Für langjährige Investoren des ostschweizerischen Zugherstellers Stadler Rail war die Zeit seit dem Börsengang eine einzige Enttäuschung. Denn seit dem IPO im April 2019 haben die Stadler-Valoren über die Hälfte ihres Wertes eingebüsst.
Kursentwicklung von Stadler Rail in Franken.
Nach fast genau sieben Jahren scheint der Moment nun aber endlich gekommen: Die Aktien von Stadler Rail sind auf einem günstigen Niveau angelangt. Für Neuanleger eröffnen sich daher neue Anlagechancen. Die Bewertung von Stadler Rail war noch nie besser, noch nie war der Bewertungsabschlag gegenüber der Konkurrenz derart gross - und ein «perfekter Sturm» hat zu derart tiefen Finanzkennzahlen geführt, ohne dabei die grundsätzliche Qualität des Unternehmens zu beeinträchtigen.
Eine Kette unglücklicher Umstände
Vor zwei Jahren traf eine Serie von Unwettern den Zughersteller besonders hart - und zwar gleich an drei europäischen Produktionsstandorten in Wallis, Spanien und Österreich. Die finanziellen Folgen dieser Naturkatastrophen wirken bis heute nach.
Zwar hatte das Unternehmen damals ein Aufholprogramm gestartet, doch bei einem Unternehmen mit einem Bestellbestand von rund acht Jahren und Lieferzeiten von bis zu vier Jahren zwischen Bestellung und Auslieferung sollten Investorinnen und Investoren nicht in Wochen oder Quartalen, sondern in Jahren denken.
Die Konsequenz dieser Unwetter war eine massive Verschlechterung der zugrunde liegenden Finanzkennzahlen. Der freie Cashflow fiel 2025 sogar ins Minus und zog damit auch das Nettoumlaufvermögen (Umlaufvermögen minus kurzfristige Verbindlichkeiten) in den negativen Bereich. Finanzchef Raphael Widmer rechnet auch für 2026 noch mit einem negativen Nettoumlaufvermögen. Gleichzeitig stiegen durch den Cashabfluss die Nettofinanzverbindlichkeiten (Schulden abzüglich liquider Mittel) an.
Diese verschlechterte finanzielle Lage - kombiniert mit dem scheinbaren Ausbleiben einer Erholung - sorgte bei Anlegern für Nervosität. Als Stadler dann weniger Bestellabschlüsse vorweisen konnte, dürften nicht wenige Investorinnen und Investoren ausgestiegen sein.
Gleichzeitig stieg das sogenannte «Short Interest» an. Laut UBS gehören die Stadler-Titel zu den Aktien mit dem höchsten Anteil an Leerverkäufen. Die Grossbank nannte zwar keine genauen Zahlen, doch die Spekulation auf fallende Kurse dürfte offensichtlich sein. Das belastet die Aktien.
Fundamental solide
Doch die Situation ist nicht so dramatisch, wie es die aktuelle Situation suggeriert. Zwar ist die Cashflow-Thematik unangenehm, doch sie ist primär auf die Unwetter zurückzuführen - und nicht auf strukturelle Schwächen des Unternehmens oder seiner Produkte. Mit etwas Zeitverzögerung sollte sich dies automatisch normalisieren. Tatsächlich ist Stadler bereits auf einem guten Weg: Laut Experten der Zürcher Kantonalbank verlief die Exekution im ersten Halbjahr 2025 reibungslos. Der Marktkonsens rechnet ab 2027 mit dem Abschluss der Aufarbeitungsphase.
Auch die angestiegenen Schulden sind kein Grund zur Sorge. Das Verhältnis der Nettofinanzverbindlichkeiten zum EBITDA liegt bei 1,4 - ein Wert, der im Branchenvergleich unbedenklich ist. Die Konkurrenten Alstom (0,6) und Siemens (2,5) bewegen sich in einem ähnlichen Rahmen, wobei Werte unter 3 gemäss den «Debt Covenants» (Schuldenvereinbarungen) als unproblematisch gelten.
Der Rückgang der Bestellungen lässt sich ebenfalls erklären: Stadler ist abhängig von wenigen, aber sehr grossen Aufträgen nationaler Verkehrsunternehmen. Wenn in einer Phase extremer Störungen ein Kunde - im Wissen um die ohnehin schon langen Bearbeitungszeiten - seine Bestellungen an die Konkurrenz vergibt, ist das nachvollziehbar. Doch auch hier gilt: Das Problem liegt nicht bei den Stadler-Produkten. Sobald der Bearbeitungsstau abgebaut ist, sollte sich auch die Auftragslage normalisieren.
Trotz aller Widrigkeiten erreichte Stadler selbst in einem der schlechtesten Jahre eines der höchsten Book-to-Bill-Ratios der Branche - also das Verhältnis von Bestellungen zu Auslieferungen. Während Alstom und Siemens Werte von 1,0x respektive 1,5x aufweisen, lag Stadler 2025 bei rund 1,5x. Der langfristige Durchschnitt beträgt bei den Ostschweizern allerdings 1,85x - ein Sektorrekord.
Hohes Wachstumspotenzial zu tiefen Preisen
Die tiefen Vergleichswerte 2025 und 2025 sollten in den kommenden Jahren zu einem deutlichen Wachstumsschub führen: Für 2026 wird ein Umsatzwachstum von 30 bis 40 Prozent erwartet, für 2027 sind es 9 Prozent. Zwar normalisiert sich das Wachstum bis 2028 auf etwa 6 Prozent, doch selbst das liegt über dem der Konkurrenz: Alstom und Siemens kommen auf 5 bis 7 Prozent pro Jahr.
Falls sich die Prognosen der Analysten bewahrheiten, wird Stadler Rail profitabler aus dieser Phase hervorgehen. Das hätte direkte Auswirkungen auf die Ausschüttungen. Zwar hat Stadler hier eine schlechte Historie - seit dem Börsengang wurde die Dividende dreimal gekürzt. Doch sie war von Anfang an zu hoch angesetzt. Wie viele Vorstellungen und Ziele beim Börsengang.
Mit der nun auf ein Minimum reduzierten Ausschüttung sieht die Zukunft besser aus: Experten erwarten, dass der Zughersteller im Geschäftsjahr 2026 (Auszahlung 2027) eine Dividende von 90 Rappen pro Aktie ausschütten wird. Zwar zahlte Stadler diesen Betrag bereits von 2020 bis 2023 aus, doch damals war der Reingewinn um 30 bis 60 Prozent tiefer. Stadler dürfte aus den früheren Fehlern gelernt haben.
Und dennoch: Aufgrund der starken Kursverluste der vergangenen Jahre beträgt die Dividendenrendite für 2026 nun 4,6 Prozent - der mit Abstand höchste Wert unter den drei grossen Zugherstellern.
Unterschätztes Aufwärtspotenzial
Die meisten Analystinnen und Analysten bleiben indes zurückhaltend: Laut Bloomberg empfiehlt nur einer von neun Experten die Stadler-Aktie zum Kauf, sechs raten zum Halten und zwei zum Verkauf. Das durchschnittliche Kursziel liegt etwa 16 Prozent über dem aktuellen Kurs - eine Einschätzung, die zu konservativ sein dürfte.
Selbst wenn sich das KGV von Stadler nur auf den Branchen-Durchschnitt von 15 normalisiert und das Unternehmen die Gewinnerwartungen der Analysten erfüllt, wäre ein Kurs von 28,20 Franken bis Ende 2027 möglich - was einem Aufwärtspotenzial von etwa 50 Prozent entspräche.
Die nächsten Hinweise werden Anlegerinnen und Anleger am 18. März erhalten, wenn Stadler Rail die Jahresergebnisse 2025 veröffentlicht. Investoren werden hierbei besonders auf die Entwicklung der Auftragseingänge sowie beim Fortschritt des Bearbeitungsstaus achten. Ebenso im Fokus dürften die aktuelle Cashflow-Entwicklung, das Nettoumlaufvermögen und vor allem die Aussagen des Managements zur zukünftigen Entwicklung des Unternehmens stehen.

