Einer Bloomberg-Umfrage unter Ökonomen zufolge wird der Einlagensatz der EZB im März nächsten Jahres 2,5 Prozent erreichen. In der Umfrage zuvor hatten die Volkswirte noch mit nur 1,5 Prozent gerechnet. Inzwischen erwarten die Experten einen 75-Basispunkte-Schritt am 27. Oktober und eine weitere Halb-Prozentpunkt-Erhöhung im Dezember. 

Mehr als zwei Drittel der Befragten sehen die Notenbank der Preisentwicklung weiter hinterherhinken. Die Teuerung im Euroraum war zuletzt fast fünffach so hoch wie das 2 Prozent-Ziel der Notenbank.  

Die EZB hat mit ihrer geldpolitischen Straffung vier Monate nach der US-Notenbank begonnen. Die Aggressivität ihrer Gangart beginnt inzwischen jedoch, an die der Fed heranzureichen - den drohenden Konjunkturproblemen zum Trotz. 

Wann folgt die Kehrtwende?

Die Ergebnisse lassen aber auch die Sorge erkennen, dass die EZB schliesslich über das Ziel hinausschiessen und gezwungen sein könnte, den Rückwärtsgang einzulegen. Ein Analyst sieht die Möglichkeit, dass die Zinsen bereits im Juli wieder gesenkt werden könnten. Die mittlere Prognose der Volkswirte rechnet allerdings erst im Jahr 2024 mit dem ersten Zinsschnitt. 

"Angesichts der drohenden Rezession, der jüngsten Marktturbulenzen im Vereinigten Königreich und der zunehmenden Finanzrisiken wird die EZB sehr vorsichtig vorgehen müssen", erklärte Ökonom Carsten Brzeski von der ING. Im Spektrum von blinder Entschlossenheit zur Inflationseindämmung bis hin zu einem verfrühten Schwenk müsse sie das richtige Mass finden. 

Die Bestimmung der idealen Dosis der geldpolitischen Straffung ist heikel. Während die steigenden Preise bekämpft werden müssen, beginnen die Zinserhöhungen Haushalte und Unternehmen zu belasten, die sich bereits auf einen Anstieg der Energiekosten im Winter und sogar auf mögliche Engpässe einstellen.

Einige EZB-Räte haben sich dafür ausgesprochen, die Zinsen erst einmal auf ein so genanntes neutrales Niveau anzuheben, das die Konjunktur weder ankurbelt noch dämpft, und erst dann zu entscheiden, welche weiteren Erhöhungen nötig sein dürften.  

"Die Inflation wird in den kommenden Monaten unangenehm hoch bleiben, bevor sie im nächsten Jahr stark zurückgeht", erwartet Nerijus Maciulis, Ökonom bei der Swedbank. "Vor diesem Hintergrund ist es sehr wahrscheinlich, dass die EZB die Geldpolitik zu stark straffen wird."

Bilanzabbau auch im Fokus

Im Fokus steht zudem die Frage, wann die Zentralbank an den Abbau ihrer 5 Billionen Euro schweren Anleihebestände gehen soll, die sie während der jüngsten Krisen erworben hat.

Die meisten Ökonomen gehen davon aus, dass die Notenbank mit der quantitativen Straffung im dritten Quartal 2023 beginnen wird. Die Mehrheit der Volkswirte erwartet allerdings, dass die EZB nicht mehr als 30 Prozent ihrer Bestände wird abstossen können. Dies unterstreicht die Sorge vor ausufernden Anleiherenditen einiger Staaten des Euroraums.

Etwas mehr als die Hälfte der Befragten gab an, dass die EZB binnen der nächsten zwölf Monate ihr Transmissionsschutzinstrument einsetzen wird. Es war im Juli vorgestellt worden, um ungerechtfertigte Marktturbulenzen einzudämmen.

Ökonom Luca Mezzomo von der Intesa Sanpaolo hält es für möglich, dass im Dezember weitere Einzelheiten zum QT bekannt gegeben werden, als Teil einer "breit angelegten Straffung der Geldpolitik - trotz einer fast sicheren Rezession".

EZB-Ratsmitglied Gabriel Makhlouf warnte letzte Woche, dass angesichts der steigenden Preise mit einigen Zweitrundeneffekten bei den Löhnen zu rechnen sei. Bundesbankchef Joachim Nagel äusserte die Erwartung, dass die Inflation im kommenden Jahr nur allmählich zurückgehen werde.

"Die EZB ist mit ihrer Inflationsbekämpfung noch lange nicht fertig", sagte Elmar Völker von der LBBW. "Bei den nächsten Sitzungen werden weitere geldpolitische Straffungen notwendig sein."

(Bloomberg)