Fünf Jahre Sergio Ermotti: Läuft es für ihn weiter rund?

Kühl, elegant und scheinbar ohne Anstrengung führt Sergio Ermotti die UBS seit fünf Jahren - in Phasen der Umbrüche eine lange Zeit. Was er erreicht hat, warum er so wenig kritisiert wird und wie es weitergehen könnte.
22.09.2016 08:12
Von Marc Forster
Sergio Ermotti wurde vor fünf Jahren oberster Chef der UBS.
Sergio Ermotti wurde vor fünf Jahren oberster Chef der UBS.
Bild: Bloomberg

Singapur vor fünf Jahren: Die Führungsspitze der UBS trifft sich im südostasiatischen Stadtstaat geplant zu einer Sitzung. Doch zehn Tage vorher hat der Milliardenskandal um den Londoner UBS-Händler Kweku Adoboli die Finanzwelt geschockt. Im Luxushotel Ritz-Carlton, wo die Bankspitze tagt, dominiert die Frage nach der Zukunft von Konzernchef Grübel das Geschehen.

Noch bei der Ankunft in Singapur hatte Grübel betont, er bleibe auf seinem Posten. Doch am 24. September übernimmt er die Verantwortung für das Händlerdebakel und tritt zurück. Nachfolger ad interim wird Sergio Ermotti.

Fünf Jahre nach diesen Ereignissen sitzt der heute 56-jährige Tessiner fest im Sattel. Er hat die grösste Schweizer Bank neu ausgerichtet und sie aus dem öffentlichen Dauerbeschuss herausnavigiert, in dem sie seit der Finanzkrise und der Staatsrettung 2008 gestanden hatte. Bis heute gibt es wenig Kritik. Ermottis CEO-Kollege Brady Dougan, der 2007 bis 2015 die Credit Suisse lenkte, war an diesem Punkt seiner Amtszeit bereits angezählt.

Investmentbanker stutzt Investmentbank

Fünf Jahre an der Spitze einer der 20 grössten Banken der Welt ist eine lange Zeit. Noch einmal so lange wird Ermotti kaum auf dem UBS-Chefsessel bleiben. Aber einen triftigen Grund, weswegen er bald zurücktreten müsste, gibt es nicht. Ermotti hält sich scheinbar mühelos im Amt, weil der Umbau der Bank bis heute als der richtige Schritt gesehen wird. Bei der Neuausrichtung drückte Ermotti der UBS seinen Stempel auf. Schon im November 2011 umriss er für die Bank in New York die Pläne, wonach die UBS schwergewichtig ein Vermögensverwalter werden sollte und das einst ruhmumwehte Investmentbanking die zweite Geige spielt.

Ermotti, der selber Investmentbanker war, zeigte keine Skrupel, die Sparte kleinzustutzen, also der Plan Ende 2012 forciert wurde. Die Investmentbank sollte die reichen Privatkunden beim Anlegen unterstützen und sich auf Aktienhandel sowie Börsengänge und Fusionen fokussieren. Vom krisenanfälligen Geschäft mit Anleihen, Währungen und Rohstoffen (FICC) liess man die Finger.

Grübel, im seinem Wesen immer ein Trader, hatte die Investmentbank noch einmal zu alter Grösse führen wollen. Doch die Zeiten haben sich geändert, und die als Folge der Finanzkrise verschärfte Regulierung machte das Handelshaus in Teilen unprofitabel. Unter Ermotti wählte die UBS Stabilität, baute Risiken ab und verabschiedete sich von unrealistisch gewordenen Renditezielen. Dafür stärkte sie die Kapitalbasis.

Gnade der späten Ernennung

Was Ermottis Position bis auf weiteres stützt ist gewissermassen auch die Gnade der späten Ernennung. Als er vor fünf Jahren interimistisch, und im darauffolgenden November offiziell UBS-Chef wurde, hatte die Bank die schwierigsten Zeiten hinter sich. Der Steuerstreit mit den USA war beigelegt und die Brandherde aus der Finanzkrise eingedämmt. Ermotti selbst war erst im April 2011 zur UBS gestossen, nachdem sich seine Ambitionen auf den Chefposten der italienischen Bank Unicredit nicht erfüllt hatten.

Unbelastet von der krisenhaften UBS-Vergangenheit wirkt der gutaussehende und gut gekleidete Ermotti bis heute. Die lange Liste der Rechtsfälle geht auf die Sünden seiner Vorgänger zurück. Ermotti wollte das leidige Kapitel von Anfang an hinter sich bringen. Die UBS betätigte sich auch als Whistleblower und wurde für diese Zusammenarbeit mit den Regulierern zum Teil mit geringen Strafen belohnt.

Aus heutiger Sicht besteht das Gefühl, dass Rechtsfälle proaktiv angegangen wurden. Andere machten schlechtere Erfahrungen. Die Credit Suisse setzte im Steuerstreit mit den USA auf lange Verhandlungen und bezahlte 2014 mehr als die UBS. Auf die Deutsche Bank stürzt die Last alter Rechtsfälle erst jetzt hinein.

Wo Licht ist, ist auch Schatten

Der nach aussen kühl-elegante Führungsstil macht Ermotti schwer angreifbar. Dies bedeutet aber nicht, dass die Bank heute problemlos dasteht. Zwar ist die UBS für Privatkunden der grösste Vermögensverwalter der Welt und Nummer eins im wichtigen Markt Asien, aber die Ergebnisse überzeugen manchmal mehr, manchmal weniger. Die UBS-Aktie ist heute ein Viertel mehr wert als im September 2011, ist aber seit der China-Krise Mitte vergangenen Jahres abgesackt. Zwar schüttet die UBS wieder Gewinnanteile aus, aber der Markt hat die Hoffnung weitgehend verloren, dass die Aktie eine Dividendenstory wird.

Supertanker wie die UBS mit 60'000 Mitarbeitern sind schwerfällig. Die dauernden Sparprogramme der letzten Jahre verunsichern UBS-Mitarbeiter vor allem in der Schweiz. Niemand weiss, wie gut die UBS für das Zeitalter der Digitalisierung gerüstet ist.

Und im Grunde genommen kann die UBS heute – im Unterschied etwa zu einem spezialisierten Technologiekonzern – nichts, was die Konkurrenz nicht auch kann. Allein ihre Grösse und ihr guter globaler Ruf bringen ihr gewisse Vorteile. Die Betrachtung der operativen Leistung der UBS und damit der Bilanz der Ermotti-Jahre gleicht immer dem Bild des halbvollen und halbleeren Glases.

Insignien der Macht

Es ist nicht ausgeschlossen, dass Ermottis Zeit an der UBS-Spitze noch unrühmlich endet. Natürlich kann ein Händlerskandal wie jener um Kweku Adoboli wieder passieren. Die UBS hat die Kontrollmechanismen aber rigoros verschärft, so dass von aussen gelegentlich der Eindruck einer Paranoia entsteht. Diese Kontrollen, wie sie 2011 bestanden, schützen aber auch das Management. Es bräuchte einiges, dass Ermotti wie sein Vorgänger Grübel aus dem Amt scheidet.

Also bleibt ein Rückzug von der UBS-Spitze bis auf weiteres Ermottis eigene Entscheidung. Würde er die UBS im heutigen Zustand verlassen, wäre sein Image anders als bei Grübel, Dougan, Ackermann & Co. intakt. Möglicherweise fällt Ermotti ein Abschied schwer, denn Chef der UBS oder irgendeiner andern Bank diesen Zuschnitts ist man nicht in erster Linie wegen des üppigen Salärs. Es geht um das Gefühl, Dinge zu bewegen, Entscheidungen zu fällen, Macht zu haben.

CEOs reisen unablässig um die Welt und geniessen in vielerlei Hinsicht einen Sonderstatus. Gut möglich, dass Ermotti die Privilegien und die äusseren Zeichen der Macht nicht missen möchte. Zumal es keinen Aufstieg mehr gibt, wenn man bereits einer der grössten Banken der Welt geführt hat. Die Zukunft wird für Ermotti eher aus Verwaltungsratsmandaten, Beratertätigkeiten und karikativen Engagements bestehen, oder er betätigt sich wie sein Vorgänger Grübel als Investor.