cash.ch: Präsident Trump, Finanzminister Bessent, Aussenminister Rubio, Handelsminister Lutnick und so weiter. Die USA reisen mit einer nie gesehenen Delegation ans WEF. Was steckt dahinter? Eine Machtdemonstration, eine Kaperung des WEF?

Sandra Navidi: Trump wird alles daran setzen, alleiniger Fixpunkt aller öffentlicher Aufmerksamkeit zu sein. Er dominiert das Tagesgeschehen auf sämtlichen Plattformen geradezu zwanghaft. Thematisch hat er seinen Einfluss bereits geltend gemacht, indem er dafür gesorgt hat, dass 'woke' zu einem grossen Teil von der Agenda verbannt worden ist. Für ihn ist das WEF die perfekte Bühne, um seine angestrebte Weltherrschaft zur Schau zu stellen. In Amerika regiert er mittlerweile quasi allein, bezüglich Venezuela hat er sich als Präsident bezeichnet und im Hinblick auf Europa hat er wiederholt behauptet, dass die Europäer ihn gerne als Präsidenten hätten. Trump ist im wahrsten Sinne des Wortes auf Eroberungskurs und duldet niemand auf Augenhöhe mit ihm, ausser Russlands Präsident Putin und Chinas Präsident Xi.

Das WEF steht traditionell für Ausgeglichenheit und Globalisierung. Das Gleichgewicht scheint aber mit der zahlenmässigen US-Übermacht aus Politik und Tech-Elite am WEF aus dem Lot, auch die protektionistischen und staatskapitalistischen Grundsätze von Trump stehen gegen das WEF-Credo. Hat das WEF so noch eine Zukunft?

Totgesagte leben länger. Ich bin jetzt im 19. Jahr beim WEF in Davos, und in den vergangenen Jahren ist das Forum schon so oft totgesagt worden. Aber je dramatischer die Weltlage, desto grösser die Nachfrage. Jetzt suchen vor allem die Länder und Unternehmen, die von Amerika besonders abhängig waren, die Kooperation mit anderen Nationen und Organisationen. Der Wegfall der Friedensdividende wird durch Trumps Aushöhlung der NATO auch wirtschaftlich noch relevanter. Denn mit seiner Drohung einer militärischen Intervention in Grönland hat er sich explizit gegen die NATO gestellt. Das kann man nicht mehr ungeschehen machen. Gerade hat Trump Strafzölle für all die Länder ausgerufen, die sich gegen Trumps Aggression gegenüber Grönland stellen, was eine wirtschaftliche Kriegserklärung bedeutet. Insbesondere in so einer aktuellen politischen und wirtschaftlichen Notfalllage ist das WEF wichtiger als jemals zuvor.

Das WEF macht also weiter wie bis anhin?

Es ist nicht auszuschliessen, dass das Forum in Zukunft eine eher kommerzielle Ausrichtung bekommt. Der Gründer Klaus Schwab hat ja auch Themen wie Stakeholder-Kapitalismus, Nachhaltigkeit und eine gesellschaftsübergreifende Teilnahme vorangetrieben. Möglicherweise wird auch das Forum in Zukunft im Trump-Stil 'transaktioneller.'

Venezuela, Grönland, die Federal Reserve, Gewalt der Einwanderungsbehörde ICE: Die Regierung Trump wirbelt im neuen Jahr. Es scheint aber, dass in den USA alles weiter läuft wie zuvor. Täuscht das?

Ja, das täuscht. Bei uns ist gefühlt jeder Tag Ausnahmezustand, auch wenn man es bisher nicht unbedingt im eigenen Leben spürt und sich ein gewisser Gewöhnungseffekt einstellt. Was hinter den Kulissen bei Unternehmen los ist, wie die hektische Anpassung von Lieferketten und die Sorge um die diverse Belegschaft ist sowie die Pleiten von mittleren und kleinen Unternehmen: All das kommt in den Medien nicht an. Wenn man als Tourist nach New York kommt, würde einem im Zweifel noch nichts auffallen. Aber in Gegenden wie Minnesota sieht das schon anders aus. Bei jeder neuen Headline überlegt man sich natürlich, was das für das eigene Leben bedeutet. Daher ist die Nachrichtenlage für uns vermutlich weniger abstrakt als aus Übersee betrachtet. Jeden Tag überschlagen sich die Ereignisse, und wir fragen uns, was das Endgame ist. Es sieht so aus, als wolle Trump das System zwecks Machtkonsolidierung an die Wand fahren.

Auch die Märkte sind bislang unauffällig, insbesondere die oft korrigierend wirkenden Bondmärkte. Sieht man hier auch einen Gewöhnungseffekt?

Märkte haben traditionell geopolitische Risiken ignoriert, weil sie das Risiko nicht kalkulieren können. Mit Trump verhält es sich ganz ähnlich. Wie will man Chaos modellieren? Risiko kann man berechnen, aber Ungewissheit nicht. Es gibt keine Erfahrungswerte aus der Vergangenheit für die gegenwärtigen geowirtschaftlichen Verschiebungen.

Trotz der Siege bei Gouverneurswahlen und bei der Bürgermeisterwahl in New York: Die Opposition der Demokraten in den USA scheint sich auch über ein Jahr nach der Wahl Trumps noch nicht gefangen zu haben. Ihre Meinung?

Die demokratische Partei ist zersplittert und es gibt keine wirkliche Führungsfigur, die das Wahlvolk hinter sich vereint und den Widerstand kanalisiert. Bernie Sanders, Zohran Mamdani, Alexandra Ocasio-Cortez, Gavin Newsom haben ein signifikantes Following, aber eben nicht bundesweit. Erschwerend kommt hinzu, dass die Demokraten noch innerhalb der Spielregeln spielen, während Trump ein gänzlich anderes Spiel treibt. Wie wird man jemandem Herr, der lügt und betrügt und auf der republikanischen Seite jeglichen Widerstand durch Einschüchterung und Erpressung im Keim erstickt? Die Demokraten sind in die Defensive gedrängt und reagieren nur, anstatt zu agieren. Was sie jetzt brauchen, ist ein Kämpfer.

Es wird spekuliert, Trump könnte die Zwischenwahlen im November stören oder manipulieren. Falls ja, welches Vorgehen könnte er wählen?

Ich gehe von diesem Szenario aus. Die zugrundeliegende These in meinem Buch 'Die DNA der USA' ist, dass die Republikaner bereits seit 2020 an einer Sabotage des Wahlapparates auf verschiedenen Ebenen arbeiten. Wahltechnisch durch Zuschneidung der Wahlbezirke zugunsten republikanischer Kandidaten, durch Änderungen der Postvorschriften, das heisst: Wahlzettel sollen als abgegeben gelten, wenn sie bearbeitet werden und nicht mit Eingang. Dann Änderungen der persönlichen Legitimierungsvorschriften für die Wahlregistrierung. Ein weiteres Beispiel ist der 'Safe Act', wonach der Name auf der Wahlregistrierung mit dem auf der Geburtsurkunde übereinstimmen muss. Wenn das durchkäme, hätten 69 Millionen Frauen massiv erschwerten Zugang zur Registrierung beziehungsweise zur Aktualisierung ihrer Wahlunterlagen. Weil sich ihr Name durch Eheschliessung geändert hat und damit nicht mehr mit der Geburtsurkunde übereinstimmt und viele nicht über zusätzliche, beweisführende Dokumente wie Heiratsurkunde oder Pass verfügen. Bekanntlich ist es ein Bestreben zahlreicher Republikaner wie Peter Thiel, das Wahlrecht für Frauen einzuschränken beziehungsweise abzuschaffen.

Was würde in den USA und in der westlichen Welt passieren nach einer Manipulation? 

Es würde Unruhen und eine Klagewelle geben. Aber der Justizapparat ist korrumpiert. Teilweise handelt es sich bei Richtern, insbesondere des Supreme Courts, um Handlanger Trumps. Andere Richter berichten von 'Druck von oben' und Einschüchterungen durch Trumpisten. Ihre Privatadressen werden gedoxt (internetbasiertes Zusammentragen und anschliessende Veröffentlichung personenbezogener Daten, Anm. der Red.) und ihnen wird mit Gewalt gedroht, auch gegen ihre Familien. International ist zu befürchten, dass das Modell der Wahlkorrumption und -delegitimierung Schule macht. In Deutschland hat Sarah Wagenknecht nach der letzten Bundestagswahl das Ergebnis angezweifelt und ist juristisch dagegen vorgegangen.

Man kann Trump nach der militärischen Intervention in Venezuela zugutehalten, dass er ehrlich war und erklärte, die USA verfolgten wirtschaftliche Interessen. Das war unter früheren Regierungen, demokratischen wie republikanischen, anders.

Trump und Ehrlichkeit in einem Satz zu erwähnen, ist ja schon fast zynisch. Trump hat seine wahre Motivation im Hinblick auf Venezuela offengelegt, nachdem er und mehrere seiner Regierungsmitglieder sich öffentlich widersprochen hatten. Und im Hinblick auf seine Militäraktionen in anderen Ländern, wie etwa Nigeria, lügt er ja weiterhin. Dort behauptet er, die Bombardierung sei zum Schutze der Christen notwendig gewesen. Es ist beängstigend, dass Donald Trump persönliche Bereicherung, Epressung und Kriegsverbrechen geradezu offen zelebriert und der Justiz den Finger zeigt. Damit normalisiert er dieses Vorgehen und öffnet allen anderen Möchtegern- Autokraten und solche, die es schon sind, Tür und Tor.

Trump erhebt ja nicht nur Ansprüche auf Venezuela, Grönland oder Panama, was sich mit der alten US-Strategie für die westliche Hemisphäre erklären lässt. Die USA greifen wie erwähnt in Nigeria oder Iran ein, was der heimischen und Trump-freundlichen MAGA-Bewegung nicht gefallen kann. Wie reagiert sie?

Hier ist eine geradezu exklusive Zersplitterung der MAGA-Bewegung zu beobachten. Die ehemalige Abgeordnete Marjorie Taylor Greene, Sentor Rand Paul und der Rechtsaussen-Influencer Tucker Carlson positionieren sich klar gegen diese Politik und decken ihre Widersprüche auf. Der harte MAGA-Kern allerdings folgt Trump wie einem Sekten-Guru. Egal, welchen Vorwand er wählt: Schutz des Christenturms oder Bekämpfung von Drogenkriminalität und Terrorismus - sie stehen hinter ihm. Trump verklickert ihnen, dass der Rest der Welt jetzt wieder Respekt vor ihnen hätte und dass die wirtschaftlichen Vorteile wie Öl ihnen zugute käme.

Sie sind Teil der Expat-Community in New York City. Wie gross ist dort die Angst, dass man in den Fokus der Trump’schen Ausschaffungsbestrebungen gerät?

In der Expat-Community gibt es viele mit doppelter Staatsbürgerschaft. Aber Trump hat ja angedroht, auch US-Amerikaner ausweisen zu wollen. Gemäss dem präsidialen Beschluss NSPM-7 sollen demnächst antichristliche, antikapitalistische und antiamerikanistische Haltungen als Terrorismus gelten unter Strafe gestellt werden können. Diese allgemeinen Formulierungen lassen natürlich viel Spielraum für Willkür. Leute mit Greencard und Visum sind besonders besorgt. An der Grenze sind ja vielfach ganz willkürlich Leute festgehalten und zum Teil auch zumindest vorübergehend inhaftiert worden. Das wird in Zukunft nicht besser. Ausländische Journalisten sind besonders verunsichert, weil sie häufig nur auf einem Journalistenvisum in den USA leben und zum Teil kritisch berichten. Das Journalistenvisum soll zukünftig nur noch verkürzt gelten und nach intensiver Sicherheitsprüfung, auch der Social Media, erteilt werden. Insgesamt für alle Betroffenen also eine eher unerfreuliche Entwicklung.

Die Rechtsanwältin und Wirtschaftsexpertin Sandra Navidi ist Gründerin und CEO der Unterehmensberatungsfirma BeyondGlobal, sie lebt seit 26 Jahren in Manhattan. Zuvor arbeitete sie unter anderem im Beratungsunternehmen des Ökonomen Nouriel Roubini. Sandra Navidi ist Bestseller-Autorin der Bücher "Super-hubs: Wie die Finanzelite und ihre Netzwerke die Welt regieren", "Das Future-Proof-Mindset" und “Die DNA der USA”, das eine Nominierung für den Deutschen Wirtschaftsbuchpreis 2023 erhalten hat.

Daniel Hügli
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