Der Euro-Höhenflug bereitet der EZB, aber auch den deutschen Exporteuren zunehmende Sorgen. Spitzenvertreter der Europäischen Zentralbank (EZB) denken bereits laut über ‌die Möglichkeit ‌einer künftigen Zinssenkung nach, falls die Gemeinschaftswährung weiter Auftrieb erhalten sollte: «Falls der Euro immer weiter aufwertet, könnte dies ab einem gewissen Punkt natürlich eine geldpolitische Reaktion erforderlich machen», sagte das österreichische EZB-Ratsmitglied Martin Kocher der «Financial Times» vom Mittwoch. Ein stärkerer Euro würde die Importe verbilligen und die Wettbewerbsfähigkeit gegenüber US-Konkurrenten schmälern.

Eine starke Währung ​verteuert Exporte und verbilligt zugleich Importe, was tendenziell das Wachstum dämpft und die Inflation drückt. Laut EZB-Ratsmitglied ‌Francois Villeroy de Galhau beobachtet die Notenbank die Aufwertung der Gemeinschaftswährung und ‌ihre möglichen Auswirkungen auf die Inflation genau. «Dies ist einer der Faktoren, die unsere Geldpolitik und unsere Zinsentscheidungen in den kommenden Monaten leiten werden», schrieb der französische Notenbankchef auf der Online-Plattform Linkedin.

Auch die deutsche Exportwirtschaft sieht die kräftige Aufwertung des Euro kritisch. «Die anhaltende Stärke des Euro bereitet den Exporteuren grosse Sorgen», sagte der Präsident des Bundesverbandes Grosshandel, Aussenhandel, Dienstleistungen (BGA), Dirk Jandura, der Nachrichtenagentur Reuters. Die deutschen Exporteure kämpften bereits mit dem schwierigen internationalen Umfeld und ⁠den im internationalen Vergleich hohen Produktionskosten. «Ein starker Euro verteuert deutsche Produkte auf den Weltmärkten zusätzlich und verschärft damit die Wettbewerbsprobleme», betonte Jandura. «Gerade für mittelständische Exporteure mit geringen Margen ist das ein ernstes Risiko, weil sie Wechselkursnachteile oft nicht abfedern können.»

Kritische Marke erreicht?

Der Dollar-Verfall hievte den Euro im Handelsverlauf erstmals seit ​2021 über die Marke von 1,20 Dollar. Aus Sicht des französischen Notenbankchefs Villeroy spiegelt der schwächere Dollar das ‌geringere Vertrauen angesichts einer unvorhersehbaren US-Wirtschaftspolitik wider. EZB-Vizepräsident Luis de Guindos sagte im vergangenen Sommer, ‍über einen Anstieg des Euro gegenüber der US-Währung bis auf 1,20 Dollar könne man weitgehend hinwegsehen. Darüber hinaus werde es «viel komplizierter».

Der Euro-US-Dollar-Wechselkurs ist laut Bundesbank einer der meistbeachteten Marktpreise und ​auch für die Geldpolitik wichtig. Kein anderer Tausch an den internationalen Finanzmärkten erreiche grössere Volumina als dieses Währungspaar: «Der Aussenwert des Euro ist keine Zielgrösse des Eurosystems. Er beeinflusst jedoch indirekt die Inflationsdynamik und macht den Wechselkurskanal zu einem wichtigen Transmissionsmechanismus der Geldpolitik», heisst es im jüngsten Monatsbericht der ‌Bundesbank.

Ein starker Euro verbilligt die Einfuhr von Waren in den Währungsraum und kann so ⁠den Preisauftrieb bremsen. Dies erschwert es der EZB, ihr Inflationsziel von zwei Prozent ‌zu erreichen. Mit Blick auf die EZB-Zinsentscheidung in der kommenden Woche sagte EZB-Ratsmitglied Kocher, es gebe keine unmittelbare Notwendigkeit für eine Änderung. Er betonte jedoch, wie wichtig es sei, sich angesichts ‍der Unsicherheit «alle Optionen offenzuhalten». Trotz der Bedenken wegen des Wechselkurses zeigte sich Kocher «vorsichtig optimistisch» für das Wirtschaftswachstum im laufenden Jahr. Die Konjunktur in der Euro-Zone habe sich widerstandsfähiger als erwartet gezeigt.

Auslöser der jüngsten Abwertungswelle des Dollar war Experten zufolge der Grönland-Konflikt ​und die Aussicht auf mögliche gemeinsame Interventionen der japanischen und amerikanischen Notenbank, um den Yen-Kurs zu stützen. «Der Status ‍des Dollar als Weltreservewährung bleibt zwar unangetastet», sagte der Chefvolkswirt der VP Bank, Thomas Gitzel: «Dennoch zeigen die Kursverluste des Greenbacks in der angespannten geopolitischen Lage erste Anzeichen schwindenden Vertrauens.» Der US-Regierung kämen die jüngsten Abwertungen zupass: «In den Augen von Donald Trump ist die Abwertung jedenfalls 'grossartig', stärkt sie doch die Wettbewerbsfähigkeit der US-Wirtschaft», sagte der Experte.

(Reuters)