In einem Interview mit der «Neuen Zürcher Zeitung» (NZZ) vom Montag sagte ‌Österreichs EZB-Ratsmitglied Martin ​Kocher, dass die Europäische Zentralbank (EZB) ‌⁠ihre Leitzinsen bald anpassen muss, ⁠falls sich der Inflationsausblick nicht spürbar ‌aufhellt. Es sei nicht sinnvoll, sich ‌fünf Wochen vor der anstehenden geldpolitischen Entscheidung festzulegen, fügte ​Kocher hinzu.

«Wenn sich ​die Lage ​allerdings nicht deutlich verbessert, wird ‌an einem Zinsschritt in der nächsten Zeit kein Weg ​vorbeiführen», ​sagte ⁠Kocher dem Blatt.

Zwei Zinserhöhungen

Ökonomen rechnen laut der vom 4. bis 7. Mai durchgeführten Umfrage mit Zinsschritten der Europäischen Zentralbank um jeweils einen Viertelpunkt im Juni und September. Damit nähern sich die Prognosen stärker den Markterwartungen von mindestens zwei Erhöhungen in diesem Jahr an. In der vorherigen Befragung war lediglich eine einzige Anhebung des Einlagensatzes erwartet worden, der derzeit bei 2 Prozent liegt.

Die Inflation dürfte den Prognosen zufolge in diesem Jahr auf 2,9 Prozent steigen, nach 2,8 Prozent in der vorherigen Umfrage. Für 2027 rechnen Analysten mit einem Rückgang auf 2,1 Prozent, bevor 2028 das Ziel der EZB von 2 Prozent erreicht wird.

Die EZB hat Zinserhöhungen bislang zurückgestellt, während sie die wirtschaftlichen Folgen des Konflikts im Nahen Osten bewertet. Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel erklärte in der vergangenen Woche, die Geldpolitik müsse gestrafft werden, falls sich der Energieschock ausweite.

Laut dem scheidenden EZB-Vizepräsidenten Luis de Guindos wird die Frage, ob die Strasse von Hormus offen bleibt, der entscheidende Faktor für die Sitzung im Juni sein. Er bezeichnete das derzeitige Mass an Unsicherheit als «brutal».

Für den Zinsschritt im September gibt es nur eine knappe Mehrheit in der Umfrage. Zudem deutet die Erhebung darauf hin, dass im März kommenden Jahres eine Zinssenkung erfolgen könnte. Hintergrund sind unter anderem eingetrübte Konjunkturaussichten: Analysten senkten ihre Wachstumsprognose für 2026 von zuvor 0,9 Prozent auf 0,8 Prozent. Für 2027 erwarten sie ein Wachstum im Euroraum von 1,3 Prozent, für 2028 von 1,5 Prozent.

(Reuters/Bloomberg)