US-Notenbankchef Jerome Powell hat trotz des Irankriegs eine abwartende Haltung in der Geldpolitik signalisiert. Die Fed sei entschlossen, die Inflation nachhaltig auf ihr Ziel von zwei Prozent zurückzuführen, sagte der Chef ‌der ⁠Federal Reserve (Fed) am Montag an der Harvard-Universität. Die Geldpolitik sei an einem guten Punkt, um abzuwarten und zu ⁠beobachten, wie sich die aktuelle Lage entwickle. Die längerfristigen Inflationserwartungen schienen trotz des aktuellen Energieschocks stabil zu sein, und die Zentralbank müsse noch keine ‌Entscheidung über ihr weiteres Vorgehen angesichts der jüngsten Turbulenzen treffen.

«Die Inflationserwartungen scheinen ‌über den kurzfristigen Zeitraum hinaus gut verankert zu ​sein», sagte Powell. Was den mit dem Irankrieg verbundenen Energieschock angehe, so wisse man zwar noch nicht, welche wirtschaftlichen Auswirkungen dies haben werde, werde aber die Entwicklung des Preisdrucks nach der langen Zeit über dem Zwei-Prozent-Ziel genau beobachten.

Die Fed hatte den Leitzins vor knapp zwei Wochen unverändert in der Spanne von 3,50 bis 3,75 ‌Prozent gelassen. In ihrem Zinsausblick hielten die Währungshüter zugleich an der bereits im Dezember signalisierten Option fest, im Laufe des Jahres die Zinsen um einen Viertelpunkt zu senken. Powell hatte beim Zinsentscheid vom 18. März betont, dass ​dieser Ausblick in Zeiten des Iran-Kriegs samt Ölpreisschocks mit Vorsicht zu geniessen ist, da ​er mit aussergewöhnlich grosser Unsicherheit verbunden sei. Für die nächste Fed-Zinssitzung ​Ende April wird ein unveränderter Leitzins am Finanzmarkt mit einer Wahrscheinlichkeit von gut 99 Prozent eingepreist.

US-Notenbankdirektor Stephen Miran erklärte gegenüber CNBC, er ‌sei weiter der Ansicht, die Fed solle die Zinsen im Laufe dieses Jahres um etwa einen Prozentpunkt senken, um den sich abschwächenden Arbeitsmarkt zu stützen. Diese Ansicht weicht vom allgemeinen Konsens ab, insbesondere da der Beginn des Irankrieges ​eine ​Flut von Marktspekulationen auf eine Zinserhöhung der Fed auslöste.

Der ⁠Krieg im Nahen Osten und Angriffe des Iran auf die Energieinfrastruktur ​am Golf haben die ⁠Ölpreise nach oben getrieben. Eine Entspannung zeichnet sich derzeit nicht ab. Dies schürt Sorgen um eine stark anziehende ‌Inflation im Zuge der gestiegenen Energiepreise.

Powell, der sich quasi im Dauerstreit mit US-Präsident Donald Trump befindet, bekräftigte die Notwendigkeit einer vollständigen Unabhängigkeit der Fed in der Geldpolitik. Bei der Regulierung sei die ‌Lage jedoch eine andere, sagte Powell am Montag. Dies gelte insbesondere seit ​dem Dodd-Frank-Gesetz. Dabei handelt es sich um ein umfassendes Gesetzespaket zur Reform des US-Finanzmarktes, das als Reaktion auf die Finanzkrise von 2008 erlassen wurde. Es gehe darum, unpolitisch zu sein, fügte Powell hinzu. 

(Reuters)