Seit der letzten Märzwoche hat sich die Stimmung auch am Schweizer Aktienmarkt sichtlich aufgehellt, obschon die Unruhen im Nahen Osten anhalten. Zwar hat die hiesige Börse erst einen Teil der Verluste aufgeholt, die sich nach dem Ausbruch des Iran-Kriegs von Ende Februar ergeben hatten. Doch der breite Markt hat, gemessen am Swiss Performance Index (SPI), in den Wochen ab dem 20. März um 8 Prozent zugelegt - ein Zeichen dafür, dass die Investoren wieder mutiger geworden sind.
Das beste Beispiel dafür ist ABB. Die Aktien des Technologiekonzerns haben innert weniger Wochen um 20 Prozent angezogen - die Folgen des Nahost-Konflikts hin oder her. Am Mittwoch haben die Erstquartalszahlen für zusätzlichen Schub gesorgt.
Allerdings haben nicht alle Schweizer Aktien mit dem Gesamtmarkt Schritt gehalten. Das gilt gerade für einige der Zykliker, die bisweilen profitieren, wenn der Appetit der Anleger wächst. Beispielsweise kam die Aktie des Bauunternehmens Implenia seit Ende März im steigenden Gesamtmarkt kaum von der Stelle. Hingegen waren andere Bauwerte wie Sika (plus 16 Prozent), Holcim (plus 12 Prozent) und Amrize (plus 6 Prozent) stärker gefragt.
Allerdings waren die Implenia-Aktien schon Anfang Jahr und dann besonders ab Mitte Februar - der Iran-Krieg hatte noch nicht begonnen - ins Rutschen gekommen. Damals hatten sie bei über 80 Franken einen Rekordstand markiert. 15 Franken mehr als heute waren das.
Damit stellt sich die Frage, ob nun ein geeigneter Einstiegspunkt gekommen ist. Für mittel- bis langfristig orientierte Anleger: Ja. In den kommenden Monaten dürfte sich Implenia in einer Übergangsphase befinden, mittelfristig aber von den Infrastrukturinvestitionen im europäischen Ausland, namentlich in Deutschland, profitieren. Die von AWP erfassten Analysten raten überwiegend zum Kauf; sie trauen der Aktie auf mittlere Sicht 86 Franken und daher den Aufstieg auf ein weiteres Rekordhoch zu.
Weiter unter Abgabedruck stehen ebenfalls die Titel des Industriekonzerns Sulzer. Sie fielen seit Ende März um 8,8 Prozent auf 145 Franken, wobei der Dividendenabschlag bislang nicht aufgeholt ist und die Aktie nach dem Ex-Tag weiter verkauft wurde. Zuvor waren die Titel im Jahresverlauf auch schon 180 Franken wert gewesen.
Nachdem der Bestellungseingang im ersten Quartal gesunken war, sieht das Management für das zweite Quartal eine Verbesserung sowie eine «starke» zweite Jahreshälfte 2026. Das darf zuversichtlich stimmen. Die Bank Vontobel sagt ein Zwölf-Monate-Kursziel von 175 Franken an. Der zuständige Analyst weist aber auch auf das Risiko hin, das von einer weiterhin unsicheren Lage im Nahen Osten ausgehen kann.
Die Anteilsscheine des Reisedetailhändlers Avolta haben vor allem in dieser Woche gelitten. Sie gaben fast 11 Prozent ab, womit die seit dem 20. März gemachten Fortschritte weitgehend zurückgespult wurden. Hintergrund des Rücksetzers sind neuerliche Sorgen um die Flugindustrie. Demnach verteuern steigende Ölpreise die Flugtickets und senken das Passagieraufkommen an den Flughäfen. Dies dürfte kurzfristig auch das Wachstum des Reisedetailhändlers hemmen.
Auch wenn Avolta nur zu zirka 3 Prozent direkt im Nahen Osten tätig sei, so sei der Konflikt in dieser Region doch ein Risiko für den globalen Passagierverkehr, notierte der zuständige Experte der UBS in seiner jüngsten Einschätzung zu Avolta. Er bestätigte das «Buy»-Rating und senkte das Kursziel um 2 Franken auf 63 Franken. Damit bleibt er zuversichtlich: 63 Franken waren die Valoren von Avolta zuletzt im Juni 2021 wert.
Defensive Aktie für die nächste Episode des Nah-Ost-Konflikts
Die Bauaktie von Implenia, die Industrieaktie von Sulzer und die vom Tourismus abhängigen Valoren von Avolta standen unter Druck, obwohl sich die Anleger insgesamt beherzter zeigten und wieder vermehrt in den Schweizer Aktienmarkt investiert haben. Anders verhält es sich mit defensiven Titeln. Sie sind teils zurückgefallen, kamen teils kaum mehr vom Fleck, da die Anleger sich wieder stärker engagieren und offenbar mehr Risiko nehmen. Beispiele geben die Kantonalbank-Aktien. Sie waren über Monate hinweg teils auf Langzeithochs gestiegen und boten den Anlegern im angespannten geopolitischen Umfeld Halt. Dies, da sie auf den Heimmarkt ausgerichtet sind; viele der Kantonalbanken haben zudem eine Staatsgarantie im Rücken.
Auf die Kantonalbank-Valoren wie jene der Graubündner, St. Galler oder Waadtländer KB werden die Investoren wohl zurückkommen, sollte sich die Lage im Nahen Osten abermals so sehr zuspitzen, dass die Stimmung an den Aktienmärkten wieder kippt. In diesem Fall dürfte auch die Aktie von Plazza gefragt sein. Das Portfolio des Immobilienunternehmens besteht zum Grossteil aus Wohnliegenschaften und zu einem kleineren Teil aus Geschäftsliegenschaften. Entsprechend sind die Titel relativ gut vor Konjunkturschwankungen geschützt. Sie sprangen nach den Jahreszahlen 2025, die Anfang März vorgestellt wurden, deutlich nach oben - rutschten seither aber immer weiter ab. Mittlerweile notieren sie 4,5 Prozent tiefer als beim Allzeithoch von 465 Franken im März.
Mit Swisscom und Mobilezone sind zwei Werte aus dem ebenfalls als defensiv eingestuften Telekommunikationssektor unter den Bedrängten der vergangenen Wochen. Allerdings schwächelten sie nicht nur deswegen, weil sich Anleger ein Stück weit aus der Starre der ersten Phase der Iran-Konflikts gelöst haben. Für die Kursentwicklung ist gerade die Dividende der Telekommunikationsunternehmen relevant. Der Dividendenabschlag schenkt jeweils deutlich ein, und es dauert, bis sich die Titel wieder erholt haben.
Beispielsweise wurde Mobilezone am vorletzten Mittwoch ex-Dividende gehandelt. Gleichentags schloss die Aktie 7,3 Prozent tiefer. Sie ist seither nicht wieder gestiegen. Und dennoch: Die Dividendenrenditen von 6,4 Prozent bei Mobilzone und 3,9 Prozent bei Swisscom sowie das defensive Geschäftsmodell eignen die Telekommunikationsunternehmen als Anker, sollte im Nahost-Konflikt die nächste Episode folgen.
Das Gleiche gilt für die Aktie von Sunrise: Die Dividendenrendite liegt bei 7,5 Prozent. Die Valoren hielten sich in den letzten rund vier Wochen auf der Nulllinie und werden am 11. Mai ex-Dividende gehandelt. Ob die Erholung nach dem Dividendenabschlag zügig kommt oder auf sich warten lässt, wird man sehen.
Bis Handelsschluss am Mittwoch hat auch Nestlé die insgesamt positive jüngste Entwicklung des Schweizer Aktienmarktes verpasst. Die am Donnerstag vorgestellten Zahlen zum ersten Quartal hievten die Titel nun aber ins Feld der Gewinner seit Ende März. Das Unternehmen hat mit dem organischen Wachstum und speziell mit dem Mengenwachstum positiv überrascht, auch wenn geopolitische Risiken nicht vom Tisch sind.
«Dies ist die Art von Bestätigung, auf die Investoren gewartet haben», schrieb Jean Philippe Bertschy, Analyst der Bank Vontobel. Er bestätigte das «Buy»-Rating sowie das Kursziel von 90 Franken für Nestlé, während der Analystenkonsens das Preisziel bei knapp 87 Franken sieht. Das sind 7 Franken oder 8,8 Prozent mehr, als die Aktie am Donnerstag wert war, und deutet auf eine positive Entwicklung in den kommenden Monaten hin.

