270 Menschen seien festgenommen worden, teilte Innenminister Gerald Darmanin am frühen Samstagmorgen mit. Seit Beginn der Krawalle wurden damit insgesamt mehr als 1100 Menschen in Gewahrsam genommen. Ausgelöst wurde die Gewalt durch den Tod eines 17-Jährigen nordafrikanischer Abstammung, der am Dienstag von einem Polizisten erschossen wurde. Zu Ausschreitungen kam es nicht nur in Paris, in dessen Vorort Nanterre Nahel M. getötet wurde, sondern auch in Marseille, Lyon, Toulouse, Strassburg und Lille. 45'000 Polizistinnen und Polizisten waren Darmanin zufolge im ganzen Land im Einsatz. 200 von ihnen seien verletzt worden. An diesem Samstag soll Nahel in seinem Heimatort Nanterre beerdigt werden.
Der Gewaltausbruch hat Präsident Emmanuel Macron und seine Regierung in die schwerste Krise seit Beginn der Gelbwesten-Proteste im Jahr 2018 gestürzt. Die Verhängung des Notstandes hat Macron bislang nicht angeordnet - ausgeschlossen ist das Darmanin zufolge allerdings nicht. "Wir schliessen keine Hypothese aus, und wir werden nach heute Abend sehen, wie sich der Präsident der Republik entscheidet", sagte er dem Sender TF1 am Freitagabend.
Bei den Krawallen wurden rund 2000 Autos in Brand gesteckt. Mehrere Gebäude gingen in Flammen auf. Dutzende Geschäfte wurden geplündert. Viele Menschen aus armen Stadtvierteln, in denen Bevölkerungsgruppen unterschiedlicher ethnischer Herkunft leben, fühlen sich benachteiligt und von der Regierung vernachlässigt. Seit langem häufen sich zudem Beschwerden über Polizeigewalt und Rassismus.
Nahel M., der marokkanische und algerische Wurzeln hat, wurde am Dienstag bei einer Verkehrskontrolle von einem Polizisten erschossen. Videoaufnahmen von dem Vorfall wurden in den sozialen Medien verbreitet. Der Polizist hat eingeräumt, den Schuss auf den Jugendlichen abgegeben zu haben, als dieser mit seinem Wagen trotz der Kontrolle weiterfuhr. Sein Anwalt Laurent-Franck Lienard sagte, sein Mandant habe auf das Bein des Fahrers gezielt, sei aber beim Anfahren des Autos angefahren worden, wodurch er in Richtung Brust geschossen habe. "Offensichtlich wollte er den Fahrer nicht töten", sagte Lienard im Fernsehsender BFM. Der Polizist ist in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen des Verdachts auf Totschlag.
80 Festnahmen allein in Marseille
Allein in Marseille wurden nach offiziellen Angaben in der Nacht 80 Personen festgenommen. In Frankreichs zweitgrösster Stadt leben zahlreiche Menschen mit nordafrikanischer Herkunft. Bilder, die in den sozialen Medien verbreitet wurden, zeigten eine Explosion im alten Hafengebiet. Die Stadtverwaltung erklärte, die Ursache werde untersucht. Man gehe jedoch nicht davon aus, dass es Opfer gegeben habe. Im Zentrum der Stadt plünderten Randalierer ein Waffengeschäft und stahlen laut Polizei einige Jagdgewehre, jedoch keine Munition. Eine Person mit einem vermutlich gestohlenen Gewehr sei festgenommen worden, das Geschäft werde nun von der Polizei bewacht.
Der Bürgermeister von Marseille, Benoit Payan, rief die Regierung auf, umgehend zusätzliche Sicherheitskräfte zu schicken. "Die Plünderungs- und Gewaltszenen sind inakzeptabel", schrieb er Freitagnacht auf Twitter.
In Paris räumte die Polizei am Freitagabend die Place de la Concorde, den grössten Platz der Hauptstadt. Dort hatten sich zahlreiche Menschen zu einer Protestkundgebung versammelt.
(Reuters)
