«Elon Musk will schneller sein als der liebe Gott»

In wenigen Ländern sind die Tesla-Elektroautos beliebter als in der Schweiz. Doch die Verkaufsdynamik nimmt hierzulande ab, wie neue Zahlen zeigen. Die Langfrist-Perspektiven von Tesla werden auch immer hinterfragt.
07.09.2016 12:18
Von Ivo Ruch
Eine Vision mit Hindernissen: Tesla-Chef Elon Musk.
Eine Vision mit Hindernissen: Tesla-Chef Elon Musk.
Bild: Bloomberg

Man sieht sie im Parkhaus, in der Innenstadt und auf der Autobahn: Die Elektroautos von Tesla sind in der Schweiz stark verbreitet, so der Eindruck. Insbesondere das Oberklassemodell S scheint hierzulande beliebt. Das Premium-Modell kostet je nach Motorisierung und Ausstattung bis zu 150'000 Franken.

Zahlen bestätigen diesen Verdacht auf den ersten Blick. Laut Daten des Autoimporteuren-Verbandes Auto-Schweiz wurden im gesamten letzten Jahr 1556 Tesla eingelöst, was mehr als eine Verdreifachung gegenüber 2014 darstellte. Weltweit wurden somit rund 3 Prozent aller Teslas in der Schweiz verkauft. "Die Schweiz ist für Tesla definitiv ein sehr wichtiger Markt in Europa", schreibt ein Tesla-Sprecher auf Anfrage.

Tesla spricht eine urbane, kaufkräftige Klientel an, die sich für Technik begeistert. Schweizer Standorte gibt es in Zürich, Bern, Basel, Genf und Zug. In kaum einem anderen europäischen Land existieren so viele Verkaufslokale und Ladestationen wie in der Schweiz.

Verkaufsdynamik nimmt ab

Auf den zweiten Blick zeigt sich aber auch: In diesem Jahr scheint der Tesla-Boom abzuflachen. Bis Ende Juli wurden 841 Tesla S verkauft, das sind praktisch gleich viele wie im Vorjahr. Für ein aufstrebendes Jungunternehmen mit grossen Zukunftsplänen wie sich Tesla selbst immer wieder darstellt, kann das kaum genügen.

Tesla kommentiert diese Stagnation nicht. Die Firma weist aber darauf hin, dass die Verkaufszahlen von Tesla über den addierten Auslieferungen von Audi A8, 7er BMW, Mercedes S-Klasse und Porsche Panamera liegen. Die Entwicklungen auf dem Schweizer Markt passen aber zu einem Jahr, in dem es für Tesla eher harzig läuft.

Denn auch operativ sind die Zahlen nicht so befriedigend: Im zweiten Quartal 2016 stieg der Unternehmensverlust um 60 Prozent auf 293 Millionen Dollar – der 13. Quartalsverlust in Folge. Grund sind in erster Linie die immer noch hohen Kosten für den Produktionsausbau. Das ambitionierte Ziel: Bis in zwei Jahren sollen eine halbe Million Tesla pro Jahr vom Band laufen. Doch Tesla-Gründer Elon Musk setzt die Ambitionen immer sehr hoch an – um sie dann zu verpassen oder nur knapp zu erreichen.

Entscheidendes neues Modell

Der "Autopapst" genannte Experte Ferdinand Dudenhöffer glaubt, dass die Zahlen aus der Schweiz ein Ausreisser sind. Denn in den USA und Deutschland wachse der Markt immer noch. Entscheidend sei das neue "Model 3": "Wenn das neue Modell ein Erfolg wird, schafft Tesla den Durchbruch. Sonst wird es schwierig", sagt der Professor der Universität Duisburg-Essen zu cash.

Das neue Modell soll Ende 2017 in den USA ausgeliefert werden, bevor es in die Schweiz kommt. Mit einem Preis von 35'000 Dollar wird "Model 3" das erste reine Elektroauto für die breite Masse, wenn es nach den ambitionierten Plänen von Tesla geht. Knapp 400'000 Bestellungen sind bis jetzt eingegangen.

Professor Dudenhöffer sieht die hohen Ziele von Tesla-Gründer Elon Musk als Fluch und Segen zugleich: "Musk will schneller sein als der liebe Gott. Er macht vieles gleichzeitig und lässt sich zu schnell ablenken."

In der Tat beschränken sich die Kalifornier nicht aufs Autogeschäft, sondern wollen zum Rundum-Anbieter im Bereich Solar- und Elektrotechnik aufsteigen und in Zukunft neben Autos auch Solardächer und Batteriespeicher anbieten. Ein wichtiger Schritt in diese Richtung war die 2,6 Milliarden Dollar teure Übernahme von SolarCity, einem Anbieter von Solarstromanlagen. Die Übernahme wurde übrigens stark kritisiert, weil Musk grösster Anteilseigner und Verwaltungsratschef bei SolarCity ist.

Marc Faber erwartet den Kollaps

Tesla-Aktionäre gucken derweil in die Röhre. Zwar hat sich der Aktienkurs nach dem Börsengang im Herbst 2011 eindrücklich von 25 auf 290 Dollar gesteigert. Doch seit rund zwei Jahren fehlt dem Titel der Drive. Im Vergleich zum Beginn des aktuellen Jahres beträgt die Wertvernichtung der Tesla-Aktie fast 20 Prozent. Sorgen um die hoch gesteckten Produktionsziele und Gerüchte um eine weitere Kapitalerhöhung sorgten unlängst immer wieder für Nervosität unter Investoren.

Geht es nach Börsen-Experte Marc Faber, müssen sich die Tesla-Aktionäre aber auf noch unruhigere Zeiten einstellen. Gegenüber dem US-Sender CNBC sagte er, was Tesla produziere, könnten grosse Autohersteller auch – aber günstiger und effizienter. Es sei nur eine Frage der Zeit, bis der Elektro-Markt genug gross und somit lukrativ für Mercedes, BMW oder Toyota werde. Fabers Schlussfolgerung: Die Tesla-Aktie fällt irgendwann auf null.
 

Faber spricht verschiedene Punkte an, die auch andere Industriekenner bemängeln: Will Tesla langfristig Erfolg haben, müssen sie Margen erreichen, die mit Audi oder Porsche vergleichbar sind. Und davon sind sie weit entfernt. Nach Fundamentaldaten ist Tesla an der Börse also überbewertet, eine vernünftige Analyse ist nicht möglich. Zudem wird der Aktienkurs mit jeder Kapitalaufnahme verwässert. Aus Aktionärssicht ist Tesla also vor allem eine Glaubensstory mit der Frage im Zentrum: Wird daraus mehr als eine Modeerscheinung.

Auto-Experte Ferdinand Dudenhöffer ist unabhängig von den Tesla-Überlebenschancen überzeugt, dass sich die Elektroautos durchsetzen werden. Eine These, die er auch in seinem neuen Buch "Das Ende des Autos, wie wir es kennen" vertritt. Der "PS-Professor" sieht eine völlig neue Welt auf die Autobranche zukommen, mit Apple, Google und anderen IT-Unternehmen im Zentrum.

"Diesel und Benziner sind nicht mehr aufrecht zu erhalten. Auch die jüngsten politischen Entwicklungen betreffend Klimaschutz zeigen klar: Es gibt keine Alternative", so Dudenhöffer. Eine Entwicklung, in der Tesla momentan noch einen Vorsprung hat.