Beide Seiten sprachen von zahlreichen Toten. Die Strassen des Orts sollen mit Leichen gesät sein. "Russland treibt seine eigenen Leute zu Tausenden in den Tod, aber wir halten durch", sagte die stellvertretende Verteidigungsministerin Hanna Maljar am Donnerstag. Die Regierung in Kiew räumte Bodengewinne der Russen ein, dementierte aber, ihre eigene Garnison aus Soledar abgezogen zu haben. Sie widersprach damit dem Chef der russischen Söldnertruppe Wagner, Jewgeni Prigoschin, der am Mittwoch die gesamte Einnahme durch seine Kämpfer vermeldet hatte.

Die Führung in Moskau wollte noch keinen Sieg im Kampf um den kleinen, von ihr als strategisch wichtig beschriebenen ostukrainischen Ort erklären. Es gebe aber eine "positive Dynamik", sagte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow. Die von Russland eingesetzten Behörden in den besetzten Gebieten der Region Donezk, in der Soledar liegt, erklärten laut einem Bericht der Nachrichtenagentur Tass, dass es in Soledar nach wie vor "Widerstandsnester" gebe. Der westliche Teil der Stadt stehe aber vollständig unter Kontrolle russischer Truppen.

"Die Kämpfe sind heftig", sagte die ukrainische Vize-Verteidigungsministerin Maljar. Die Russen würden "über ihre eigenen Leichen" marschieren. Sie betonte, dass Russland seine Einheiten in der Ukraine binnen einer Woche von 250 auf 280 aufgestockt habe. Wagner-Chef Prigoschin, ein enger Verbündeter von Russlands Präsident Wladimir Putin, sagte, seine Söldner hätten in der Schlacht um Soledar etwa 500 ukrainische Soldaten getötet. Pawlo Kyrylenko, der Gouverneur der Region Donezk, sagte dem ukrainischen Staatsfernsehen, dass sich in Soledar noch 559 Zivilisten aufhielten, darunter 15 Kinder. Sie könnten aber nicht evakuiert werden, weil die Kämpfe andauerten. Die Angaben zur Lage liessen sich unabhängig nicht überprüfen.

Russland tauscht Oberbefehlshaber aus

Vor dem Krieg lebten etwa 10'000 Menschen in Soledar. Sollte Russland die Stadt erobern, wäre das ihr grösster militärischer Erfolg in der Ukraine seit einer Serie von demütigenden Rückschlägen in den vergangenen Monaten. Allerdings ist der Preis dafür nach Auffassung vieler Militärexperten angesichts der zahlreichen Toten unverhältnismässig hoch. Zudem ist Russland bei seinem Versuch, das in der Nähe gelegene strategisch weitaus wichtigere und gut zehnmal so grosse Bachmut zu erobern, bislang nicht wesentlich vorangekommen.

Im Zuge des Rückschläge hatte Russland zuletzt einige Führungsposten im Militär neubesetzt. Am Mittwoch wurde der Oberbefehlshaber der Truppen im Ukraine-Krieg binnen weniger Monate erneut ausgetauscht. Das Verteidigungsministerium in Moskau gab die Ernennung von Generalstabschef Waleri Gerassimow bekannt. Er ersetzt Luftwaffengeneral Sergej Surowikin, der erst Anfang Oktober den Posten erhalten hatte. Surowikin ist künftig einer der drei Stellvertreter Gerassimows, was faktisch einer Herabstufung gleichkommt. Zur Begründung hiess es, mit dem Schritt solle die Effektivität des Militäreinsatzes in der Ukraine gesteigert werden.

Insgesamt gab es an der Front seit Russlands letztem Rückzug im Süden vor zwei Monaten kaum Bewegung. Die Regierung in Kiew hat sich zum Ziel gesetzt, in diesem Jahr alle russischen Soldaten aus ihrem Land zu vertreiben. Sie hofft dabei auf weitere Unterstützung des Westens und dringt auf die Lieferung schwerer Waffen. In Europa ist deswegen eine Debatte über die Lieferung des Kampfpanzers Leopard 2 aus deutscher Produktion entbrannt.

(Reuters)