Kriege, immer wieder neue Wendungen in geopolitischen Entwicklungen und erhöhte Nervosität an den Finanzmärkten: Anlageentscheide sind zurzeit anspruchsvoll. Denn worauf soll man sich einstellen?

In den vergangenen Wochen, seit der Iran-Konflikt ausgebrochen ist, fiel das Schlagwort «Stagflation» oft. Demnach würden hohe Ölpreise die Konjunktur lähmen und zugleich die Inflation nach oben treiben. Ein solches Szenario ist eine Art Schreckensgespenst für Anleger, Konsumenten, Unternehmen und Notenbanker. Denn fehlendes Wachstum trifft auf steigende Preise für Rohstoffe und Endprodukte.

Der «stagflationäre Charakter» der aktuellen Krise habe dazu geführt, dass alle Anlageklassen - mit Ausnahme der Energiewerte - Kurskorrekturen erfahren hätten, sagt Anastassios Frangulidis, Leiter Swiss Multi Asset bei Pictet Asset Management in Zürich. Er vergleicht die momentane Lage mit den Entwicklungen von 2022, das Investoren als ein verlustreiches Jahr in Erinnerung haben. «Folglich haben alle diversifizierten Portfolios im März an Wert verloren», so der Anlageexperte.

Tiefere Renditen in vier von fünf Szenarien

Ein ganzes Set an Szenarien hat Alexandra Janssen, CEO des Zürcher Finanzberatungsunternehmens Ecofin, schon im Dezember 2025 ins Auge gefasst. Neben einer Stagflation sind es diese:

  • Das Basisszenario «Anhaltende Spannungen»: Handels- und geopolitische Spannungen halten an und können lokal eskalieren. Die Weltwirtschaft wächst nur moderat. In der Schweiz bleibt die Inflation tief. Die Zinsen schwanken nur moderat um das aktuelle Niveau.
  • Szenario «Abschwung»: Die Konjunktur schwächt sich weltweit ab, und die Inflationsraten sinken unter die Zielwerte. Solche Zielwerte haben führende Notenbanken bei 2 Prozent angesetzt.
  • Szenario «Reflation»: Investitionen und Staatsausgaben treiben das Wachstum an und führen zu leicht erhöhter Inflation.
  • Szenario «Boom»: Geopolitische Entspannung und Produktivitätsgewinne stützen das Wachstum bei rückläufiger Inflation.

Sie werden über einen Drei-Jahres-Horizont betrachtet und sind daher für strategisch orientierte Anleger relevant. Für jedes der fünf Szenarien hat Janssen nun aufgrund von Marktdaten die erwarteten Jahresrenditen eines durchschnittlichen Portfolios berechnet - und zwar einmal im Januar und einmal im April. 

Das Portfolio besteht zu 70 Prozent aus weltweit diversifizierten Aktien, die aber einen Homebias zum Schweizer Markt aufweisen, sowie aus Franken-Obligationen und einem kleinen Goldanteil. Es bleibt in allen Szenarien und über die Zeitpunkte hinweg unverändert, damit Vergleichbarkeit und Aussagekraft des Ecofin-Modells erhalten bleiben.

Wie sich gezeigt hat, ist in allen Szenarien ausser dem Basisszenario der Rendite-Ausblick vom April schlechter als der Rendite-Ausblick vom Januar. Selbst im Best-Case-Szenario «Boom» sind die Aussichten heute trüber, als sie es Anfang Jahr gewesen waren: Die erwartete Rendite ist um 0,13 Prozentpunkte tiefer und beträgt neu 8,25 Prozent.

Im Fall einer Stagflation ist die erwartete Rendite um 0,62 Prozent auf minus 4,2 Prozent zurückgegangen. Einzig im Basisszenario - «Anhaltende Spannungen» - sind die Aussicht ganz geringfügig besser geworden: Die Ecofin-Berechnung sieht neu eine Rendite von 3,91 Prozent, nach 3,85 Prozent per Januar (plus 0,06 Prozent). 

Die Implikation ist laut der Ecofin-Analyse: Das heutige Umfeld dürfte für viele Anlagekategorien bis ins Jahr 2028 «zu merklich schlechteren Ergebnissen führen» als noch im Januar erwartet. 

«Die Bedeutung von Extremereignissen hat - gerade auch für den strategisch relevanten Zeithorizont von 3 bis 5 Jahren - zugenommen», folgert Janssen weiter. In den ersten Monaten des laufenden Jahres ist der Krieg im Iran das markanteste solche Ereignis. Er brachte die Blockade der für die Weltwirtschaft wichtigen Strasse von Hormus, erhebliche Ölpreisaufschläge und hohe Nervosität an den Kapitalmärkten.

Pictet gewichtet Aktienmärkte neu

Unterdessen hat Pictet-Stratege Frangulidis seine Positionierung überdacht, und zwar gerade wegen der Unsicherheiten, welche die aktuelle Nahostkrise ausgelöst hat. Pictet hat die Übergewichtung mancher Anlageklassen und Märkte auf eine neutrale Gewichtung zurückgefahren, so beispielsweise jene der europäischen und schweizerischen Aktien, während die Untergewichtung des amerikanischen Aktienmarktes reduziert wurde.

Schwellenländeraktien sowie die Sektoren Informationstechnologie, Gesundheit und Versorger sind weiterhin übergewichtet. Demgegenüber ist Pictet bei den Industrie- und Konsumwerten zur neutralen Positionierung zurückgekehrt, wie Frangulidis ausführt.

Reto Zanettin
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