Finanzielle Kernschmelze - Krypto hat 2 Billionen Dollar verloren - Kommt jetzt der Lehman-Moment?

Die Verschworenheit der Krypto-Szene war für viele ihrer Anhänger eine besondere Attraktion. Jetzt, da sich Panik in der Branche ausbreitet, droht diese Eigenheit zur Gefahr für ihr Überleben zu werden.
28.06.2022 13:39
Eine zerbrochene Bitcoin-Münze.
Eine zerbrochene Bitcoin-Münze.
Bild: imago images / IlluPics

Der Absturz von Bitcoin um fast 70 Prozent, anfangs ausgelöst durch die Straffungspläne der Federal Reserve, hat eine ganze Reihe von Altcoins mit in die Tiefe gerissen. Der Zusammenbruch von Terra - ein vielgepriesenes Experiment im dezentralen Finanzwesen - endete mit einem Bank-Run, der 40 Milliarden Dollar an Token praktisch wertlos machte. Coins, die man vor kurzem noch als Sicherheiten hinterlegen konnte, sind nun fast wertlos und kaum noch zu handeln.

Während sich die Kryptobranche als revolutionär und innovativ sieht, sind die Ursachen dieser finanziellen Kernschmelze denen für das Platzen traditioneller Blasen sehr ähnlich: Gier, zu viel Fremdkapital und der Glaube, es könne nur aufwärts gehen. Anders ist hingegen, dass Kryptowährungen bislang kaum offiziell reguliert und beaufsichtigt werden. Die Überzeugung, alle könnten gemeinsam reich werden, hat jegliche Sicherheitsbedenken in den Hintergrund gedrängt.

Kryptowährungen haben in ihrer jungen Geschichte schon mehrere grosse Einbrüche erlebt - Insider kennen sie als "Krypto-Winter" - aber wegen ihrer zunehmenden Verbreitung steht inzwischen mehr auf dem Spiel. Wenn Kim Kardashian für einen Coin wirbt, der dann einbricht, kann man noch darüber scherzen. Wenn ein Fondsriese wie Fidelity Bitcoin für die Altersvorsorge anbietet, steht mehr auf dem Spiel. Der gesamte Marktwert der Branche war en die Pensionen einer Generation auf dem Spiel. Am Höhepunkt im November stand die Bewertung der Branche bei 3 Billionen Dollar.

«Man ist ein Opfer des eigenen Erfolgs»

"Diesmal hat es einen Beigeschmack", meint Jason Urban, Co-Handelschef bei Galaxy Digital. Galaxy, der vom Milliardär Mike Novogratz gegründete Broker, profitierte immens vom Aufstieg von Kryptowährungen - gehörte aber auch zu den prominentesten Investoren bei Terra. "Man ist ein Opfer des eigenen Erfolgs."

Beobachter verweisen auf Parallelen zur Finanzkrise 2008. Vor anderthalb Jahrzehnten sorgten Nachschusspflichten für die ersten Probleme im Finanzsektor, die dann im Zusammenbruch von Lehman Brothers kulminierten. Bei Kryptos passierte nun etwas ähnliches: Celsius Network, Babel Finance und Three Arrows Capital gerieten in Liquiditätsprobleme, als die Preise für digitale Assets einbrachen, und legten damit die gegenseitigen Abhängigkeiten in der Branche zutage. Durch diese Brille gesehen, könnte der Lehman-Brothers-Moment unmittelbar vor der Tür stehen.

"Der Abschwung von 2022 sieht eher wie ein traditionelles Deleveraging aus", meint Lex Sokolin, globaler Fintech Co-Head bei ConsenSys. Auch das Vokabular - "Bank Run", "Insolvenz" - sei dasselbe wie in einer traditionellen Finanzkrise, so Sokolin.

Wie in anderen boomenden Märkten, waren auch die Kryptogewinne oftmals noch zusätzlich durch Kredite gehebelt, was nun auch den Abschwung beschleunigt. Da die Wetten oftmals mehr als einen Vermögenswert umfassen wird eine Ansteckung des gesamten Marktes wahrscheinlicher. Bei Kryptokrediten müssen Kreditnehmer oft mehr Sicherheiten stellen, als der Kredit wert ist. Wenn die Preise sinken, sind diese vormals überbesicherten Kredite schnell von Liquidation bedroht. Dass dieser Prozess im dezentralen Finanzwesen oft automatisch über spezialisierte Händler und Bots abläuft, verschärft den Effekt noch.

Dass angesichts der Niedrigzinsen und ultralockeren Geldpolitik gehebelte Spekulation den Kryptopreisen noch einen Schub verliehen habe, sei wahrscheinlich, meint auch John Griffin, Finanzprofessor an der University of Texas in Austin. Mit steigenden Zinsen würden die Preise nun noch schneller fallen, als sie gestiehen sind.

Keine Trendumkehr absehbar

"Es könnte einige Bärenrallyes geben, aber ich sehe keinen Katalysator, der den Trend auf absehbare Zeit umkehrt", sagte Griffin. "Unsere Studien zum Platzen der Nasdaq-Blase zeigen, dass die erfahrenen Anleger zuerst ausstiegen und verkauften, als die Kurse fielen, während Privatanleger den ganzen Weg nach unten entlang weiter kauften und ständig Geld verloren. Ich hoffe, dass sich die Geschichte nicht wiederholt, aber das tut sie oft."

Der Kryptomarkt ist jetzt wieder etwa 1 Billion Dollar wert. Das liegt etwas über den 830 Milliarden Dollar, die er vor dem letzten Kryptowinter Anfang 2018 erreicht hatte. In diesem sackte der Markt laut CoinMarketCap auf bis zu 100 Milliarden Dollar ab. Aber damals war der Markt nur eine Spielwiese für sehr engagierte Kleinanleger und ein paar Spezialfonds.

Die grössere Verbreitung hat auch zur Folge, dass die meisten Investoren Krypto nur noch als eine weitere Anlageklasse sehen und auch so behandeln. Dadurch korrelieren die Preise stärker mit denen anderer Werte, vor allem mit Technologieaktien. Aber der experimentelle und spekulative Charakter des Marktes verstärkte den Absturz und hat viele allzu sorglos handelnde Kleinanleger um ihre Ersparnisse gebracht. Die Marketing-Maschinerie der Branche läuft dennoch weiter auf Hochtouren und nutzt neue Wege wie Twitter und Reddit, um eine neue Generationen von Anlegern zu erreichen. 

Für Sina Meier, Managing Director beim Schweizer Krypto-Fondsmanagers 21Shares, ist Krypto deshalb immer noch nicht für alle geeignet. "Manche Leute sollten definitiv die Finger davon lassen", sagte sie Anfang Juni bei der Bloomberg-Konferenz Future of Finance in Zürich. Viele Kleinanleger folgten einfach dem, was sie in der Zeitungen läsen. "Das ist ein Fehler."

Entlassungen in der Krypto-Branche

Der Abschwung manifestiert sich derzeit nicht nur bei den Kursen. Crypto.com, Gemini Trust, BlockFi und auch die österreichische Bitpanda haben Entlassungen angekündigt. Coinbase hatte dieses Jahr etwa 1.200 Mitarbeiter eingestellt und entlässt nun etwa ebenso viele, eine Reduzierung der Belegschaft um 18 Prozent.

Doch inzwischen finanzieren Branchengiganten aus dem Bereich Venture Capital wie Andreessen Horowitz und Sequoia Capital viele Startups der Branche. 

Das bedeutet, dass einige der grössten Akteure zumindest nicht mehr auf Krypto-Vermögen angewiesen sind, sondern über Reserven an harter Währung verfügen, während sie an der Entwicklung neuer Blockchains oder dem Aufbau dezentraler Plattformen arbeiten. Freilich bedeutet das Ende des Bullenmarktes auch, dass sie das schneller ausgeben.

"Keines dieser Unternehmen wird in den nächsten Jahren schon ausgereift sein", sagt Alston Zecha, Partner bei Eight Roads. Aber die Erfolgsgeschichten beim Einsammeln von Finanzmitteln dürften nun seltener werden, meint er. "Wenn die Ebbe kommt, werden eine Menge Leute plötzlich nackt dastehen."

(Bloomberg)