Die Europäische Zentralbank hat den Instituten signalisiert, dass sie sich auf erhebliche Anpassungen einstellen müssen, damit die Ergebnisse aus Sicht der Aufsicht glaubhafter sind. Das berichten Personen, die mit den Diskussionen vertraut sind. Viele Banker sind anderer Meinung und sagen, dass die Aufsicht ein schlechteres Ergebnis anstrebt, um Druck auf die Branche auszuüben.

Der von der Europäischen Bankenaufsichtsbehörde (Eba) organisierte Test gibt Aufschluss darüber, wie gut die Banken auf Schocks vorbereitet sind. Er fliesst auch in die Berechnung ihrer Kapitalanforderungen ein. Die Banken werden auf Basis der Bilanzdaten von Ende 2022 einem Negativszenario und einem günstigeren Basisszenario für die drei Jahre bis 2025 unterzogen. Ein positiver Befund stärkt zum Beispiel ihre Argumentation für die Ausschüttung von Kapital an die Aktionäre.

Der diesjährige Test verwendete zwar ein Negativszenario, das als das bislang härteste angesehen wurde. Doch die Bilanzen der Banken sahen Ende des vergangenen Jahres wegen der steigenden Zinsen und niedrigen Rückstellungen für faule Kredite besonders gut aus, was bereits die Startposition der Banken begünstigt. Nach Ansicht der Aufseher weisen die Ergebnisse keine ausreichende Verschlechterung auf.

Banken könnten zu Anpassungen gezwungen werden

Die Aufsicht wird wahrscheinlich Banken, deren Prognosen stark von ihren eigenen abweichen, zwingen, ihre Berechnungen zu berücksichtigen, wenn die Institute die Differenz nicht begründen können, so die Insider. Diese Phase, die als Qualitätssicherung bezeichnet wird, wird wahrscheinlich härter ablaufen als bei früheren Übungen, sagten die Personen.

Unter vier Augen sagen die Aufseher, dass es ihnen darum gehe, realistischere Ergebnisse zu erhalten. Methodik und zentrale Szenarien blieben unverändert. Banker und Lobbyverbände sind anderer Meinung und sagen, sie hätten den Eindruck, dass Eba und die EZB einfach schlechtere Ergebnisse anstrebten. Die Stresstests standen auch im Mittelpunkt eines Treffens von Bankenlobbyisten und -managern mit EZB-Vertretern Anfang Juni, heisst es.

Die fast schon paradoxe Angst vor zu positiven Ergebnissen zeigt die verzwickte Lage der Banken und ihrer Aufseher. Höhere Zinssätze sind für den Bankensektor insgesamt ein Segen, aber die rasante Geschwindigkeit der Zinserhöhungen hat einige kleinere US-Banken unvorbereitet erwischt – mit katastrophalen Folgen. Die europäischen Banken wollen ihre Aktionäre nach Jahren magerer Renditen belohnen, doch die Aufseher scheuen sich davor, sie in einem unsicheren Umfeld zu selbstsicher werden zu lassen.

Ausschüttungen je nach Kapitalausstattung

Andrea Enria, der die Bankenaufsicht der EZB leitet, sagte am Dienstag, dass sich die EZB bei der Prüfung einzelner Pläne zur Ausschüttung von Dividenden oder Aktienrückkäufen an die Aktionäre darauf konzentriert, wie sich die Kapitalausstattung der Kreditgeber voraussichtlich entwickeln wird.

“Wir wollen einen soliden Kapitalpfad, der von der Bank prognostiziert wird”, sagte er auf einer Veranstaltung von Goldman Sachs in Paris. “Wenn die Bank in der Lage ist, uns davon zu überzeugen, dass sie selbst bei einem angemessen konservativen negativen Szenario in der Lage wäre, alle aufsichtsrechtlichen Massstäbe einzuhalten, dann gäbe es von unserer Seite aus keine Beschränkungen für ihre Ausschüttung.”

(Bloomberg)