Damit zieht erstmals ein Vertreter ‌aus ‌dem ehemaligen kommunistischen Osten in das Direktorium der wichtigsten Finanzinstitution des Währungsraums ein. Der 61-Jährige soll am 1. Juni die Nachfolge des Spaniers Luis de Guindos antreten. Vujcic hatte sich die Unterstützung aller ​21 Euro-Finanzminister gesichert und sich damit gegen fünf Mitbewerber durchgesetzt.

Die ‌Entscheidung gilt als seltene Chance für ‌eine der kleineren Volkswirtschaften Europas, einen Spitzenposten bei der EZB zu besetzen. Seit Gründung der Währungsunion vor mehr als einem Vierteljahrhundert dominieren die grossen Mitgliedstaaten die Führungsetage. Insidern zufolge hielten sich die Schwergewichte Deutschland, Frankreich und Spanien diesmal jedoch bewusst zurück. Sie konzentrieren sich demnach auf ⁠die Neubesetzung noch gewichtigerer Posten im kommenden Jahr: 2027 werden die Ämter der Präsidentin, des Chefvolkswirts und des Direktors für Marktoperationen frei. Auch die Position von EZB-Chefin Christine Lagarde wird vakant, ​wenn ihre Amtszeit Ende Oktober kommenden Jahres ausläuft.

Vujcic steht in seiner ‌dritten Amtszeit an der Spitze der kroatischen Notenbank. Der ‍studierte Ökonom steuerte sein Land 2023 als 20. Mitglied in die Euro-Zone - gefolgt von Bulgarien - und war 2013 ​massgeblich an den Verhandlungen zum EU-Beitritt beteiligt. Geldpolitisch gilt der ehemalige Universitätsprofessor als moderater Falke. Er warnte zuletzt beharrlich vor anhaltenden Inflationsrisiken und mahnte zur Vorsicht bei Zinssenkungen. Er übernimmt das ‌Amt als Stellvertreter von Christine Lagarde in einer vergleichsweise ruhigen ⁠Phase, in der die Inflation nahe dem Zielwert ‌liegt und Zinsänderungen derzeit nicht auf der Tagesordnung stehen.

Die endgültige Bestätigung der Personalie durch die Staats- und Regierungschefs gilt ‍als Formsache. Widerstand wird jedoch aus dem Europäischen Parlament erwartet. Die Abgeordneten können die Ernennung zwar nicht blockieren, dürften aber Bedenken wegen der fehlenden Geschlechterparität ​anmelden. Im 27-köpfigen EZB-Rat sitzen derzeit 25 Männer. Zu den unterlegenen Kandidaten ‍zählten unter anderem der portugiesische Ex-Finanzminister Mario Centeno und der finnische Notenbankchef Olli Rehn.

(Reuters)