Jahreszahlen, Wachstumsausblick und Umbaupläne: Nestlé-CEO Philipp Navratil hat am Donnerstag seinen bedeutendsten Auftritt, seit er 2001 als junger interner Wirtschaftsprüfer zum Nahrungsmittelkonzern stiess. Er steht unter hohem Druck, die seit Jahren frustrierten Investoren bei der Stange zu halten. Es ist ein Druck, den sich Navratil wegen seiner forschen Ankündigungen beim Amtsantritt als CEO im September teils selbst auferlegt hat.

Nicht auf der Rechnung hatte Navratil die mit einem Giftstoff kontaminierte Babymilch, die seit Mitte Dezember den Konzern belastet und sich zum Skandal entwickelt hat. Hintergrund ist ein in Milchpulver als Zutat verwendetes und verschmutztes Öl eines Zulieferers aus China. Es hagelt seither Kritik. So etwa von Michael Beer, Vizedirektor des Bundesamts für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen. Die betroffenen Konzerne, darunter Nestlé, hätten schneller reagieren müssen. Bei einer möglichen Gesundheitsgefährdung müsse «sofort breit zurückgerufen werden - lieber zu viel als zu wenig».

Mehrere Hersteller von Säuglingsnahrung haben in den letzten Wochen breit angelegte Rückrufe von Säuglingsmilch durchgeführt. Investoren erwarten von Nestlé am Donnerstag eine Ankündigung von Massnahmen, wie eine solche Krise in Zukunft verhindert werden kann. Es bleibt abzuwarten, ob die Säuglingsmilch tatsächlich weniger als 0,5 Prozent Umsatzanteil bei den betroffenen Chargen von Nestlé ausmacht, wie der Konzern angab. Einige Analysten beziffern den Schaden indes auf möglicherweise über eine Milliarde Franken. Je höher eine solche Zahl, desto grösser eine böse Überraschung.

Nestlé hat eigens ein «Strategie-Update» angekündigt

Dabei wollte sich der 50-jährige, fünfsprachige Schweizer, der zuvor das Nespresso-Geschäft geleitet hatte, bei den Jahreszahlen hauptsächlich auf Fortschritte beim Konzernumbau konzentrieren. Nestlé hatte dafür mit der Einladung zur Präsentation der Jahreszahlen eigens ein «Strategie-Update» angekündigt. Laut der «Financial Times» plant Navratil einen Konzernumbau mit Fokus auf künftig vier Geschäftssäulen: Kaffee, Tiernahrung, Ernährung und Gesundheit sowie Lebensmittel und Snacks.

Damit will der Konzern agiler werden und schneller auf Konsumtrends reagieren können. Nestlé ist bislang vor allem primär nach Regionen organisiert: Amerika, Europa und Asien sowie Ozeanien und Afrika. Zusätzlich ist der Konzern in strategische Geschäftseinheiten gegliedert.

Im Fokus stehen am Donnerstag auch Ankündigungen zu problematischen Nestlé-Geschäftseinheiten. Dazu gehören die Vitamin- und Wassersparten und andere Einheiten. Eine Stellungnahme wird auch betreffend der Zukunft der 20-prozentigen Beteiligung am französischen Kosmetikkonzern L’Oréal erwartet. Ebenso Angaben zu Fortschritten bei der Entschuldung und zur langfristigen Entwicklung der Dividenden.

Besonders Augenmerk richten Investoren auf Fortschritte des beim Amtsantritt von Navratil bekannt gegebenen Restrukturierungsprogramms, das einen Abbau von bis zu 16'000 innerhalb von zwei Jahren vorsieht. Wie man aus dem Konzern hört, wurden dabei schon im letzten Jahr erste Schritte aufgegleist.

Jahreszahlen von Nestlé geraten fast etwas in den Hintergrund

Jean-Philippe Bertschy, Leiter Aktienresearch bei der Bank Vontobel, erwartet von Navratil klare Ansagen: «Der Markt erwartet einen präzisen Fahrplan und keine weiteren allgemeinen Zusicherungen - einen Plan, der klar auf konkreten Massnahmen, Meilensteinen und messbaren Verpflichtungen basiert», wird Bertschy bei Bloomberg zitiert. Es werde entscheidend sein, dass man über die leistungsschwachen Geschäftsbereiche informiert werde, wie man die Nettoverschuldung senken und wie man den freien Cashflow beschleunigen wolle.

Die Jahreszahlen geraten über derart viele Strategiefragen fast in den Hintergrund: Analysten erwarten im Schnitt einen Reingewinn von 10,1 Milliarden Franken für 2025 und ein organisches Wachstum von 3,3 Prozent. Das reale interne Wachstum (RIG) veranschlagt der Markt bei 0,7 Prozent. Für das vierte Quartal 2025 werden ein organisches Wachstum von 3,4 Prozent und ein RIG von 0,9 Prozent geschätzt. Der Markt schätzt zudem eine Dividende von 3,09 Prozent pro Aktie.

Beim Geschäftsausblick 2026 sind die Erwartungen nicht besonders hoch. Lebensmittelhersteller hatten zuletzt mit einer weltweiten Konjunkturabschwächung und sich ändernden Konsumgewohnheiten zu kämpfen. Das Resultat dieser Nervosität zeigt sich bei den zahlreichen CEO-Wechseln in den letzten zwölf Monaten in der Branche. Nach 2026 sollte Nestlé aber wieder eine Marke von 4 Prozent organischem Wachstum als Ziel haben.

Die Aktie von Nestlé hat sich jüngst etwas erholt und ist Anfang der Woche zwischenzeitlich auf den höchsten Stand seit Ende November gestiegen. Angesichts des 40-prozentigen Absturzes seit dem Kursrekord im Jahr 2022 ist dies aber nur ein Tropfen auf den heissen Stein.

Daniel Hügli
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