen Klima der USA wird die Unabhängigkeit der Notenbank Schaden nehmen.
Eine Folge wäre, dass die Fed an den Märkten an Glaubwürdigkeit einbüsst und dass die Renditen der US-Staatsanleihen steigen?
In den USA endet mit Trumps Vorgehen gegen die Unabhängigkeit der US-Notenbank eine jahrzehntelange Stabilitätskultur. Zwar profitiert der Dollar als Weltleitwährung gegenwärtig noch vom Nahost-Krieg. Aber wenn der vorbei ist, dürfte der Dollar unter der schwindenden Unabhängigkeit der US-Notenbank leiden. Es war noch nie gut für eine Währung, wenn die Zentralbank unter politischen Druck kommt.
Die Märkte gehen davon aus, dass die Europäische Zentralbank im Mai oder sogar im April die Zinsen erhöht. Wie ist Ihre Prognose?
Die EZB dürfte nicht wie 2022 mit der ersten Zinserhöhung abwarten, bis die Inflation wieder über 8 Prozent liegt. Aber ich glaube auch nicht, dass sie die Lehren von damals eins zu eins umsetzt. Die EZB dürfte ihre Leitzinsen nicht, wie von den Märkten eingepreist, dreimal erhöhen.
Warum?
Der EZB-Rat ist immer noch dominiert von Anhängern einer grundsätzlich lockeren Geldpolitik, den sogenannten Tauben. Hinzu kommt, dass die Staatsverschuldung sehr, sehr hoch ist und sich die Finanzminister niedrige Zinsen wünschen. Von diesem Wunsch dürfte die EZB nicht unbeeindruckt sein – zumal nicht wenige ehemalige Finanzminister, Wirtschaftsminister und deren Staatssekretäre dem EZB-Rat angehören. Der Markt hat wohl zu viele EZB-Zinserhöhungen eingepreist. Oder anders gesagt: Der Markt attestiert der EZB eine zu grosse Lernfähigkeit.
Wir hatten zwar keine grösseren Krisen mehr im Euroraum: Aber der Euro konnte sich in den letzten Jahren relativ gut halten…
Ich sehe eine strukturelle Dollarschwäche, weil die Unabhängigkeit der amerikanischen Zentralbank erodiert und der Dollar gemessen an der Kaufkraftparität deutlich überbewertet ist. Das sind Argumente, warum Euro-Dollar wieder nach oben driften sollte, wenn die Iran-Krise vorbei ist.
Der Schweizer Franken wird derzeit als letzter sicherer Hafen bezeichnet im internationalen Anlagekontext. Sehen Sie das auch so?
Das mit dem sicheren Hafen hat auch etwas mit dem politischen System der Schweiz zu tun, für das ich sehr viele Sympathien hege. Mir gefallen der gelebte Liberalismus und die basisdemokratischen Entscheide. Wenn Leute die Entscheide fällen, bekommen sie eine Idee davon, was etwas kostet. Das führt zu besseren Entscheidungen und weniger Staatsschulden. Als Ökonom finde ich das sehr wichtig. In der Schweiz hat man das Gefühl, dass man als Bürger für seine Steuern eine gute öffentliche Infrastruktur erhält, zumindest eine bessere als in Deutschland.
Die Schweizerische Nationalbank schreckt davor zurück, wieder Negativzinsen einzuführen, um der Frankenstärke zu begegnen...
Negativzinsen haben gewaltige Nebenwirkungen. So besteht die Gefahr, dass Anleger auf der verzweifelten Suche nach Erträgen die Vermögenspreise aufblähen – etwa die für Immobilien. Die USA haben nicht ohne Grund Negativzinsen immer gemieden.
Jörg Krämer (geb. 1966) ist seit 2006 Chefökonom und Leiter Research bei der Commerzbank, Deutschlands zweitgrösster Bank. Der promovierte Volkswirtschaftler arbeitete nach seiner Ausbildung an der Universität Münster und am Kieler Institut für Weltwirtschaft bei Merrill Lynch, bei Invesco und bei der Bayerischen Hypo- und Vereinsbank.

