⁠EZB-Vizechef Luis de Guindos hat nach eigenem Bekunden keine Hinweise auf einen vorzeitigen Abtritt der Präsidentin. «Ich kann Ihnen nur sagen, dass sie ⁠sich voll und ganz auf ihre Arbeit konzentriert und dass sie, solange sie hier ist, eine grossartige Präsidentin sein wird», sagte er am Donnerstag in Valencia. Auch ‌sein Direktoriumskollege Piero Cipollone sagte, es gebe keinerlei Anzeichen dafür, dass Lagarde vor einem Rücktritt stehe. ‌Er hob ihre Arbeit an längerfristigen Projekten wie der Spar- ​und Investitionsunion der Europäischen Union und neuen Liquiditätslinien hervor: «Das sieht ganz und gar nicht nach dem Verhalten von jemandem aus, der auf gepackten Koffern sitzt», sagte der Italiener bei einer Anhörung im Parlament.

EZB-Chefin Lagarde hatte laut Insidern in einer Botschaft an ihre Kollegen erklärt, dass diese als erste von ihr über etwaige Rückzugspläne erfahren würden und nicht über die Medien. Sie konzentriere sich weiter auf ihr Amt. Empfänger ‌der internen Nachricht interpretierten die Botschaft so, dass dies wahrscheinlich bedeute, dass sie die EZB nicht bald verlassen wolle, auch wenn ein vorzeitiger Rückzug durchaus möglich sei.

Laut der «Financial Times» wird damit gerechnet, dass Lagarde ihre regulär bis Ende Oktober 2027 laufende achtjährige Amtszeit nicht vollständig absolvieren ​wird. Sie habe vor, ihren Posten noch vor der im April 2027 anstehenden französischen Präsidentschaftswahl zu räumen.

Der ​französische Notenbankchef Francois Villeroy de Galhau, der seinerseits seinen Posten im Juni räumen ​wird, sprach mit Blick auf den Bericht der «FT» am Mittwoch von einem Gerücht und keiner Information. Laut dem Zeitungsbericht will Lagarde Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und Bundeskanzler Friedrich Merz ‌die Gelegenheit geben, eine neue Spitze für die Europäische Zentralbank zu finden. Macron darf 2027 nach zwei aufeinanderfolgenden Amtszeiten nicht erneut antreten. Er könnte aber bei dem von der «FT» beschriebenen Szenario noch bei den politischen Absprachen in Europa über die Nachfolge Lagardes mitmischen.

Frankreich-Wahl wirft ihren Schatten voraus

Laut EZB-Insidern ​deuten Villeroys vorzeitiger Abgang und Lagardes Botschaft auf den französischen Wunsch ⁠hin, unabhängig vom Ausgang der französischen Wahlen kompetente und unabhängige Notenbanker zu bestimmen. Villeroy ​hatte betont, sein vorzeitiger Rückzug sei ⁠eine persönliche Entscheidung. Der Abgeordnete Jean-Philippe Tanguy von der rechtsextremen Partei Rassemblement National (RN) interpretierte den Schritt hingegen als politisches Manöver: Es diene dazu, ‌Verbündete gegen den RN in Stellung zu bringen, falls es zu einem Machtwechsel komme.

Dem von Jordan Bardella geführten RN werden in Umfragen gute Chancen eingeräumt, die Präsidentschaftswahl zu gewinnen. Er gilt als Ersatzkandidat für 2027, falls die ‌Partei-Ikone Marine Le Pen nicht antreten darf. Sie ist wegen Veruntreuung von EU-Mitteln schuldig gesprochen worden. Teil ​des Urteils ist, dass sie fünf Jahre kein öffentliches Amt ausüben darf. Damit dürfte ihre Kandidatur 2027 hinfällig sein. Obwohl der RN den Aufruf zum Austritt Frankreichs aus dem Euro längst aufgegeben hat, gilt die Partei laut Insidern in Zentralbanken weiterhin als unberechenbar.

(Reuters)