Obwohl die weltweiten Ölbestände «wahrscheinlich nicht auf ein kritisches Mindestniveau sinken werden, sind das Tempo des Abbaus und die Versorgungsengpässe in einigen Regionen und bei bestimmten Produkten besorgniserregend», schrieben die Goldman-Sachs-Analysten Yulia Zhestkova Grigsby und Daan Struyven in einer Notiz vom 4. Mai.
Insgesamt werden die globalen Ölreserven auf den niedrigsten Stand seit etwa acht Jahren geschätzt. Bis Ende Mai könnten sie von derzeit 101 Tagen auf 98 Tage Nachfrage sinken, so die Prognose.
Dennoch unterschätzen diese Daten «die Risiken von Engpässen bei bestimmten Produkten in bestimmten Ländern deutlich», betonten die beiden Experten. «Obwohl die globalen Ölbestände (noch) nicht kritisch sind, kann ein Überschuss in einem Land oder bei einem Produkt nicht immer Engpässe anderswo ausgleichen.»
Der Ölmarkt wurde durch den Iran-Krieg, der nun im dritten Monat andauert, völlig auf den Kopf gestellt. Die Strasse von Hormus bleibt faktisch gesperrt, da neue Gefechte zwischen den USA und dem Iran Zweifel an einer Waffenruhe aufkommen lassen. Der Brent-Ölpreis ist seit Kriegsbeginn um fast 60 Prozent gestiegen, und Ölprodukte haben sogar noch stärker zugelegt.
Die dringlichsten Knappheitsrisiken bestehen weiterhin bei den petrochemischen Grundstoffen Naphtha und Flüssiggas (LPG) sowie bei Kerosin in Europa und aufstrebenden asiatischen Märkten (ohne China), so die Analysten. Die kommerziellen Kerosinbestände in Europa könnten im Juni unter die sogenannten kritischen Knappheitsschwellen fallen, warnten sie.
Die Schätzungen der Bank zu Raffinerieprodukten und den eigenen Rohölreserven der Länder «deuten auf ein erhöhtes Risiko von Produktknappheit in Südafrika, Indien, Thailand und Taiwan hin», fügten sie hinzu.
(Bloomberg/cash)
