Der frühere US-Notenbankchef Alan Greenspan ist im Alter von 100 Jahren gestorben. NBC News berichtete am Montag unter Berufung auf dessen Ehefrau, der Tod stehe im Zusammenhang mit seiner Erkrankung an Parkinson. Greenspan hatte von August 1987 bis Januar 2006 die einflussreichste Zentralbank der Welt gelenkt und ihr seinen ganz eigenen Stempel aufgedrückt. Während er noch zum Ende seiner Amtszeit als Maestro der Geldpolitik gefeiert wurde, kam mit dem Ausbruch der Finanzkrise wenige Jahre später zunehmend Kritik an der Ägide Greenspans auf.
Kritiker warfen dem gebürtigen New Yorker vor, mit seiner geldpolitischen Linie dem Entstehen einer Reihe von Vermögenspreisblasen Vorschub geleistet zu haben, die schliesslich in der Weltfinanzkrise 2007/09 mündeten. «Ich glaube, die Vergötterung, die ihm unmittelbar vor der Finanzkrise zuteilwurde, war nie wirklich gerechtfertigt. Und ebenso wenig war die heftige Kritik vollauf berechtigt, die er nach seinem Ausscheiden einstecken musste», urteilt Stephen Oliner, ein ehemaliger hochrangiger Vertreter der US-Notenbank.
Greenspan hatte es in seiner langen Amtszeit immer wieder bewusst vermieden, sich konkret festzulegen. Er prägte mit seiner oft kryptisch anmutenden Kommunikation einen ganz eigenen Stil bei der Federal Reserve. Angesichts der an ein Orakel erinnernden Signale des Notenbankchefs gingen Journalisten zwischenzeitlich sogar dazu über, die Miene Greenspans eingehend zu studieren und zugleich die Dicke seiner Mappe in Augenschein zu nehmen: «Eine dünne und glatte Aktentasche deutet darauf hin, dass es keine Änderung der Zinspolitik geben wird. Eine übervolle Aktentasche signalisiert, dass eine Änderung in Vorbereitung ist», erläuterte der Sender CNBC im Jahr 1998 die heute seltsam anmutende Recherche.
Nuscheln als Markenzeichen
Einst warnte Greenspan eine Gruppe von Ökonomen, er verbringe viel Zeit mit der Sorge, sich zu klar auszudrücken: «Was ich bei der Fed gelernt habe, ist eine neue Sprache, das sogenannte 'Fed-Speak'. Wir lernen, höchst unverständlich vor uns hin zu nuscheln», sagte er. Diese Marotte zeigte sich auch in seinem Privatleben: Seine Frau Andrea Mitchell berichtete, sie habe bei den ersten Heiratsanträgen schlichtweg «nicht begriffen, worum es ging». Das Paar war zwölf Jahre lang zusammen, bevor es im April 1997 heiratete. Für beide war es die zweite Ehe. Greenspans erste Liebe galt der Musik: Er studierte zwei Jahre lang Klarinette in New York. Eine Zeit lang tourte er als Saxophonist mit einer Swing-Band, bevor er sich an der New York University dem Studium der Wirtschaftswissenschaften zuwandte. Greenspan hatte schon als junger Mensch eine Liebe zur Mathematik entwickelt, die er durch seine Leidenschaft für Baseball-Statistiken entdeckte.
Wannenbäder zur Inspiration
Bekannt war Greenspan auch für seine Marotte, sich stundenlange Wannenbäder zu gönnen. Dabei seien ihm immer die besten Gedanken gekommen, bekannte der Notenbankchef. Er nutzte den Aufenthalt in der Badewanne ausgiebig zum Lesen von Berichten und Verfassen von Reden.
Als Notenbankchef erntete er rasch Lorbeeren für seine entschlossene Reaktion auf den Börsencrash am "Schwarzen Montag“ im Jahr 1987 – nur zwei Monate nach seinem Amtsantritt. Zudem steuerte er die US-Wirtschaft durch die Rezession der Jahre 1990/91, die Finanzkrise in Asien und Russland (1997/98), das Platzen der Dotcom-Blase im Jahr 2000 sowie durch die wirtschaftlichen Turbulenzen nach den Anschlägen vom 11. September 2001.
(Reuters)
