Die dramatischen Bewertungsverluste bei grossen Fintechs wie bei Klarna und Checkout waren keine Einzelfälle im Krisenjahr 2022. Investoren fuhren weltweit ihre Finanzierungen in der Fintech-Branche wegen der höheren Zinsen und der gestiegenen Inflation zurück.

"Hoffnung und Vision allein reichen nicht mehr für Wagniskapitalgeber, um in Startups zu investieren", sagt Sven Meyer, Leiter Fintech bei der Beratungsfirma PwC, im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Reuters. Doch ein Bereich blieb für Wagniskapitalgeber trotz der schwachen Konjunktur attraktiv: Sie steckten laut Daten von PwC und Dealroom in diesem Jahr am meisten Kapital in Startups, die sich auf den Zahlungsverkehr spezialisiert haben. "Der Payment-Bereich ist auf Wachstumskurs, auch weil kleine und mittlere Unternehmen, öffentliche Institutionen und Händler Zahlungs- und Finanzierungsmöglichkeiten in ihre Abläufe integrieren wollen", sagt PwC-Fundraising-Expertin Sherin Maruhn.

In der gesamten Fintech-Branche ging das Finanzierungsvolumen im dritten Quartal um 62 Prozent im Vergleich zum Vorjahr zurück. Auch Fusionen und Übernahmen brachen in diesem Segment um fast ein Drittel im Vergleich zum Vorquartal ein. In den vergangenen Jahren genossen Fintechs einen regelrechten Hype, sagt Filip Dames, Mitgründer vom Berliner Venture Capital Fonds Cherry Ventures. Doch in der Welt der Wagniskapitalgeber habe ein Umdenken stattgefunden. "Wir sind jetzt nicht auf der Suche nach dem nächsten Revolut oder nach dem nächsten N26", sagte Dames. "Wir glauben nicht, dass im Bereich Neobanken kurzfristig viel Innovation kommt."

Payment-Industrie schneidet besser ab

In der diesjährigen Flaute schnitt die Payment-Industrie mit einem globalen Finanzierungsvolumen von 3,4 Milliarden Dollar (3,2 Milliarden Euro) noch am besten ab. In Deutschland führten im laufenden Jahr 19 Payment-Startups ihre Finanzierungsrunden im Gesamtwert von rund 200 Millionen Euro durch. Am meisten Geld (75 Millionen Euro) sammelte der Berliner Entwickler für Firmenkreditkarten Moss ein, gefolgt von Mondu, einem Buy-Now-Pay-Later–Anbieter. Cherry Ventures investierte in beide Startups.

Mit der Verbreitung von Geschäftsmodellen, wie etwa Essenslieferdienste, bei denen mehrere Teilnehmer in der einzelnen Transaktion eingebunden sind, braucht es zunehmend komplexere Zahlungssysteme. Durch solche veränderte Verbraucherverhalten und durch das hohe Potenzial für Innovation blieben Payment-Fintechs für Risikokapitalgeber attraktiv, sagte Maruhn.

Aber nicht nur die Wagniskapitalbranche, sondern auch global agierende Grossbanken haben die Chancen der Payment-Industrie erkannt. So ist die größte US-Bank JPMorgan seit Jahren führender Anbieter von Zahlungsdienstleistungen im europäischen E-Commerce. Zudem hatte JPMorgan im vergangenen Jahr 75 Prozent der Anteile der Volkswagen-Zahlungsdienste erworben, die im kompletten Auto-Ökosystem des Wolfsburger Konzerns eingesetzt werden.

E-Commerce und Kette von Dienstleistungen

"Die Banken haben den Payment-Bereich wiederentdeckt, weil sie für ihre Firmenkunden auch Lösungen im Bereich des E-Commerce und damit eine komplette Kette an Dienstleistungen anbieten können," sagte Sven Korschinowski, KPMG-Partner für Payments und Fintech. So hatte etwa die Deutsche Bank diverse Teile ihres Zahlungsgeschäfts über die Jahre aufgegeben. Doch mit ihrem "Merchant Solutions" Geschäftsfeld stieg das Frankfurter Geldhaus Anfang 2021 wieder in den Payment-Bereich ein und gründete einige Monate später ein Joint Venture mit dem führenden weltweiten Zahlungsanbieter Fiserv. Der Fokus: mittelständische Firmenkunden.

In Deutschland bezahlen Unternehmen ihre Käufe und Bestellungen immer noch am liebsten auf Rechnung, sagt der VC-Investor Dames. Doch das sollte in der Unternehmenswelt nicht mehr lange so bleiben. "Wenn man Handelspartner in der globalen Welt hat, bewegt sich alles Richtung Online-Payment." 

(Reuters)