Gérard Piasko im Interview - «Wir haben US-Aktien jahrelang übergewichtet. Davon nehmen wir 2021 Abstand»

Gérard Piasko, Anlagechef von Maerki Baumann, erklärt im cash-Interview, warum er jetzt auf Europa-Aktien setzt, welche Branchen 2021 vorne sein werden und warum Joe Biden nicht einfach durchregieren kann.
07.01.2021 20:44
Interview: Henning Hölder
Gérard Piasko leitet als CIO das Anlagekomitee der Privatbank Maerki Baumann.
Gérard Piasko leitet als CIO das Anlagekomitee der Privatbank Maerki Baumann.
Bild: ZVG

cash.ch: 2020 war das Jahr der Technologie-Aktien, auch die Gesundheitsbranche war stark. Was wird man in zwölf Monaten über 2021 sagen?

Gérard Piasko: Das hängt in erster Linie natürlich stark vom weiteren Verlauf der Corona-Pandemie ab. Die wird uns weiter beschäftigen. Ich warne zwar davor, jetzt einfach nur auf die Gewinner von 2020 zu setzen, aber auch 2021 wird alles, was mit Online zu tun hat, weiter profitieren. Und das gilt nicht nur für den Einzelhandel, sondern auch für andere Online-Profiteure wie Kommunikation oder Cloud Computing. Nur weil das Jahr jetzt von 2020 auf 2021 gewechselt hat, sehe ich keine grundsätzlichen Veränderungen.

Also werden wir Ende 2021 ebenfalls vom Jahr der Technologie-Aktien sprechen?

Die Technologie-Aktien sind Unterstützer und Profiteure eines grundsätzlichen Strukturwandels. Es ist ja nicht so, dass dieser Trend erst mit Corona begonnen hätte, das Virus hat diese Entwicklung lediglich verstärkt. Ob wir Ende Jahr erneut von einem alles überragendem Jahr für Technologie-Aktien sprechen werden, kommt auf den weiteren Verlauf der Pandemie an.

2020 war die Bekämpfung der Virus-Folgen für die Wirtschaft das zentrale Thema. 2021 steht ganz im Zeichen der Impf-Hoffnung. Inwiefern rechnen Sie hier mit Enttäuschungen und dementsprechenden Rücksetzern am Markt?

Ich bin natürlich kein Mediziner. Aber die Wirksamkeit der Impfung, die im November positiv überrascht hat, haben die Märkte inzwischen eingepreist. Grundsätzlich ist Enttäuschungspotenzial da, zudem man muss die Lage längerfristig betrachten. Ich glaube etwa nicht, dass wir in 2021 bereits alle Fakten bekommen werden, was die Langzeitfolgen und Nebenwirkungen der Impfstoffe betrifft.

Aktien haben 2020 trotz der Corona-Krise ordentlich performt und eine wirtschaftliche Erholung für 2021 bereits antizipiert. Müssen wir uns, gemessen am breiten Markt, auf ein mageres Börsenjahr 2021 einstellen?

Ich glaube, die Performance 2020 ist nur teilweise die Antizipation von wachsenden Unternehmensgewinnen in 2021. Entscheidender war die unglaubliche Liquiditätsflut durch die Notenbanken und Regierungen, die wir 2020 gesehen haben. Das Ausmass war und ist einzigartig. Man muss wissen: Die geschaffene Liquidität ist zwar für die Finanzmärkte und die Wirtschaft gedacht. Meistens geht sie aber zuerst in die Finanzmärkte, wie diesmal auch. Die historisch einmalige Liquiditätsflutung, die übrigens anhalten wird, hat zu einer historisch einmaligen Erholungsrally geführt.

Würde eine tatsächliche wirtschaftliche Erholung, welche die Unternehmensgewinne auf breiter Basis zurückholt, die Märkte zusätzlich anschieben?

Eine wirtschaftliche Erholung ist teilweise eingepreist. Vor allem seit dem November ist ja viel passiert. Die Märkte sind daher mehr überkauft als noch im Verlauf des Jahres. Durch die Kursbewegungen der letzten Monate sind zwischenzeitliche Konsolidierung durchaus denkbar. Die hohe Liquidität wird aber dazu führen, dass vor allem institutionelle Investoren jede Korrektur dazu nutzen werden, um Aktien zu kaufen.

Die Industrie schwimmt derzeit auf einer kleinen Erfolgswelle. Die Einkaufsmanager-Indizes, welche die Stimmung der Industrie widerspiegeln, steigen vielerorts. Sollten Anleger 2021 auf diesen Sektor setzen?

Es ist ein interessantes Phänomen, dass seit dem zweiten Quartal 2020 die weltweite Industrieproduktion eigentlich nie ein grosses Problem war. Der Sektor kam nur kurzfristig zu Beginn der Pandemie im Frühjahr 2020 unter Druck, als die Zuliefererketten unterbrochen waren, wie etwa in China. Doch die chinesische Diktatur war nicht nur in der Lage, starke Corona-Beschränkungen durchzusetzen. Sie haben im Verlauf des Jahres die Industrieproduktion praktisch per Befehl wieder hochgefahren. Dadurch funktionierten die Zulieferketten wieder, was auch weltweit der Industriewirtschaft zugutekam. Ganz anders sah und sieht es natürlich für die Dienstleistungsbranchen, wie etwa dem Tourismus, dem Einzelhandel oder das Gastgewerbe, aus.

Bieten sich hier für mutige Anleger auch Chancen für 2021 an?

Die Entwicklung dieser Sektoren hängt schlicht und einfach vom weiteren Pandemie-Verlauf ab, den niemand mit Sicherheit abschätzen kann. Statt jetzt auf eine Erholung der Reise-Branche zu wetten, ist für das Portfolio ein guter Mix aus defensiven und zyklischen Titeln vernünftiger. Wichtig ist dabei, auf Unternehmen zu setzen, die in ihrer Branche eine gute Markposition haben und vor allem über eine solide Bilanz verfügen. Das ist gerade jetzt besonders wichtig, da die Gefahr von Kreditausfällen durch Corona stark gestiegen ist.

Wie schätzen die Aussichten für die Gesundheitsbranche ein?

Neben Technologie hat auch die Gesundheitsbranche ein langfristiges Wachstumspotenzial, das anderswo kaum zu finden ist, schon allein wegen der demografischen Entwicklung. Aber auch gerade durch Corona hat die Nachfrage im Gesundheitswesen nach Pharma-Produkten, Biotechnologie, Diagnostika etcetera einen zusätzlichen Schub erhalten.

Schauen wir auf die Regionen. Welche Aktienmärkte gewichten Sie 2021 stärker, wo sind Sie vorsichtiger?

Wir haben diesbezüglich für 2021 einige Anpassungen vorgenommen. In den letzten Jahren haben wir US-Aktien eigentlich immer übergewichtet, 2021 nehmen wir davon Abstand. Innerhalb von Europa haben wir 2020 auf Schweizer Aktien gesetzt, was sich sehr gut ausgezahlt hat. In den letzten Monaten haben wir jedoch vermehrt Aktien der Eurozone übergewichtet.

Wieso?

Einerseits ist der Euro, der sich als robust erweist, aus Anlegersicht natürlich ein Faktor. Anderseits sind die Bewertung von europäischen Aktien günstiger und bergen einiges an Aufholpotenzial. Aber auch Schweizer Aktien sind von der Bewertung her weiterhin interessant, vor allem im Verhältnis zum Weltindex.

Der kommende US-Präsident Joe Biden hat durch den Sieg der Demokraten bei den Senatswahlen in Georgia jetzt eine knappe Mehrheit im Senat. Lange hiess es vielerorts, eine solche «Blaue Welle» sei eher schlecht für die Märkte. Doch der Dow Jones reagiert positiv. Was ist nun richtig?

Die Befürchtung bei den Präsidentschaftswahlen im November war ja, dass eine noch grössere "Blaue Welle" droht, bei der die Demokraten im Senat nicht lediglich 50 Prozent plus die Stimme der demokratischen Vizepräsidentin Kamala Harris halten, wie es jetzt der Fall ist. Vielmehr fürchtete man eine Mehrheit von 60 Prozent. Viele Gesetze, wie etwa grosse Steuerreformen, die für viele Börsianer ein Graus sind, benötigen eine Mehrheit von 60 Prozent der Senatsstimmen.

Die Demokraten können im Senat also weiterhin nicht einfach alles durchwinken.

Genau. Allerdings, und das erklärt die positive Reaktion an den Börsen, können die Demokraten mit ihrer im Senat gewonnenen einfachen Mehrheit andere Gesetze wie etwa grosszügigere Stimulus-Pakete eher durchbringen. Das ist natürlich wiederum positiv für die Märkte.

Gérard Piasko leitet als CIO das Anlagekomitee der Privatbank Maerki Baumann. Zuvor war er über viele Jahre CIO bei Julius Baer, bei Sal. Oppenheim und bei der Deutschen Bank.

 
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