Bayer-Chef Bill Anderson stimmt den Pharma- und Agrarkonzern nach einem erneuten Milliardenverlust auf ein entscheidendes Jahr im Glyphosat-Rechtsstreit ein. «Das ist seit fast einem Jahrzehnt eine riesige Belastung für Bayer, und das muss aufhören, denn wir haben eine Mission, die wichtiger ist als ein Gerichtsstreit», sagte Anderson am Mittwoch bei der Vorstellung der Bilanz.
Zwar gebe es bei der Neuausrichtung des Leverkusener Unternehmens Fortschritte, «aber wir sind noch lange nicht am Ziel». 2026 werde das Jahr, «in dem wir die Hauptlast der Rechtsstreitigkeiten tragen müssen». Im abgelaufenen Geschäftsjahr 2025 weitete sich der Verlust auf 3,62 Milliarden Euro aus, nach einem Minus von 2,55 Milliarden im Jahr davor.
Für das laufende Jahr erwartet Bayer wegen eingeplanter Zahlungen für Rechtsfälle von rund fünf Milliarden Euro einen negativen Mittelzufluss (Free Cash Flow) von 1,5 bis 2,5 Milliarden Euro. Die Nettofinanzverschuldung werde dadurch auf 32 bis 33 (Vorjahr: 29,8) Milliarden Euro steigen.
Gegenwind kommt auch von negativen Währungseffekten: Der Umsatz dürfte sich deshalb auf 44 bis 46 Milliarden Euro belaufen und das bereinigte operative Ergebnis (Ebitda) auf 9,1 bis 9,6 Milliarden Euro sinken. Analysten hatten zuletzt 9,67 Milliarden Euro prognostiziert. Die Aktie gab um mehr als drei Prozent nach und zählte zu den grössten Verlierern im Dax. Der Fokus der Anleger liegt nach Ansicht der Analysten von JP Morgan auf den anstehenden Entscheidungen zum Glyphosat-Streit in den USA.
Kampf gegen US-Klagewelle bleibt Milliardengrab
Die von Anderson angestrebte Eindämmung der Rechtsrisiken bleibt die grösste Herausforderung. Die Klagewelle wegen der angeblich krebserregenden Wirkung des Unkrautvernichters Glyphosat hatte sich Bayer 2018 mit der milliardenschweren Übernahme des US-Entwicklers Monsanto eingehandelt. Vor Kurzem kündigte Anderson einen neuen Glyphosat-Vergleich zur Beilegung aktueller und künftiger Klagen an, der Zahlungen von bis zu 7,25 Milliarden Dollar über einen Zeitraum von bis zu 21 Jahren vorsieht. Er muss allerdings noch von einem Richter genehmigt werden.
Die Rückstellungen für Glyphosat und andere Rechtsfälle summieren sich inzwischen auf 11,8 Milliarden Euro. Anderson kritisierte das US-Rechtssystem scharf. Die grundlegende Frage sei, «ob die wissenschaftlichen Bemühungen von Hunderten von Wissenschaftlern durch eine Jury von Laien praktisch aufgehoben werden können.»
Eine grundsätzliche Klärung erhofft sich Bayer vom Obersten Gerichtshof der USA. Dort soll in einem Berufungsverfahren entschieden werden, ob Klagen wegen angeblich fehlender Warnhinweise nach einzelstaatlichem Recht zulässig sind, obwohl die US-Umweltbehörde EPA Glyphosat nicht als krebserregend einstuft und entsprechende Warnhinweise auf dem Produktlabel nicht erlaubt. Ein Urteil erwartet das Unternehmen in der zweiten Junihälfte. Sollte das Gericht zugunsten von Bayer urteilten, könnte das den eigentlichen Befreiungsschlag für den Konzern darstellen.
Tausende Stellen gestrichen
Parallel treibt Anderson den von ihm vor zweieinhalb Jahren eingeleiteten Konzernumbau voran. «Es gibt nur noch etwa halb so viele Hierarchieebenen wie vor Einführung des neuen Organisationsmodells, und wir haben zwei Drittel weniger Managementpositionen als damals», sagte der Manager. Bis Ende des Jahres soll der Umbau Einsparungen von insgesamt zwei Milliarden Euro liefern. Die Zahl der Beschäftigten sank 2025 um mehr als 4700 auf gut 88.000. Insgesamt fielen seit Beginn der Neuausrichtung rund 14.000 Stellen weg.
Im vergangenen Jahr bremsten negative Währungseffekte den Umsatz. Dieser sank um gut zwei Prozent auf 45,58 Milliarden Euro. Währungsbereinigt verzeichnete Bayer ein Plus von 1,1 Prozent. Das um Sondereinflüsse bereinigte operative Ergebnis (Ebitda) fiel um 4,5 Prozent auf 9,67 Milliarden Euro. Im gestiegenen Nettoverlust schlugen vor allem Sonderaufwendungen für Rechtsfälle von gut sechs Milliarden Euro zu Buche. Die Aktionäre sollen für 2025 erneut nur die gesetzliche Mindestdividende von elf Cent je Aktie erhalten.
Auf die Frage nach einer Bilanz seiner rund dreijährigen Amtszeit sagte Anderson, bei den fünf Kernaufgaben – der Erneuerung der Pharma-Pipeline, der Steigerung der Profitabilität im Agrargeschäft, dem Schuldenabbau, der Bewältigung der Rechtsstreitigkeiten und der Reduzierung von Bürokratie – seien enorme Fortschritte erzielt worden.
Von Diskussionen über die künftige Konzernstruktur lasse man sich nicht ablenken, werde das Thema aber «zu gegebener Zeit» angehen. Die Rückmeldung der Mitarbeiter zu den bisherigen Veränderungen sei zwar sehr positiv. Doch auf die Frage, wie viel noch zu tun sei, sei die Antwort eindeutig. «Die Leute sagen mir durchweg: Wir haben mehr zu tun, als wir bisher getan haben. Und das finde ich tatsächlich aufregend.»

