Exchange Traded Funds (ETFs) sind beliebt, weil sie eine vermeintlich breite Diversifikation bieten, transparent sind, geringe Gebühren verlangen und eine grosse Auswahl ermöglichen. Das Prinzip dahinter: Anleger profitieren von der allgemeinen Marktentwicklung. Anstatt die Nadel im Heuhaufen zu suchen, also in ein einzelnes Unternehmen oder einige wenige zu investieren, kaufen sie gewissermassen den ganzen Heuhaufen.
Anders als bei aktiv gemanagten Fonds werden die Aktien oder andere Anlageklassen nicht einzeln ausgesucht. Ein Indexfonds enthält genau die Anlagen, die im Index enthalten sind, den er abbildet. Derzeit gibt es bis zu 2000 ETFs von verschiedensten Anbietern wie iShares, VanEck oder Amundi.
Doch wie findet man sich in der schieren Auswahl überhaupt zurecht, und worauf muss man achten, um den passenden ETF zu finden? Ein Überblick.
Vor dem ersten ETF: Die Grundvoraussetzungen
Bevor man überhaupt einen ETF auswählt, sollte man seine finanzielle Basis prüfen. Clara Creitz, Gründerin des Finanzberatungs-Startups Finelles, empfiehlt deshalb, sich grundlegende Fragen zu stellen: Wie viel Geld kommt jeden Monat rein, wie hoch sind die Fixkosten, bin ich schuldenfrei (Hypothek ausgenommen), habe ich in die 3. Säule eingezahlt, habe ich eine eiserne Reserve auf dem Sparkonto?
Wie hoch diese Reserve sein sollte, ist individuell. Die frühere Regel von drei bis sechs Monatslöhnen gilt mittlerweile als veraltet. Ein Notgroschen orientiert sich heute mehr an den Ausgaben - wer weniger ausgibt, braucht tendenziell einen weniger hohen und umgekehrt. Und der sollte für unerwartete Ausgaben verfügbar sein. Ralf Beyeler, Finanzexperte bei Moneyland, betont: «Wenn noch kein Notgroschen vorhanden ist oder dieser noch zu klein ist, sind Investitionen in Wertschriften bislang nicht sinnvoll.»
Die richtige Strategie: Wie viele ETFs benötige ich?
Sind die Grundvoraussetzungen geklärt, stellt sich die nächste Frage: Wie gross soll das Portfolio überhaupt werden? Die gute Nachricht: Mehr ist nicht automatisch besser.
Für Clara Creitz hat sich in der Praxis das Prinzip der Vermögensstaffelung bewährt: «Mit 20'000 Franken Investitionskapital würde ich mit ein bis zwei ETFs fahren. Ab 20'000 Franken können es drei bis vier sein.» Je weniger Vermögen, desto einfacher sollte man investieren.
Ralf Beyeler sieht es ähnlich: «Grundsätzlich gilt: Je weniger verschiedene ETFs, desto besser können Sie den Überblick behalten.» Für Anleger, die den Aktienmarkt breit abbilden wollen, genügen ein bis fünf ETFs. Hinzu kommt: Wer noch kein grosses Vermögen hat, muss nicht mit einem Einmalbetrag starten. Mit ETF-Sparplänen kann man bereits ab einem Franken pro Monat anfangen, zum Beispiel bei einem Roboadvisor, betont Creitz.
Welcher ETF-Typ passt zu mir?
Die Entscheidung für eine bestimmte Anzahl ETFs ist das eine. Doch worin soll man überhaupt investieren? Die Palette reicht von klassischen Aktien-ETFs über Branchen-Investments bis zu Rohstoffen.
Aktien-ETFs bilden die Basis für die meisten Anleger. Ein Welt-ETF wie der «MSCI-World» deckt über 1600 Unternehmen ab. Allerdings: Rund 70 Prozent entfallen auf US-Aktien, davon viele Tech-Konzerne. Wem diese Dominanz zu stark ist, kann gezielt ergänzen, etwa mit Emerging Markets, Schweiz- oder Europa-ETFs.
Bei Branchen- und Themen-ETFs werden beide Experten skeptisch. Beyeler warnt: «Solche ETFs werden häufig aufgrund eines Hypes lanciert und teilweise nach kurzer Zeit wieder liquidiert.» Creitz nennt ein passendes Beispiel: «Wasserstoff-ETFs waren vor fünf Jahren sehr beliebt.» Als die Nachfrage nachliess, seien einige liquidiert worden. Hinzu komme, dass solche ETFs nur wenig diversifiziert seien, stark schwankten und der Rendite der Gesamtindizes hinterherhinkten, führt die Finanzplanerin aus.
Dividenden-ETFs bieten regelmässige Ausschüttungen, meist von konservativen Unternehmen wie Infrastruktur- oder Konsumgüterfirmen. Wichtig für Anleger in der Schweiz: Dividenden sind steuerpflichtig.
Anleihen-ETFs dagegen sind laut Beyeler für Kleinanleger keine gute Wahl: «Die Kosten sind hoch und die Rendite gering oder sogar negativ. Kleinanleger lassen den Betrag, den sie sicher deponieren wollen, besser auf Sparkonten.»
Wer sein Portfolio weiter streuen möchte, kann auf Gold-, Rohstoff- und Immobilien-ETFs setzen, respektive sie ergänzen. Dadurch lassen sich zusätzliche Anlageklassen ins Depot holen, die sich oft anders entwickeln als klassische Aktien- und Anleihenmärkte und so das Gesamtrisiko reduzieren können.
Das Diversifikationsproblem lösen
Auch wenn besonders Welt-ETFs versprechen, breit zu diversifizieren - ganz so einfach ist es nicht. Es gibt zwei Hauptprobleme: Erstens sind in den Weltindizes US-Aktien und Tech-Aktien stark vertreten, weil deren Marktkapitalisierung sehr hoch ist. Zweitens werden viele Indizes genau nach dieser Marktkapitalisierung gebildet. Das heisst: Die grössten Unternehmen bekommen automatisch das höchste Gewicht.
Laut Beyeler ist die einfachste Variante für eine breite Diversifikation, Welt-ETFs ohne US‑Aktien zu kaufen oder gezielt mit anderen Märkten zu ergänzen. Creitz schlägt ausserdem vor, Small Caps beizumischen, also ETFs auf kleinere Unternehmen, die im klassischen Welt-Index unterrepräsentiert sind. Wer mehr Kontrolle möchte, kann die gewünschten Länder und Kontinente auch selbst zusammenstellen, was aber mehr Aufwand erfordert.
Eine weitere Strategie der Finanzplanerin Creitz ist der sogenannte Core-Satellite-Ansatz: Dabei bilden 80 Prozent das Core-Portfolio mit breit gestreuten Anlagen, etwa Welt-ETFs kombiniert mit Emerging Markets sowie alternativen Anlagen wie Gold oder Immobilien. Die übrigen 20 Prozent können mit gezielteren Investments wie Small Caps, Krypto oder Themen-ETFs ergänzt werden. So profitiert man von einer soliden Basis und kann trotzdem persönliche Schwerpunkte setzen.
Beyeler weist noch auf eine weitere Variante hin: «Einige Indizes kappen das Gewicht der grössten Aktien, ignorieren damit die Marktkapitalisierung. Es gibt verschiedene Ausprägungen dieses Systems.» Diese Equal-Weight- oder Capped-Indizes verteilen das Gewicht gleichmässiger und reduzieren so die Dominanz einzelner Tech-Giganten.
Worauf muss ich beim konkreten ETF achten?
Ist die grundsätzliche Strategie klar, geht es an die Details. Denn nicht jeder ETF auf denselben Index ist gleich gut.
Fondsgrösse: Der ETF sollte mindestens 100 Millionen Franken oder Euro Fondsvolumen haben. Denn kleinere ETFs tragen ein höheres Liquidierungsrisiko und könnten geschlossen werden, wenn sie nicht genug Anleger anziehen.
TER: Für grosse Indizes wie den MSCI World ist eine Total Expense Ratio (TER) - auch Gesamtkostenquote - unter 0,2 Prozent üblich, so Beyeler. Je exotischer der ETF, desto höher die TER.
Kosten: Hinzu kommen Kaufgebühren, Fremdwährungsgebühren, Stempelsteuer, Börsenkosten und der Spread - also die Differenz zwischen Kauf- und Verkaufspreis. Creitz betont deshalb: «Die Auswahl des Anbieters ist matchentscheidend. Wenn die Kosten zu hoch sind, hätte man das Geld besser zur Bank gebracht.»
Ertragsverwendung: Thesaurierende ETFs legen Gewinne automatisch wieder an und eignen sich für den Vermögensaufbau. Ausschüttende ETFs zahlen Dividenden aus.
Währungsrisiko: Bei Nicht-Schweizer-Franken-ETFs sollte man immer prüfen, ob das Währungsrisiko bereits gehedged, also abgesichert, ist. Das fällt besonders bei Anleihen-ETFs ins Gewicht.
Wie lange sollte ich einen ETF halten?
ETFs sind keine kurzfristigen Trading-Instrumente. Das ständige Umschichten ist oft nicht sinnvoll, insbesondere wenn dabei zusätzliche Kosten anfallen. Wer bei einem Markteinbruch in Panik verkauft, realisiert Verluste, die bei langfristigem Halten wieder aufgeholt werden könnten.
Die Grundregel lautet daher: Buy and Hold. Nur bei grundlegenden strategischen Änderungen der Lebenssituation sollte man die ETF-Auswahl überdenken.
Dennoch braucht es gelegentlich Pflege. Creitz empfiehlt bei Abweichungen von mehr als 5 Prozentpunkten zur Zielgewichtung, ein Rebalancing durchzuführen. Mindestens einmal jährlich lohnt es sich zudem, die Finanzen und so auch das ETF-Investment zu prüfen und an die aktuelle Lebenssituation anzupassen, resümieren die beiden Finanzplaner.
Die abschliessende Erkenntnis? Wichtiger als die perfekte ETF-Auswahl ist, überhaupt anzufangen und dabei zu bleiben, auch wenn die Märkte schwanken. Denn langfristig hat sich Geduld an der Börse meistens ausgezahlt.

