cash.ch: Die Schweizer Börse schwächelt. Ist das der Beginn einer Korrektur oder einer länger anhaltenden Baisse?

Nannette Hechler-Fayd'herbe: Einerseits gehört der September saisonal betrachtet zu den Monaten mit einer erhöhten Volatilität. Andererseits hatten wir im zweiten Quartal eine starke Rallye mit einem neuen Allzeithoch beim Swiss Market Index (SMI). Insofern ist eine kleine Korrektur normal. Vor allem, wenn man bedenkt, dass mit der amerikanischen Fed, der europäischen Zentralbank (EZB) und der Bank of Japan (BoJ) gleich drei grosse Zentralbanken die Leitzinsen anheben dürften. Das färbt ab. 

Was spricht für eine Fortsetzung der Rallye über die nächsten zwölf Monate?

Nach einem Moment der Verlangsamung dürfte der Aufwärtstrend weitergehen, weil die Fundamentaldaten Unterstützung geben. Die Weltwirtschaft ist insgesamt robust und davon profitiert die Schweiz. Im Jahr 2027 sollten wir vermutlich neue Höchstwerte an der Schweizer Börse erreichen. Beim SMI liegen 15'000 Punkte drin, weil die Unternehmen eine hohe Adaptabilität aufweisen, sich schnell anpassen und somit die Gewinne halten können. Insgesamt sieht es nicht schlecht aus, sowohl für den Schweizer Aktienmarkt als auch für die globalen Aktienmärkte.

Inklusive Dividenden ergäbe das für den SMI über die nächsten zwölf Monate eine ausgezeichnete Rendite...

Die vergangenen Monate haben einmal mehr gezeigt, wie wichtig es ist, investiert zu bleiben. Das gilt, solange in den USA keine Rezession in Sicht ist. Und ja, die Zinsen sind ein Stück hochgekommen und die Zentralbanken sind nicht mehr auf Zinssenkungskurs, aber wir haben andererseits auch hohe Unternehmensgewinne. Das ist schon erstaunlich vor dem zins- und geopolitischen Hintergrund. Zudem sehen wir ein Industrie-Revival, welches sich nach dem ersten Akt mit dem AI-Boom auf mehr Sektoren ausgedehnt hat. Diese Breite an den Aktienmärkten ist positiv.

Aber nicht alle Schweizer Unternehmen wussten mit ihren Abschlüssen zu überzeugen?

Bei guter Grosswetterlage entwickeln sich nicht alle Unternehmen gleich. Im Pharmasektor gibt es unter anderem eine Patentenklippe, welche ein Risiko darstellt. Auf der anderen Seite hat es Opportunitäten mit neuen Medikamenten, welche auf Kurs sind und zeigen, wie innovativ Pharmaunternehmen sein können. Da sehen wir die ersten Unterschiede – exemplarisch diese Woche. Somit wird die Arbeit der Stockpicker wieder wichtiger, weil es am breiten Aktienmarkt nach langer Zeit wieder Unterschiede gibt.  

Schwächelt nach Novartis noch Roche und Nestlé, dann dürfte der SMI kaum auf Touren kommen. 

Der SMI ist sehr konzentriert und im Speziellen ein Abbild der individuellen Unternehmensentwicklung. Insgesamt sind wir in einer neutral gewichteten Position, weil der Schweizer Leitindex tendenziell mit der globalen Entwicklung nebenherläuft. Das hängt auch mit seinen defensiven Qualitäten aufgrund vom Gewicht, der Pharmatitel und der Consumer Staples zusammen. Generell bin ich aber überzeugt, dass die Aktienmärkte auf Sicht von zwölf Monaten auf Kurs bleiben.

Geben Sie dem SMI, SPI oder den Mid-Cap-Index SMIM den Vorzug? 

Wir sind Small und Mid Caps nicht abgeneigt. Diese zyklische Erholung, die man zwar nicht wirklich spürt, sich aber in den Zahlen zeigt, ist eine gute Basis für kleiner kapitalisierte Werte. Das gilt vor allem, weil die Visibilität nach dem US-Zollchaos im Jahr 2025 besser geworden ist und diese Schwierigkeiten verdaut sind. 

Welche Märkte favorisieren Sie?

Wir sind in letzter Zeit mit unserem Engagement in Japan gut gefahren. Am stärksten sind wir allerdings in den Schwellenländern exponiert. Das ist eine grosse Geschichte, da Aktien aus Schwellenmärkten lange Zeit nicht wirklich das gebracht haben, was sich die Investoren erhofften. Chinesische Aktien waren in einem Jahr top, im nächsten Jahr dann ein vollständiger Flop und vollkommen volatil. Der ganze geopolitische Kontext hat sich nun geändert, die internationalen Beziehungen und Lieferketten sind kompliziert und schwierig. Davon profitieren die Märkte in den aufstrebenden Ländern. Ferner sind wir überzeugt, dass die Bewertungen bei Schwellenmarktaktien weiterhin attraktiv sind. Das gilt auch auf Sektorebene gegenüber den entwickelten Volkswirtschaften. 

Vergangenes Jahr waren Sie ziemlich neutral eingestellt. Ist dem immer noch so?

Nein, wir haben Ende des ersten Quartals 2026 eine Übergewichtung in den Schwellenmarktaktien aufgebaut. Wir sind zudem ein wenig vorsichtiger gewesen mit den entwickelten Wirtschaften, weil wir gerade bezüglich der Bewertungen an US-Börsen Bedenken hatten. Später haben wir dann auch Aktien in den entwickelten Ländern dazugekauft. An dieser übergewichteten Aktienquote halten wir weiter fest, weil unseres Erachtens die erwarteten Zinserhöhungen durch die Zentralbanken nicht der Startpunkt von einem ganzen Zyklus von Zinserhöhungen sein werden, sondern begrenzt bleiben. Die Unternehmungen sollten in ihrer aktuellen Gesundheitsverfassung die höheren Zinsen überwinden können. 

Bleibt Schweizer Investoren wegen der tiefen Frankenzinsen etwas anderes übrig, als in Aktien übergewichtet zu sein? 

Die Schweiz unterscheidet sich bei der effizienten Kapitalkurve zum Beispiel von den USA, die deutlich höhere Zinsen kennen. Da sind festverzinsliche Anlagen attraktiv, zumal die Dividendenrenditen in den USA im Vergleich zur Schweiz tiefer sind. Entsprechend ist für eine Schweizer  Anlegerin oder einen Schweizer Anleger eine erhöhte Aktienquote umso wichtiger. Die zentrale Botschaft ist aber, dass es neben den traditionellen Anlagegruppen wie Festverzinsliche oder Aktien unumgänglich ist, alternative Investments beizumischen. Dazu gehören Immobilienfonds, Private Equity oder Hedgefonds.

Wie wichtig sind Dividendentitel für das Portfolio?

Ich halte Dividendenzahlungen und Dividendenaktien für sehr wichtig. Es gibt genügend Studien, die das belegen. Dividenden sind einer der sichersten Wege, um Kapital zu kumulieren - sofern diese Ausschüttungen immer wieder reinvestiert werden und nicht als Einkommensquelle für Konsum oder dergleichen verwendet werden. Das zahlt sich über lange Frist aus. Starke Dividendentitel bergen zwar immer noch ein Aktienrisiko, aber es ist ein Pfad, der weniger volatil sein kann.

Nannette Hechler-Fayd'herbe ist seit 2024 Leiterin Anlagestrategie, Nachhaltigkeit und Research sowie als Investmentchefin (CIO) für Europa, den Nahen Osten und Afrika (EMEA) bei Lombard Odier tätig.

Thomas Daniel Marti
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