Lange Zeit galt es an der Wall Street als ausgemachte Sache: Der weltweite Markt für Medikamente gegen Fettleibigkeit sollte im kommenden Jahrzehnt auf 150 Milliarden Dollar wachsen, angetrieben von hochwirksamen Abnehmspritzen der Pharmakonzerne Novo Nordisk und Eli Lilly. Doch diese Gewissheit schwindet.
Fallende Preise in den USA und zunehmender Wettbewerb lassen Analysten und Investoren ihre Prognosen überdenken. Die einstige Goldgräberstimmung weicht einer neuen Nüchternheit. «Der 150-Milliarden-Dollar-Kuchen ist weg, selbst wenn man bei den Absatzmengen sehr optimistisch ist», sagt Jefferies-Analyst Michael Leuchten.
Hauptgrund für die wachsende Skepsis ist der rasche Preisverfall auf dem wichtigen US-Markt. Kosteten die Präparate Wegovy von Novo und Zepbound von Lilly nach ihrer Einführung noch rund 1000 Dollar im Monat, werden sie inzwischen - auch infolge politischen Drucks - direkt auf den Internetseiten der Hersteller für 149 bis 299 Dollar angeboten. «Vor ein paar Jahren hat kaum jemand damit gerechnet, dass der Preisdruck so schnell kommt», sagt Fondsmanager Terence McManus von Bellevue Asset Management mit Blick auf den boomenden Direktvertrieb und den bevorstehenden Markteintritt von Nachahmerpräparaten.
Rückläufige Marktprognosen
Noch 2023 reichten die Schätzungen für den weltweiten Markt für Adipositas-Medikamente teils bis zu 200 Milliarden Dollar Anfang der 2030er-Jahre. Heute liegen viele Prognosen deutlich darunter. Für 2030 erwarten Analysten im Schnitt nur noch rund 100 Milliarden. Die Marke von 150 Milliarden Dollar rückt für einige Experten nun auf das Jahr 2035.
Besonders deutlich fällt die Korrektur bei Jefferies aus. Die Investmentbank senkte im Januar ihre Prognose für den Spitzenumsatz auf 80 Milliarden Dollar, nachdem sie zuvor von über 100 Milliarden ausgegangen war. Auch das Marktforschungsunternehmen IQVIA verschob seine Prognose eines weltweiten Marktes von rund 130 Milliarden Dollar von 2028 auf das Jahr 2034.
Zwar wachsen die Verschreibungszahlen weiter, doch längst nicht mehr explosionsartig. In der Woche bis zum 23. Januar wurden in den USA laut Daten des Marktforschungsunternehmens IQVIA insgesamt 730.000 Rezepte für die Wegovy-Spritze und -Tablette sowie die Zepbound-Spritze ausgestellt. Während die Zahl der neuen Wegovy-Verschreibungen - vor allem dank der neuen Tablette - um vier Prozent zulegte, stiegen die für Zepbound nur um 0,9 Prozent. Ohne einen deutlichen Nachfrageschub stünden die optimistischsten Szenarien «auf dünnem Eis», warnt HSBC-Analyst Rajesh Kumar. Zusätzliche Unsicherheit bringt die nächste Innovationswelle in Form von Abnehmtabletten. Lilly erwartet die Zulassung für seine Tablette im April. Entscheidend wird sein, ob die einfacher anzuwendenden Pillen neue Patientengruppen erschliessen oder vor allem zu Lasten bestehender Therapien gehen.
Quartalszahlen voraus
Dennoch halten einige Marktbeobachter an ihren langfristigen Erwartungen fest. Pfizer-Chef Albert Bourla rechnet weiter mit einem Marktvolumen von 150 Milliarden Dollar bis 2030 fest. Auch BMO Capital Markets setzt darauf, dass sinkende Preise die Absatzmengen so stark erhöhen, dass sie die Preiseffekte mehr als ausgleichen. «Die Unternehmen können den Preisdruck durch Generika verkraften», sagte BMO-Analyst Evan Seigerman. Ob diese Rechnung aufgeht, dürfte sich erst schrittweise zeigen.
Die am Mittwoch anstehenden Quartalszahlen von Novo Nordisk und Eli Lilly dürften weitere Aufschlüsse geben. Klarer wird das Bild erst mit der nächsten Produktgeneration: «In ein paar Wochen werden wir zumindest eine bessere Vorstellung vom Potenzial der Tabletten haben und davon, ob sie den Markt erweitern oder lediglich Marktanteile von den Spritzen übernehmen», sagt Portfoliomanager Markus Manns von Union Investment.
(Reuters)
