Manche Experten sprechen gar mit Blick auf die von Warsh angekündigten Reformen von der Kommunikation bis hin zur Datenanalyse von ⁠einer Revolution. Die Grundidee: Institutionen wie die Notenbank sollten sich möglichst zurückhalten, da sie die Effizienz der Finanzmärkte eher stören als verbessern: «Damit kehrt Warsh geldpolitisch zu den Prinzipien der 1980er- und 1990er-Jahre zurück», meint Eckhard Schulte, Vorstandschef des ‌Vermögensverwalters MainSky Asset Management.

Ins Auge sprang dies bereits in dem Begleittext zum ersten Zinsentscheid der Fed unter seiner Ägide am ‌Mittwoch, der relativ kurz ausfiel und damit an die Praxis aus den Zeiten des ehemaligen ​Notenbankchefs Alan Greenspan erinnerte. Dieser hatte von 1987 bis 2006 die einflussreichste Notenbank der Welt gelenkt und geprägt. In seinem an ein Orakel erinnernden Kommunikationsstil vermied er es bewusst, sich konkret festzulegen. Auch die Begleittexte zu den Zinsentscheiden waren zumeist knapp gehalten. Unter seinen Nachfolgern Ben Bernanke, Janet Yellen und Jerome Powell fielen die Statements wesentlich umfangreicher aus, wobei auch das wirtschaftliche Umfeld stärker beleuchtet wurde. Zugleich rückten Orientierungslinien für die künftige Geldpolitik - die sogenannte Forward Guidance - stärker in den Fokus.

Die von Warsh eingeleitete Rückkehr zu einem bis auf die Faktenlage entkernten ‌Statement markiert einen Wendepunkt – nicht nur hinsichtlich der Führung der Zentralbank, sondern auch im Hinblick auf die geldpolitische Ausrichtung: Seit Herbst 2024 sah die Marschrichtung vor, die Zinsen tendenziell eher zu senken. Denn zuvor war das Zinsniveau im Kampf gegen die seit der Corona-Pandemie stark angestiegene Inflation deutlich angehoben worden.

Das aktuelle Statement enthält nun keine Hinweise mehr auf etwaige künftige geldpolitische Schritte. ​Einige Währungshüter hatten sich bereits auf der vorigen Sitzung unzufrieden damit gezeigt, dass in dem Kommuniqué noch der Hinweis auftauchte, dass man sich ​über «weitere Anpassungen» der Zinsen Gedanken mache - also über weitere Zinssenkungen. Diese im Fachjargon als 'Easing Bias' bekannte Formel ​gehört nun der Vergangenheit an.

Investoren müssen in Zukunft mit weniger «Signalen» der Fed auskommen

Im Vergleich zu den eher routinemässigen Übergängen zwischen früheren Fed-Chefs sei «dieses Mal alles anders», sagte Rick Rieder, Chief Investment Officer für den Bereich Global Fixed Income bei BlackRock. Er ‌gehörte selbst zu den Kandidaten, die Trump vor der Nominierung von Warsh als möglichen Nachfolger Powells in die engere Wahl genommen hatte. Investoren müssen laut Rieder damit leben, mit weniger «Signalen» der Fed auszukommen. Dies sei eine gute Entwicklung, sofern sie mit einer verbesserten Datenerfassung und -analyse einhergehe – Bereiche, auf die sich fünf von Warsh angekündigte Arbeitsgruppen konzentrieren sollen.

NordLB-Analyst Tobias Basse sieht darin den ​Versuch, die ​für die US-Geldpolitik relevanten Bereiche nachhaltig an ein verändertes Umfeld anzupassen: «Dies ist wirklich ein sehr geschicktes Vorgehen ⁠von Warsh. Angesichts des schwierigen Umfeldes spielt der neue Chef zunächst auf Zeit und wartet auf eine Beruhigung ​an der makroökonomischen Preisfront in den ⁠USA.» Kritischen Stimmen – einerseits aus dem Weissen Haus und anderseits von der Seite der Anhänger höherer Leitzinsen – könne er mit dem Hinweis auf die Tätigkeiten der Arbeitskreise für eine Weile hinhalten, ‌betonte Basse.

Hinter den Kulissen dürfte Warsh laut dem Experten allerdings massiven Einfluss auf die Ergebnisse und Vorschläge nehmen. «Unserer Auffassung nach sollte das Thema Verringerung der Notenbankbilanz» eine hohe Bedeutung bekommen, sagte Basse. Auch die Kommunikationspolitik der US-Zentralbank werde sich wohl spürbar verändern: «Warsh will offenkundig nicht mehr der Gefangene von Worten aus ‌der Vergangenheit sein. Er will also mehr Stille wagen.»

Mit Warsh als neuem Fed-Chef trete die Institution in eine neue Ära ein, ​die von einer sich wandelnden volkswirtschaftlichen Philosophie geprägt sein werde, meint Christian Scherrmann, Chefvolkswirt USA beim Vermögensverwalter DWS. Es bleibe abzuwarten, ob er den klassischen Ansatz von Greenspan übernehmen oder einen neuen Stil entwickeln werde, der auf Markteffizienz und fortschrittlicher Datenanalyse basiere.

Doch wie der neue Notenbankchef selbst betonte, kann Wandel riskant sein. Seine erste Pressekonferenz und die Ankündigung der geldpolitischen Ausrichtung lösten zunächst einen Ausverkauf an den ‌Aktienmärkten sowie einen starken Anstieg der Renditen kurzfristiger ​Anleihen aus.

(Reuters)