Ökonomen und Märkte erwarten mit überwältigender Mehrheit, dass der Einlagensatz am heutigen Donnerstag um einen Viertelpunkt auf 3,5 Prozent angehoben wird. Der Blick richtet sich bereits auf die Zeit danach und die Frage, wie weit die Währungshüter die Zinsen noch anheben werden. Die Inflation in der Eurozone ist noch dreimal so hoch wie das 2-Prozent-Ziel der EZB.

Analysten und Anleger gehen übereinstimmend von einer letzten Anhebung im Juli aus, womit sich die gesamte Straffung seit Juli letzten Jahres auf 425 Basispunkte belaufen würde — ein Szenario, mit dem viele Ratsmitglieder einverstanden sein könnten.

Eine weitere Anhebung bei der folgenden Sitzung im September ist zwar nicht auszuschliessen — vor allem, wenn die aktualisierten Stabsprognosen zeigen, dass die Inflation noch länger anhält. Eine Festlegung zum heutigen Zeitpunkt wäre jedoch eine Überraschung.

EZB-Präsidentin Christine Lagarde dürfte hingegen bekräftigen, dass künftige Schritte vom Inflationsausblick, der Kerninflation und der Art und Weise abhängen, wie die Wirtschaft die bisherigen Massnahmen verdaut. Sie wird wohl auch bestätigen, dass die Reinvestitionen von ablaufenden Anleihen aus dem älteren quantitativen Lockerungsprogramm der EZB ab Juli gestoppt werden.

Die geldpolitischen Beschlüsse der EZB werden um 14:15 Uhr veröffentlicht. Lagardes Pressekonferenz beginnt eine halbe Stunde später.

Zinsen

Von Bloomberg befragte Ökonomen sind zuversichtlich, dass die EZB die Zinsen ausreichend anheben wird, um die Inflation zu bekämpfen, aber nicht so stark, dass die Wirtschaft der Eurozone zusammenbricht. Sie gehen davon aus, dass der Einlagensatz im Juli seinen Höchststand von 3,75 Prozent erreichen und fast ein Jahr lang auf diesem Niveau bleiben wird.

Wenn Lagarde Hinweise darauf geben wollte, wie weit die Straffung noch gehen soll, müsste sie über ihre übliche Formulierung hinausgehen, dass es noch “mehr zu tun” gebe.

Wirtschaftlicher Ausblick

Vieles wird davon abhängen, wie sich die Wirtschaft des Euroraums nach einer milden Winterrezession verhält, wobei sich die Anzeichen verdichten, dass die Zinserhöhungen der EZB Wirkung zeigen.

Die Inflationsrate ging im Mai überraschend stark zurück, während die Kerninflationsrate, die Lebensmittel und Energiekosten ausklammert, mit 5,3 Prozent ein Viermonatstief erreichte.

Die aktualisierten Stabsprojektionen der EZB werden zeigen, wie sich die geldpolitische Transmission auf das Wirtschaftswachstum und die Inflation bis 2025 auswirken wird. Die von Bloomberg befragten Ökonomen erwarten für dieses Jahr keine grösseren Revisionen der Prognosen, was darauf hindeutet, dass der Preisdruck zu stark bleiben wird, als dass man sich damit zufrieden geben könnte.

Bilanz

Die Pläne, die Reinvestitionen im Rahmen der quantitativen Lockerung ab Juli einzustellen, dürften offiziell bestätigt werden, wobei derzeit im Schnitt monatlich etwa 28 Milliarden Euro an Anleihen fällig werden.

Die Auswirkungen der quantitativen Straffung auf die EZB-Bilanz, die immer noch über 7,7 Billionen Euro beträgt, werden eher gering sein. Der grössere Impuls wird von den Banken ausgehen, die in Kürze fast eine halbe Billion an Krediten zurückzahlen, die auf dem Höhepunkt der Pandemie vergeben wurden.

(Bloomberg)