Die Finanzminister der Euro-Zone nominieren am Montag einen Kandidaten für die Nachfolge des Vizepräsident der Europäischen Zentralbank (EZB) Luis de Guindos, dessen Amtszeit im Mai abläuft. Dies ist der Auftakt für eine ganze ‌Reihe von Personalentscheidungen, ‌die in der Führungsebene der EZB in näherer Zukunft anstehen - bis hin zur Neubesetzung des Chefpostens. Hier ein Überblick über das Revirement:

Der Posten des EZB-Vizepräsidenten

Insgesamt haben sechs Bewerber ihren Hut in den Ring geworfen. Der Wirtschafts- und Währungsausschuss des Europäischen Parlaments hat seine Unterstützung für die Kandidatur des Letten Martins Kazaks und des Portugiesen Mario Centeno bekundet.

Die Kandidaten

Der lettische Zentralbankchef Kazaks hat jüngst im Reuters-Interview die Zinspolitik ​der EZB als angemessen bezeichnet. Zugleich äusserte er Sorge über den Druck, der in den USA von der Politik auf ‌die unabhängige Notenbank ausgeübt werde. Die EZB müsse in Alarmbereitschaft sein, da die Attacken der ‌Regierung von US-Präsident Donald Trump auf die Federal Reserve neue Risiken für die wirtschaftlichen Aussichten mit sich brächten.

Centeno leitete die portugiesische Zentralbank von 2020 bis Oktober 2025. Nach Ablauf seiner Amtszeit wurde er von Alvaro Santos Pereira abgelöst. Zuvor war Centeno Präsident der Eurogruppe, dem Gremium der Finanzminister der Euro-Zone. Im EZB-Rat galt er als entschiedener Befürworter einer lockeren Geldpolitik - im Zentralbanken-Jargon eine «Taube», während Anhänger einer eher straffen Geldpolitik «Falken» genannt werden.

Diesem Lager der «Falken» rechnen viele Experten den Finnen Olli Rehn zu. «Finnland setzt bei Rehns Kandidatur auf dessen jahrzehntelange Erfahrung in verschiedenen ⁠Ebenen der Regierung, der EU und der Zentralbank», erläutert Commerzbank-Ökonom Marco Wagner. Rehn war unter anderem EU-Wirtschafts- und Währungskommissar während der Schuldenkrise der Euro-Zone, als er sich mit seiner Haltung zur Haushaltsdisziplin profilierte.

Gute Chancen räumen Beobachter auch dem Kroaten Boris Vujcic ein, dessen Land erst 2023 dem Euroraum beitrat. Weitere Bewerber sind der Este Madis Müller und der frühere litauische Finanzminister ​Rimantas Sadzius.

Das Verfahren

Das Europäische Parlament ist zwar am Auswahlverfahren beteiligt, die endgültige Nominierung erfolgt jedoch am Montag durch die Finanzminister der Euro-Zone, ‌die sich gegebenenfalls für einen anderen Kandidaten aus der Bewerberliste entscheiden können.

Der erfolgreiche Kandidat benötigt die Unterstützung von mindestens ‍16 der 21 Euro-Länder, die mindestens 65 Prozent der Bevölkerung der Euro-Zone repräsentieren. Die EZB und das Europäische Parlament werden konsultiert, bevor die Staats- und Regierungschefs im Europäischen Rat auf ihrem Gipfeltreffen im März eine endgültige ​Entscheidung über die Ernennung treffen.

Weitere Personalentscheidungen

Die Wahl des nächsten EZB-Vizepräsidenten leitet einen zweijährigen Prozess zur Neubesetzung des Grossteils des EZB-Direktoriums ein. Neben dem Präsidenten und Vizepräsidenten werden zwei weitere Posten des sechsköpfigen Gremiums ausgetauscht. So endet die Amtszeit von Chefvolkswirt Philip Lane aus Irland im Mai 2027, jene der deutschen Direktorin Isabel Schnabel im Dezember 2027.

Wer auf Präsidentin Lagarde folgen könnte

«Die Amtszeit von ‌EZB-Präsidentin Christine Lagarde endet am 31. Oktober 2027 und schon jetzt drängen sich die Bewerber um ihre Nachfolge», ⁠sagt Commerzbank-Experte Wagner. Er nennt Schnabel, Bundesbankpräsident Joachim Nagel, den ehemaligen Chef der niederländischen Notenbank, Klaas Knot, ‌sowie den Präsidenten der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, Pablo Hernandez de Cos.

Ebenfalls auf dem Radar hat er zwei französische Wirtschaftsprofessorinnen sowie die Präsidentin der Europäischen Investitionsbank, Nadia Calviño, aus Spanien. Schnabel hatte gesagt, sie stehe für den ‍Chefposten bereit, sollte sie gefragt werden. Nagel betonte, dass grundsätzlich jeder Notenbanker im EZB-Rat die Kompetenz zur Nachfolge für das Spitzenamt im Eurosystem haben dürfte.

Wie die Chancen der Anwärter Schnabel ​und Nagel auf das EZB-Spitzenamt stehen

Wagner verweist darauf, dass Deutschland bereits die EU-Kommissionspräsidentin und die Vorsitzende der EZB-Bankenaufsicht stellt. Bei den beiden potenziellen deutschen Anwärtern Schnabel ​und Nagel werde sicherlich eine Rolle spielen, dass Deutschland mit Ursula von der Leyen als Kommissionspräsidentin eine herausragende Position besetze, deren zweite ‍Amtszeit erst im November 2029 endet: «Jüngst wurde die Möglichkeit diskutiert, dass von der Leyen dem Bundespräsidenten Steinmeier nachfolgen könnte, der noch bis Mitte März 2027 im Amt ist», erläutert Wagner.

Doch selbst in diesem Fall bleibe etwa Claudia Buch als Vorsitzende der EZB-Bankenaufsicht in einer exponierten Position, deren Amtszeit im Dezember 2028 endet. Dies dürften die anderen Mitgliedstaaten bei einer deutschen Bewerbung um die EZB-Präsidentschaft geltend machen, erklärt Wagner.