Währungshüter der Europäischen Zentralbank (EZB) sehen Insidern zufolge eine Veröffentlichung ihrer eigenen Zinsprognosen nach dem Muster der US-Notenbank kritisch. Sie befürchten, dass dies ein Türöffner werden könnte für politischen Druck seitens ihrer jeweiligen nationalen Regierungen, sagten Euro-Wächter am Rande der Frühjahrstagung von Internationalem Währungsfonds (IWF) und Weltbank in Washington der Nachrichtenagentur Reuters. Die US-Notenbank Federal Reserve veröffentlicht einmal im Quartal Zinsprognosen ihrer Führungsmitglieder in einer anonymisierten Punkte-Grafik - in der Fachwelt als «Dot Plot» bezeichnet. EZB-Direktorin Isabel Schnabel hatte vergangene Woche in einer Rede die Idee vorgetragen, eine Art Dot Plot der Prognosen der Euro-Wächter über den künftigen Zinspfad zu veröffentlichen.

Aus Gesprächen mit 13 Euro-Hütern in Washington ging hervor, dass fast alle meinen, ein solcher Schritt könnte die Unabhängigkeit der Notenbanken von ihren nationalen Regierungen gefährden. In den USA lassen sich die Dot-Plot-Beiträge der einzelnen Fed-Vertreter in der Quartalsgrafik zwar nicht namentlich zuordnen. Dennoch versuchen dort Notenbank-Analysten regelmässig herauszufinden, welcher Prognose-Punkt welchem Fed-Vertreter zuzuordnen ist.

Währungshüter aus der Euro-Zone befürchten, Politiker könnten feststellen wollen, welcher Prognose-Punkt dem Notenbank-Gouverneur ihres Landes zuzuordnen sei, wie aus den Gesprächen hervorging. Dieser könnte dann womöglich zu Zinsprognosen aufgefordert werden, die mit den ökonomischen Zielen der jeweiligen Regierung übereinstimmen. Einige nationale Notenbank-Chefs sahen aber auch Vorteile in dem Vorschlag oder waren bereit, diesen im EZB-Ratz zu diskutieren. Einer der Insider sagte beispielsweise, Prognose-Punkte könnten auch gebündelt werden. So könnte die Anonymität der Voraussagen besser gewahrt bleiben. Ein EZB-Sprecher lehnte eine Stellungnahme dazu ab. 

(Reuters)