Hans Leutenegger im Interview - «Geld musst Du haben und nicht davon reden»

Selfmade-Millionär Hans «Hausi» Leutenegger äussert sich im Interview mit cash über seinen Weg zu Reichtum, über die Last als Unternehmer und über das Altern.
31.01.2017 08:08
Interview: Daniel Hügli und Marc Forster
Hans Leutenegger gründete 1965 die Hans Leutenegger AG.
Bild: Nik Hunger

 

Dieses Interview ist Teil des am 1. Februar 2017 erscheinenden Anlegermagazins «VALUE» von cash. Sie können das Magazin als E-Paper lesen, als PDF herunterladen oder gratis als gedruckte Ausgabe bestellen.

 

cash VALUE: Hausi Leutenegger, wie wird man reich?

Hans Leutenegger*: Man kann nur dann reich werden, wenn man ausschliesslich auf sich selbst hört. Man muss eine eigene Meinung haben. Und: Jeder Mensch hat ein Talent, man muss bloss herausfinden, wo die Stärken der Person liegen. Dann kann man reich werden. Es gibt so viele intelligente Menschen auf der Welt, die es zu nichts gebracht haben, weil sie einfach immer das Falsche getan haben. 

Sie gründeten 1965 nach Wanderjahren als Schlosser in Genf, Holland und Jamaika im Alter von 25 die Hans Leutenegger AG, die Monteure für Kurzeinsätze ausleiht. Gehört zu Reichtum manchmal auch eine gute Geschäftsidee?

Ich brachte die Idee aus Holland mit. Zum Laufen kam das Geschäft so richtig, als Suchard in Neuenburg dringend Arbeiter brauchte. Ich organisierte diese. Dann kam die Zigarettenfirma Brunette, dann eine Papeterie in Serrières; zwei Mann hier, vier Mann dort, immer mehr Firmen verlangten nach Arbeitern. Ich brachte sie immer. Dazu fuhr ich in der ganzen Schweiz herum, hatte mit allen Serviertöchtern der Schweiz einen guten Umgang. Den Umgang mit Frauen hatte ich schliesslich in Holland gelernt. 

Das half Ihnen?

Natürlich. Die Serviertöchter waren meine Helferinnen. Denen im Bahnhofbuffet Olten steckte ich 100 Franken zu und sagte: «Du, wenn du jemanden kennst, der Arbeit sucht, dann sag es mir.» Mein Geschäft explodierte richtig.

Was zeichnet einen erfolgreichen ­Geschäftsmann aus?

Die Kommunikation und der richtige Umgang mit den Leuten. Ich redete mit allen Leuten, vor allem mit den einfachen. Man muss die Kontakte über die Jahre pflegen. Und man muss den Leuten das Gefühl geben, sie seien wichtig. Entscheidend ist auch, dass Sie sich im Le­­­­-
ben nicht überschätzen und die eigenen Grenzen kennen.

Hatten Sie je ein Vorbild?

Geschäftlich? Nein. Aber im  Sport hatte ich immer nur ein Vorbild: Ferdy Kübler. Und die Cowboys im Film. Ich habe immer selber meine Erfahrungen gesammelt. Die Schlosserlehre absolvierte ich bei Gries­ser in Aadorf und ging dann nach Genf. Als Servicemonteur reparierte ich die Heizungen bei den reichen Leuten oben in Cologny. Die riefen oft: «Machen Sie schnell und keine Sauordnung.» Dieser Umgang gefiel mir nicht, und ich sagte mir: Sollte ich einmal reich werden, dann werde ich die Leute anders behandeln.

Vor Ihrer Firmengründung in Genf jobbten Sie ja auch als Vertreter für Teppichschaum und Pfannen …

Auch das eine lehrreiche und lustige Zeit. Mit meinem Assistenten Josef Brunner, einem 20-Jährigen, den ich anlehren musste, fuhr ich den Zürichberg hoch und läutete am Haus des Fussballstars Xam Abegglen. Seine Frau kam an die Tür. «Frau Abegglen, vor der ‹Frühlingsputzete› machen wir eine Kampagne für Teppichpflege. Sie werden sehen, wie gut unser Mittel ist», sagte ich. Frau Abegglen antwortete: «Auf euch habe ich gewartet!» Ihre Enkel waren über Ostern in ihrem Haus und hatten Tinte auf der Couch ausgeleert, wie sie sagte. «Wenn Xam das sieht, macht er einen Riesenskandal. Bringen Sie diesen Flecken weg.»

Und dann?

Ich: «Kein Problem! Wir bringen das Zeug in Ordnung. Bringen Sie ein wenig Wasser.» Doch als ich zu reiben anfing, wurde der Fleck immer grösser. So auch die Augen von Frau Abegglen. Ich verlangte nach Salz und Pfeffer und überlegte mir, wie ich da herauskommen könnte. Ich sagte dann, ich müsste schnell das Gegenmittel holen. Draussen stieg ich ins Auto und weg war ich. Den Brunner liess ich stehen. Jahre später erzählte er mir, dass Frau Abegglen ihn aus dem Haus geprügelt und mit einer Pfanne beworfen habe.

Hans Leutenegger (Mitte) im Gespräch mit cash-Chefredaktor Daniel Hügli (rechts) und cash-Redaktor Marc Forster (links).

Ist eine «Tellerwäscher-Karriere» wie die Ihrige heute noch möglich?

Ich glaube nicht. Als ich 1965 anfing, 20 Jahre nach dem Krieg, da kam alles in Schwung. Da brauchte es jemanden wie mich. Der Viererbob-Olympiasieg 1972 machte mich auch in Deutschland bekannt und half mir natürlich im Geschäft. Ich war sicher ein wenig abnormal. Tag und Nacht unterwegs, in allen Bahnhofbuffets anzutreffen. Aber so trieb ich die Arbeiter zusammen. 

Was bedeutet Ihnen Geld?

Ich war und bin nie dort, wo die Leute nur von ihren Millionen reden. Das interessiert mich nicht. Ich sagte immer: «Geld musst du haben und nicht davon reden.» Ich hatte immer Respekt vor dem Geld und habe immer nur mein eigenes ausgegeben. Die Bedeutung von Geld nimmt nach 70 Lebensjahren sowieso ab. Meine grosse Angst war immer, dass ich einmal die Löhne nicht mehr zahlen könnte. Das wäre die grösste Schmach für mich gewesen. Ich holte ja fast alle meine Jugendfreunde in das Unternehmen. Ich bin sehr glücklich, dass das nie passiert ist.

Liegt Ihr Vermögen nun eher bei 100 Millionen oder bei 200 Millionen Franken?

Rund 100 Millionen Franken stecken in Immobilien. Es kann auch mehr sein, es ist mir wurst. Im Immobilienbereich habe ich alle Übertreibungen erlebt. In den 80er-
Jahren konnte man in Genf einen Wohnblock für 5 Millionen Franken kaufen. Ein halbes Jahr später kostete er 7 Millio­nen. Die Hauszinsen bleiben gleich, aber der Wert nimmt ständig zu. Ich sagte mir: Diese Rechnung geht nicht auf. Tatsächlich kam 1988 der «Chlapf». All die Angeber am Genfersee gingen Konkurs, und der Einzige, der gut dastand, war der Hausi Leutenegger. Ich habe in 13 Kantonen Häuser und Wohnungen, nur ganz wenige davon sind mit Hypotheken belastet. Ich zahle immer bar.

Misstrauen Sie den Banken?

Ich verurteile die Unseriosität vieler Banken. Sie verkaufen den Kunden Titel, von denen die Leute nichts verstehen. Ich traue nur meiner Hausbank, der Raiffeisenfiliale im thurgauischen Bichelsee, wo ich aufwuchs. Mein dortiger Bankverwalter, der «Kässeli-Guscht», kriegte vor lauter Aufregung einen halben Herzinfarkt, als sein kleines Bänkli wegen mir einen solchen Aufschwung erlebte. Ich werde ja auch oft gefragt, was man mit einem grossen Lottogewinn machen soll. Meine Antwort: In einen Schrank sperren und eine grosse Reise machen. Bloss das Geld nicht bei einer Bank anlegen.

Wenn Sie nicht investieren, dann zahlen Sie auf Ihren Barbeständen auf der Bank ja bald Negativzinsen.

Ich habe diesbezüglich einen Deal mit meiner Bank, weil ich natürlich ein wenig Macht habe. Ich sagte: «Das mache ich nicht mit! Wenn ihr mit Negativzinsen beginnt, hole ich mir das Geld zurück.»

Aber in Aktien haben Sie nebst Immobilien auch investiert?

Ja, ich habe immer noch so Zeug, aber nicht viel. Zum Beispiel UBS-Aktien.

Welches Verhältnis haben die Schweizer zum Geld?

Die ganz Reichen sind verklemmt bei diesem Thema. Es gibt nur ganz wenige, die ihren Reichtum zeigen. Weil sie Angst haben, sie müssten etwas davon hergeben. Viele reiche Leute sind von Haus auf geizig. Der Durchschnittsschweizer dagegen ist nicht geizig. Er gibt im Ausland meistens Trinkgeld. Die Deutschen machen das weniger. 

Sie selber haben über Jahrzehnte Sportvereine und Institutionen unterstützt. Kamen Sie sich nie ausgenützt vor?

Nein. Ich habe immer gerne gegeben, und das Geld gab ich oft den einfachen Leuten. Da kam auch vieles retour. «Gang zum Hausi go schaffe», hiess es dann. Die Mund-zu-Mundpropaganda half mir. 

Für alle sind Sie der lustige Hausi. Spielen Sie da auch eine Rolle? Gibt es einen anderen Hans Leutenegger?

Ich bin ein lustiger Mensch, klar. Aber es gibt Schattenseiten. Ich habe auf den Baustellen zwölf Monteure durch tödliche Unfälle verloren. Ich musste einmal einem Mann den Unfalltod seines Bruders mitteilen. Ich hatte seine Reaktion, sein Schreien, noch ein halbes Jahr später in den Ohren. Die Unfälle in meiner Firma haben mich immer schwer getroffen. Und schauen Sie: Ich war der Boss in meiner Familie, obwohl ich erst das fünfte von acht Kindern war. Ich pflege die Familie noch heute. Aber ich leide grausam darunter, dass die Familienmitglieder wegsterben. Und dass meine Freunde sterben. Aber ich durfte das nie zeigen. Innerlich bin ich oft nicht der Hausi, den man sieht und hört. Ich lebe mit meiner Frau sehr zurückgezogen am Genfersee. 

Macht Ihnen das Altern Mühe?

Das macht allen Mühe. Wer das Gegenteil behauptet, ist nicht ehrlich. Klar, wäre ich gerne nochmals 15 Jahre jünger und täte nochmals ein bisschen wichtig. 

Bereuen Sie auch etwas in Ihrem Leben?

Wenn ich noch einmal auf die Welt käme, würde ich statt nach Genf in die USA gehen, würde richtig Englisch lernen und ginge zum Film. Ich würde nicht mehr Unternehmer werden. Die 52 Jahre Unternehmertum waren immer eine Belastung. Darum nehme ich seit letztem November auch nicht mehr an den Verwaltungsratssitzungen teil. Ich sagte den Herren aber auch: «Falls ihr einmal rote Zahlen schreibt, dann …»

… kommen Sie zurück.

Nein, dann verkaufe ich die Firma den Rus­sen!

An was von Ihnen sollen sich die Leute erinnern, wenn Sie einmal nicht mehr da sind?

Meine Sprüche werden sicher bleiben. Aber sonst ist mir das egal. Der Tod bedeutet das Ende. Terminé. Wobei ich ja sehr katholisch bin und glaube, dass es noch etwas geben wird nach dem Tod. Meine Schwägerin begleitet Leute in den Tod. Sie sagt immer: Die schlechten Menschen sterben schlecht, die guten Menschen sterben schön. Aber die Sterbenden sehen alle etwas. Daher glaube ich: Es muss noch etwas kommen.

Haben Sie Angst vor dem Tod?

Der Tod passt keinem Menschen. Aber Angst habe ich keine davor. 

Schauen Sie auch das Video-Interview mit Hans Leutenegger.

*Hans Leutenegger (77) wuchs in Bichelsee TG als fünftes von acht Kindern einer Kleinbauernfamilie auf. Er ist in zweiter Ehe verheiratet und hat einen Sohn und eine Tochter mit seiner ersten Frau, die mit 62 Jahren verstarb. Nach einer Lehre als Bauschlosser und Arbeitseinsätzen unter anderem in Holland und Jamaika, gründete er als 25-Jähriger in Genf die Hans Leutenegger AG. Die Firma verleiht festangestellte Monteure an Drittfirmen und beschäftigt heute mit zehn Filialen in der Schweiz und einer in Deutschland rund 1100 Angestellte. Firmeninhaber Leutenegger wirkt noch als Ehrenpräsident, sein Sohn Jean-Claude ist Verwaltungsratspräsident. Daneben betätigte sich Leutenegger als Spitzensportler und Schauspieler: 1972 holte er an den Olympischen Spielen in Sapporo die Goldmedaille im Viererbob. Ab 1985 wirkte er in 35 Film- und TV-Produktionen mit, so unter anderem in «Commando Leopard» mit Klaus Kinski.