Topmanager würden immer häufiger Ziel von öffentlichem Protest, persönlicher Anfeindung und teils auch Bedrohungen, sagte Nick Studer, Chef der Beratungsgesellschaft Oliver Wyman, der Deutschen Presse-Agentur am Rande des Weltwirtschaftsforums in Davos. «Als Unternehmenschef muss man die eigene Sicherheit heute sehr ernst nehmen.» Das verändere die Art, wie Manager agierten und kommunizierten.
«Es ist phänomenal schwierig für Führungskräfte im Moment», sagte Studer. Sie müssten zunehmend Entscheidungen treffen, die auf heftige gesellschaftliche Gegenwehr stossen.
Studer verwies auf die tödlichen Schüsse auf den Chef des US-Krankenversicherers United Healthcare. In Grossbritannien seien Unternehmenschefs im öffentlichen Raum körperlich bedrängt worden.
Vertrauen in alle Institutionen sinkt
Als eine zentrale Ursache sieht Studer einen breiten Vertrauensverlust. «Das Vertrauen in praktisch jede Art von Institution nimmt ab.» Diese Entwicklung führe zu einer Fragmentierung der Interessen in abgeschottete Milieus und Echokammern. Der öffentliche Diskurs werde dadurch konfrontativer, Reformen und Deregulierung liessen sich nur noch schwer vermitteln.
In solch einem Klima würden wirtschaftliche Entscheidungen schneller moralisiert und individualisiert, sagte der Top-Berater. Führungskräfte stünden damit stärker im Fokus öffentlicher Empörung, auch jenseits klassischer politischer Auseinandersetzungen. Das mache es schwieriger, unpopuläre, aber aus wirtschaftlicher Sicht notwendige Entscheidungen durchzusetzen.
Unternehmen prägen digitalen Raum, nicht Staaten
Die Welt sei zunehmend multipolar organisiert, sagte Studer. Sicherheits- und Militärfragen, wirtschaftliche Interessen und digitale Machtstrukturen folgten immer weniger einer gemeinsamen Logik. Insbesondere im digitalen Raum seien es häufig globale Unternehmen und nicht Staaten, die prägend wirkten.
Führung bedeute unter diesen Bedingungen vor allem, Haltung zu zeigen. «Man muss sich einbringen, die Wahrheit sagen und Entscheidungen treffen, die Menschen verärgern», sagte der Berater. Genau das sei jedoch in einer polarisierten Öffentlichkeit immer schwerer durchzuhalten - und führe dazu, dass persönliche Risiken für Führungskräfte weiter zunehmen könnten.
(AWP)

