Über die Kursentwicklung der Ems-Valoren in den vergangenen Jahren mag manch Investor hadern. Der Gesamtertrag - sprich Kursgewinne und Dividenden - fällt über die letzten fünf Jahre mit einem Minus von 4,4 Prozent per annum gemäss Daten von Bloomberg negativ aus. Das steht im Gegensatz zur erfolgreichen Vorperiode zwischen 2006 und 2021 mit einer Gesamtrendite von 18,5 Prozent pro Jahr. 

Die Gründe sind schnell gefunden. Geopolitische Verwerfungen, zunehmender Protektionismus und Handelshemmnisse, eine stagnierende Wirtschaft in Deutschland und eine kriselnde Autoindustrie in Europa. Einerseits konnte der Spezialitätenchemie-Konzern beim 60 Prozent zum Umsatz beitragenden Automobilsektor den Rückgang bei den Verbrennern in Europa nicht mit Aufträgen für Komponenten von E-Autos kompensieren. Andererseits spielten negative Wechselkurseinflüsse eine zentrale Rolle. 

Über die letzten fünf Jahre bildete sich der Umsatz um 14 Prozent auf 1,95 Milliarden Franken zurück. Wird die Aufwertung des Frankens berücksichtigt, dann kann sich das Resultat aber sehen lassen. In dieser Periode hat sich die hiesige Valuta zum Dollar um 11 Prozent aufgewertet, zum Euro um 15 Prozent, zum britischen Pfund um 14 Prozent, zum kanadischen Dollar um 18 Prozent oder zum japanischen Yen gar um 73 Prozent.

Während die Firma nur einen geringen Einfluss auf die strukturellen Gegenwinde - speziell an der Währungsfront - hat und Anpassungen beim Kundenportfolio Zeit benötigen, wurden die internen Hausaufgaben gemacht. Der Gewinn vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen (Ebitda) stieg dank Kostendisziplin und Fokussierung auf margenstarke Geschäftsfelder im abgelaufenen Geschäftsjahr um 5,2 Prozent auf 622 Millionen Franken

Der Rollout der neuen Fahrzeuglackierung, welche dank tieferer Verarbeitungstemperatur den Automobilherstellern Energie- und Gewinneinsparungen bringt, ist im vollen Gange. Zudem schreitet der Vorstoss in den Bereich Robotik und andere Technikbereiche voran, da besonders leichte, robuste und formstabile Polymere gefragt sind. Damit machen sich die Investitionen in neue Anwendungen und die Fokussierung auf den Verkauf von technischen Lösungen bezahlt. 

Und selbst im Automobilsektor macht Ems-CEO Magdalena Martullo-Blocher einen Silberstreifen am Horizont aus. Global betrachtet sei der Automarkt stabiler, die Verkäufe von E-Autos legten hauptsächlich in China zu, erläuterte sie am Freitag an der Medienkonferenz bei der Präsentation der Jahreszahlen. 

Dividenden und aktuelle Bewertung als Lichtblick

So herausfordernd das Umfeld ist, soll die Dividende für das abgelaufene Geschäftsjahr um 6,7 Prozent auf insgesamt 18,40 Franken erhöht werden - die ordentlichen Dividende beträgt 14,65 Franken, die ausserordentliche 3,75 Franken. Das ergibt eine Dividendenrendite von 3,0 Prozent.

Normalerweise sind hohe Ausschüttungsquoten von 89 bis 103 Prozent wie bei Ems-Chemie über die letzten fünf Jahre ein Warnsignal und deuten darauf hin, dass die Dividendenzahlungen nicht gut abgestützt sind. Bei der Firma ist die Situation anders gelagert. Erstens ist die Eigenkapitalquote von 83,3 Prozent komfortabel. Zweitens können die Innovationen problemlos aus dem operativen Cashflow finanziert werden und drittens geschieht die Strategieanpassung hin zu höhermargigen Hochleistungspolymeren nicht über Nacht. Entsprechend ist das Geld gut investiert, wenn im aktuellen Umfeld ein sehr hoher Anteil an die Aktionäre zurückgeht. 

Tritt der für das laufende Geschäftsjahr in Aussicht gestellte, erneute Umsatzrückgang bei einer gleichzeitigen Verbesserung beim Betriebsergebnis (Ebit) leicht über dem Niveau von 2025 ein, so steht einer weiteren Erhöhung der Dividende wenig entgegen. Dies dürfte den Aktienkurs weiter stützen, da die Firma ein solider Dividendenzahler ist. Seit 2003 hat die Firma jedes Jahr eine Dividende ausbezahlt und die Ausschüttung hat sich seither mehr als verdoppelt.

Im längerfristigen Vergleich ist die Aktie zudem attraktiv bewertet. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) liegt bei 28x im Vergleich zum fünfjährigen Durchschnitt von 31x. Ebenso liegt der Unternehmenswert im Verhältnis zum Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen bei 21x gegenüber dem Durchschnitt von 24x und das Verhältnis des KGV zum Ertrag auf dem investierten Kapital (ROIC) liegt bei 1,3x. Ein Wert unter 3x für eine potenzielle Wachstumsaktie ist interessant. 

Qualität als Basis für einen höheren Aktienkurs

Ems-Chemie zähle zu den hochwertigsten europäischen Spezialchemieunternehmen und könne auf eine langjährige Erfolgsbilanz in der Wertschöpfung zurückblicken, betonte der UBS-Analyst Patrick Rafaisz jüngst in einem Strategiepapier. Als eines der wenigen Unternehmen in dieser Gruppe wurde Ems-Chemie mit dem «Empirical Competitive Advantage Period Award» ausgezeichnet, was die Stärke des Geschäftsmodells unterstreiche.

Die Aktien erscheinen im Vergleich zu den Konsensprognosen zwar teuer. Eine flexible Bewertung anhand der UBS-Schätzungen deutet jedoch auf Aufwärtspotenzial hin. Der UBS-Experte Rafaisz stuft Ems-Chemie mit «Buy» und einem Kursziel von 720 Franken ein. Das ergibt ein Aufwärtspotenzial von 17 Prozent.

Von den Wachstumsmöglichkeiten ist die Chefin Martullo-Blocher überzeugt. Sie unterstreicht den Fokus auf Chemiespezialitäten und bestätigte am Freitag die bereits im Vorjahr gemachte Aussage, das brach liegende Umsatzpotenzial betrage 50 Prozent.

Thomas Daniel Marti
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