Die EZB hat den Leitzins erwartungsgemäss unverändert gelassen. Sie hält sich aber die Tür für eine ‌Erhöhung ⁠im September offen, sollten steigende Ölpreise den Inflationsdruck weiter befeuern. Der EZB-Rat um Präsidentin Christine Lagarde beliess den Einlagensatz am Donnerstag bei 2,25 Prozent, ⁠nachdem er die geldpolitische Stellschraube im Juni erstmals seit fast drei Jahren angezogen hatte. Die vom Krieg in Nahost angetriebene Inflation im Euroraum war zuletzt auf 2,8 Prozent ‌zurückgegangen, lag damit aber weiterhin über dem Zielwert von zwei Prozent. Die Währungshüter warnen: «Die Unsicherheit ist ‌nach wie vor hoch, und die Auswirkungen des Energieschocks auf die ​Inflation sind noch nicht vollständig zum Tragen gekommen.» Der EZB-Rat sei fest entschlossen, seine Geldpolitik so auszurichten, dass sich die Teuerungsrate auf mittlere Frist bei ihrem Zielwert stabilisiere.

Der Zinsbeschluss liess die Anleger weitgehend kalt. Der Dax und der EuroStoxx50 verharrten bei ihren Verlusten von jeweils rund einem Prozent. Der Euro lag unverändert 0,2 Prozent im Minus bei 1,139 Dollar.

Gespannt warten Anleger auf die Pressekonferenz Lagardes und mögliche Hinweise auf eine baldige ‌Zinserhöhung. Berichte über Angriffe der mit dem Iran verbündeten jemenitischen Huthis auf Öltanker im Roten Meer und die erneute Eskalation im Iran-Krieg haben die Ölpreise jüngst auf den höchsten Stand seit Anfang Juni katapultiert. Dies bringe die Europäische Zentralbank in eine schwierige Lage, meint Maximilian Wienke, Marktanalyst bei der ​Handelsplattform eToro: «Hält sich der Ölpreis dauerhaft über 90 Dollar je Barrel, könnte das Inflationsgespenst schneller zurückkehren, als ​vielen lieb ist.»

Entscheidend werde deshalb sein, wie Lagarde den Ölpreisanstieg einordne. In der Vergangenheit ​betonte die 70-jährige EZB-Chefin immer wieder, dass die Zentralbank nicht auf jeden kurzfristigen Angebotsschock reagieren müsse. «Die Frage ist nun, ob sie den jüngsten Anstieg weiterhin als vorübergehendes Ereignis bewertet ‌oder Anzeichen für dauerhaften Inflationsdruck sieht», so Wienke.

«Bei Rohölpreisen von wieder um die 100 Dollar werden die kommenden Inflationsraten wieder anziehen. Das kann der EZB nicht gefallen», prognostiziert DekaBank-Chefvolkswirt Ulrich Kater. Es sei gut, dass die Notenbank bereits einen Zinsschritt gemacht habe. Es sei allerdings nicht sinnvoll, jetzt ​überstürzt die Zinsbremse ​zu ziehen.

«Auf schmalem Grat»

Keinesfalls wollen die Notenbanker im Frankfurter EZB-Turm es ⁠wieder so weit kommen lassen wie 2022, als Russlands Invasion in der Ukraine einen ​zunächst unterschätzten Inflationsschub auslöste. Jetzt droht ⁠wieder Gefahr: Denn die im Zuge des Iran-Kriegs gestiegenen Energiekosten für Verbraucher und Unternehmen bergen das Risiko, dass sich Löhne und Preise gegenseitig hochschaukeln ‌und so die Inflation immer weiter antreiben.

Derzeit herrscht grosse Unsicherheit, wie sich die Situation in Nahost weiterentwickelt und welche Folgewirkungen sich einstellen: Iran und die USA ringen um die Kontrolle über die für den Öltransport wichtige Schifffahrtsroute durch die ‌Strasse von Hormus am Persischen Golf. Zugleich sind Sorgen über weitere Störungen der weltweiten Energieversorgung aufgekommen, nachdem die Huthi-Rebellen ​eine Seeblockade gegen Saudi-Arabien verkündet haben. Eine Eskalation im Krieg zwischen den USA und dem Iran droht der Weltbank zufolge die globale Wirtschaft in eine schwere Krise zu stürzen. Laut Alexander Raviol, Partner beim Vermögensverwalter Lupus alpha, steckt die EZB in einem Dilemma: «Sie bewegt sich auf einem schmalen Grat zwischen Inflationsrisiken ‌und Wachstumssorgen.»

(Reuters)